Geschichte

»Die Ohrfeige, die die Jugend den Nazis gab«

Vor 50 Jahren ohrfeigte Beate Klarsfeld den damaligen Kanzler Kiesinger. Ein Besuch bei der Publizistin in Paris

07.11.2018 – von Martina ZimmermannMartina Zimmermann

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Serge Klarsfeld öffnet die Tür des Büros der »Klarsfeld Foundation« im 8. Pariser Arrondissement, die beiden Hunde bellen. Beate Klarsfeld kommt pünktlich zum Interviewtermin dazu, sie war gerade beim Zahnarzt. Aber sie ist sofort im Thema.

»Die deutsche Geschichte wurde aufgearbeitet, dank Gedenkstätten und Schulunterricht«, sagt die 79-Jährige, die einst als »Nestbeschmutzerin« beschimpft wurde, »das war zu meiner Zeit nicht der Fall«.

Symbol Zu ihrer Zeit, damit meint sie auch den 7. November 1968: Mit den Worten »Nazi, tritt zurück!« ohrfeigte die 29-jährige Klarsfeld den damaligen Bundeskanzler Kurt Kiesinger auf dem CDU-Parteitag in Berlin. Kiesinger war 1933 in die NSDAP eingetreten, galt Kritikerinnen wie Klarsfeld als Symbol für das Fortwirken alter Nazis in Staat und Verwaltung.

Klarsfeld wurde noch am selben Abend wegen vorsätzlicher Beleidigung und Körperverletzung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, später wurde das Urteil in vier Monate auf Bewährung umgewandelt.

Fast ein halbes Jahrhundert danach, im Jahr 2012, trat die zierliche Frau mit den mittellangen braunen Haaren als – chancenlose – Kandidatin der Linkspartei für die Bundespräsidentschaft an. Gewählt wurde Joachim Gauck.

Aufarbeitung 2015 erhielten Beate Klarsfeld und ihr Mann das Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste um die Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Das erzählt sie mit einer gewissen Genugtuung: »Da habe ich doch was geleistet, was ich nie gedacht hätte, als ich 1960 als Au-pair-Mädchen nach Paris kam.« Und Serge Klarsfeld sagt: »Sie trat in die Geschichte ein, und nicht unter der Rubrik ›Buntes‹.«

Die damalige Beate Künzel und er hatten sich auf einem Bahnsteig der Metrostation Porte de Saint-Cloud kennengelernt. »Sind Sie Engländerin?« – mit diesen Worten sprach der schwarzhaarige junge Franzose die Deutsche an. So kamen sie ins Gespräch, die Berlinerin und der in Bukarest geborene Jude, der 1943 in Nizza der Gestapo entkam und dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde.

Seine Geschichte erzählte Serge der 20-jährigen Beate auf einer Parkbank. Bereits 1950 hatte er die französische Staatsbürgerschaft angenommen, er zeigte ihr Paris und erzählte von der deutschen Nazi-Vergangenheit und dem französische Vichy-Regime.

Am 7. November 1963 heiratete das Paar im Rathaus des 16. Pariser Arrondissements: »Als deutsch-französisches Paar müssen Sie etwas ganz Besonderes aus Ihrer Ehe machen«, habe der Standesbeamte gesagt. Der Tag, an dem Beate Klarsfeld Kiesinger eine Ohrfeige gab, war der fünfte Hochzeitstag.

Sekretärin Sie entschied sich zu der Aktion, nachdem das Deutsch-Französische Jugendwerk, wo sie als Sekretärin angestellt war, sie wegen ihrer Veröffentlichungen in der linksliberalen Zeitung »Combat« im Sommer 1967 entlassen hatte: »Man durfte als Deutsche nicht sagen, dass es unverschämt ist, dass so kurz nach dem Krieg die Bundesregierung von einem Nazipropagandisten geführt wird.«

Kurt Georg Kiesinger hatte seinen Kriegsdienst in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amts geleistet, das damals Parolen von Deutschlands Größe und antisemitische Hetze verbreitete. Zuletzt war Kiesinger stellvertretender Leiter.

»Die deutsche Gesellschaft war mit sich selbst beschäftigt«, analysiert Beate Klarsfeld die Nachkriegszeit: »Krieg verloren, nichts zu essen, Wohnungen zerbombt, viele meiner Mitschüler hatten den Vater in Russland verloren: Es ging den Deutschen um ihr eigenes Schicksal.«

Unverständnis Als Klarsfeld und ihr Ehemann die Nazivergangenheit des deutschen Kanzlers an die Öffentlichkeit bringen wollten, reagierten viele Deutsche mit Unverständnis. Infolge der deutschen Teilung waren die Feinde nicht die Nazis, sondern die Kommunisten, wie Klarsfeld es wahrnahm.

