Talmudisches

Unterm Bett des Rabbis

Warum manche Schüler meinen, überall Tora lernen zu müssen

08.11.2018 – von Vyacheslav DobrovychVyacheslav Dobrovych

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Sexualität ist ein brisantes Thema, ein Thema, das manchmal auch die Diskussionen der talmudischen Weisen bestimmte. Der Talmud (Berachot 62a) berichtet, dass Rav Kahana sich unter dem Bett seines Lehrers Rav versteckte.

Er belauschte Rav vor und während des Geschlechtsverkehrs mit seiner Frau. Dann schrie Rav Kahana auf: »Du gleichst demjenigen, der noch nie ein gekochtes Mahl probiert hat!« Er war von dem lustvollen Verhalten seines Rabbiners schockiert.

Rav antwortet ihm: »Kahana, du bist hier? Geh weg! Das ist kein gutes Verhalten, das du da an den Tag legst!« Sein Schüler entgegnete ihm: »Es ist Tora, und ich muss lernen!«
Von dieser eigenartigen Begebenheit erzählt der Talmud im Kontext anderer Geschichten, in denen Schüler ihren Lehrern bis in die Intimsphäre gefolgt sind, um dort von ihrem Verhalten zu lernen.

Die Geschichte wird nicht weiter gewertet. Was ist die Hauptaussage dieser Erzählung? Ist es die Kritik am Fanatismus Rav Kahanas, der nicht einmal vor der Intimsphäre seines Rabbis haltmacht? Ist es die Bezeugung dessen, dass Rabbiner auch ein physisches Leben führen? Ist es vielleicht, dass die Tora als der Wille G’ttes in allen Lebensbereichen, selbst in den intimsten, Gültigkeit besitzt?

Sex Ich denke, alle genannten Deutungen haben eine gewisse Legitimität. Die jüdischen Schriften scheuen sich nicht vor dem Thema Sex. Sie regulieren es mit Gesetzen. Sie diskutieren die Regeln ständig und intensiv. Das Judentum lehnt die Sexualität nicht ab und verteufelt sie auch nicht. Dennoch wird die Diskretion gewahrt. Trotz der Vielzahl an vorhandenen Gesetzen und Regeln zur Sexualität scheint es mir, dass es im Judentum ein generelles Prinzip gibt, das sich durch die Schriften zieht.

Dieses Prinzip gibt uns nicht nur Aufschluss über die jüdische Gesetzeslehre, sondern kann auch einen wichtigen Anstoß geben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Maimonides, der Rambam (1135–1204), fasst in seinem kolossalen Werk Mischne Tora viele Gesetze, welche die Sexualität betreffen, in dem Teil »Sefer Keduscha« (Buch der Heiligkeit) zusammen.

heiligkeit In orthodoxen Kreisen werden die Se­xualität und die damit verbundenen Angelegenheiten manchmal als »Injanei Keduscha« (Angelegenheiten der Heiligkeit) bezeichnet. Nicht nur das Gebet oder das Studium der Tora, sondern auch die Sexualität wird primär mit der Heiligkeit in Verbindung gebracht.

Der Jerusalemer Rabbiner Reuven Leuchter definiert den Begriff »Heiligkeit« als Bewusstsein dafür, dass man während seiner Taten mit mehr verbunden ist als nur mit den eigenen Trieben und dem Ego. Wer in seinen Handlungen mehr sieht als nur sich selbst, hat bereits eine Stufe der Heiligkeit erreicht.

Dies ist die Heiligkeit, die die Tora fordert: »Darum heiligt euch und seid heilig; denn ich bin der Ewige, euer G’tt« (3. Buch Mose 20,7). Wer beispielsweise isst und dabei sieht, dass das Essen ein Segen G’ttes ist, wer Dankbarkeit für die Nahrung verspürt, der isst mit Heiligkeit.

Die Sexualität ist dabei der natürliche Ort der Heiligkeit, denn gerade hier findet die natürliche körperliche Verbindung mit dem »mehr als nur sich selbst« statt. Sei es die Verbindung mit dem Partner oder der Partnerin oder das Zeugen neuen Lebens.
Die Sexualität kann aber auch der natürliche Ort der Unheiligkeit werden, denn gerade das selbstzentrierte physische Bedürfnis, die Abgrenzung von allem außerhalb der eigenen Bedürfnisse, ist nach der oben genannten Definition das genaue Gegenteil der Heiligkeit.

Dies ist das Prinzip, das sich durch die Sexualgesetze des Judentums zieht. Das Judentum fordert, die eigenen Triebe manchmal zurückzustellen, um sich mit G’tt zu verbinden. Das Judentum lehrt aber vor allem auch, dass es Situationen gibt, in denen man die eigene Lust zurückhalten sollte, um sich mit dem Partner oder der Partnerin zu verbinden. Empathie und Idealismus dürfen nicht auf dem Altar der Lust sterben.

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