»Mir wurde oft gesagt, was wollen Sie eigentlich, der Kiesinger ist doch demokratisch gewählt worden«, erinnert sich die zierliche Frau. Deshalb plante das Ehepaar eine öffentlichkeitswirksame Aktion: »Die Presse ist ja auch heute noch so und will nur was bringen, wenn es einen Skandal gibt.« Am 2. April 1968 unterbrach sie Kiesingers Rede im Bundestag und wurde sofort abgeführt.

»Ich musste argumentieren«, erzählt sie: »Als die sagten: ›Gehen Sie schnell rüber‹, war die Sache gelaufen: Ich stand hinter Kiesinger und rief: ›Kiesinger, Nazi, abtreten‹ und er drehte sich um, aber da er sich nur halb umdrehte, ging die Ohrfeige nicht nur auf die Backe, sondern aufs Auge.« Ein Arzt musste geholt werden.

Gewalt »Es war die Ohrfeige, die die Jugend den Nazis gibt«, sagt Klarsfeld heute. Damals verteidigte sie sich vor den Richtern: »Gewalt ist es, wenn man der deutschen Jugend einen Nazikanzler aufdrückt.« Nach der Ohrfeige tönte der CDU-Politiker Ernst Lemmer gegenüber der Presse: »Das ist eine unbefriedigte junge Frau«, die eigentlich hübsch aussehe, wäre sie nicht so blass. »Er musste sich später entschuldigen«, erinnert Klarsfeld sich.

Gemeinsam jagten die deutsche Protestantin, die Mitglied der deutschen evangelischen Kirche in Paris ist, und der jüdische Historiker und Jurist dann Nazis in der ganzen Welt. Den früheren Lyoner Gestapo-Chef Klaus Barbie, den sie 1971 in Bolivien aufgespürt hatten, brachten sie 1987 in Frankreich vor Gericht.

1971 hatten sie auch versucht, den ehemaligen Kölner Gestapochef und Pariser Polizeichef Kurt Lischka von Köln nach Frankreich zu entführen, damit ihm dort der Prozess gemacht werde. Lischka war mitverantwortlich für die Deportation Zehntausender französischer Juden.

Das misslang, aber sie brachten auf diese Weise die »Lex Klarsfeld« voran: Ein deutsch-französisches Zusatzabkommen über die Strafverfolgung von Nazi-Verbrechern wurde 1975 ratifiziert. Auch wenn die ehemaligen Nazis oft zu alt waren für Prozesse oder nur ein paar Jahre absitzen mussten, meint Beate Klarsfeld rückblickend: »Es war Aufarbeitung der deutschen Geschichte.« Lischka wurde 1980 in Köln zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Israel Für ihr Engagement wurde Beate Klarsfeld vielfach ausgezeichnet. Die israelische Knesset schlug sie zwei Mal für den Friedensnobelpreis vor. Zuletzt empfing der französische Präsident Emmanuel Macron das Paar am 7. Oktober 2018 im Elysée-Palast und zeichnete Serge mit dem Verdienstorden Ehrenlegion aus, Beate mit dem nationalen Verdienstorden.

»Wir sind das meist dekorierte Paar Frankreichs«, sagt Serge Klarsfeld: »Für eine, die in Berlin und einen, der in Bukarest geboren ist, und keiner der beiden als Franzose, ist das doch eine schöne Anerkennung.«

Heute zeigen in Europa Rechtsextreme offen ihre Gesinnung. »Die gab es schon in den 60er-Jahren«, sagt Beate Klarsfeld unbeeindruckt, erinnert an Demonstrationen gegen die NPD, an denen sie teilgenommen hat. Gegen den AfD-Politiker Alexander Gauland habe sie Strafanzeige gestellt, weil dieser die NS-Zeit als »Vogelschiss« der Geschichte bezeichnet hatte. Ob es tatsächlich zum Verfahren kommt? »Ich habe es versucht, mal sehen, was dabei rauskommt.«

Enkelkinder »Solange man Ausdauer, Gesundheit und Energie hat, muss man weitermachen«, lautet ihr Lebensmotto. Das gebe sie auch ihren zwei Kindern und den beiden Enkelkindern weiter. Mit Serge posiert sie dann noch für ein Foto vor einer Zeitung mit dem Ohrfeigentitel, der Artikel hängt eingerahmt an der Wand. »Wir hatten die gleichen Ziele«, beschreibt Beate ihre Ehe.

Was machen sie am 55. Hochzeitstag? »Einen gemeinsamen Spaziergang mit den Hunden in einem Park in Versailles«, wünscht sich Serge. »Wir sind am 5. November im Heinrich-Heine-Haus eingeladen«, sagt Beate, »da kommt auch der Sohn von Heinrich Böll«. Und sie lacht, als sie sich erinnert: »Heinrich Böll hat mir damals nach der Ohrfeige 50 rote Rosen geschickt.«

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