Pittsburgh

»Heute wird gebetet, morgen kämpfen wir«

Wie unser Autor die USA nach dem Anschlag auf die Synagoge »Tree of Life« erlebt hat. Notizen aus einem zerrissenen Land

Aktualisiert am 01.11.2018, 16:57 – von Jo FrankJo Frank

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Einen Antisemitismus wie in Europa, wo sich Juden um ihr körperliches Wohl ängstigen müssen, gibt es in den USA nicht.« Als Yehuda Sarna, renommierter modern-orthodoxer Rabbiner an der New York University, dies sagt, ist es Donnerstag, zwei Tage vor dem Anschlag am Samstag in Pittsburgh, der die jüdische Gemeinschaft weltweit erschüttert.

Wir sind in New York mit einer Gruppe jüdischer Stipendiaten des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks. Eine Woche lang sind wir in New York, lernen am Leo Baeck Institute über jüdische Einwanderung in die USA, widmen uns insbesondere dem Jahr 1938, dem Jahr der Novemberpogrome, an die wir uns in diesen Tagen, 80 Jahre später, erinnern. Wir besuchen jüdische Organisationen: das American Jewish Committee, die Anti Defamation League, die Jewish Orthodox Feminist Alliance, Asylum Arts, und HIAS.

Geflüchtete »Angst vor Donald Trump und seiner Regierung haben wir nicht«, sagt Rabbinerin Rachel Grant-Meyer am Nachmittag, »aber die Stimmung im Land, die er erzeugt, die bereitet uns große Sorgen.« HIAS engagiert sich seit über 100 Jahren für Geflüchtete. Als Organisation für jüdische Geflüchtete gegründet, hat HIAS seinen Auftrag seit dem Ende der großen jüdischen Einwanderungen in die USA aus Europa ausgeweitet: Geflüchtete weltweit, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, werden von HIAS unterstützt.

Am Tag vor unserer Anreise hatte HIAS einen »Schabbat für Geflüchtete« organisiert, an dem Spenden gesammelt und auf die weltweiten Fluchtbewegungen aufmerksam gemacht wurde. »HIAS bringt Eindringlinge in unser Land, die unser Volk töten«, schrieb Bowers, der Pittsburgh-Attentäter am Samstagmorgen noch auf einer Onlineplattform, auf der Holocaustleugnung neben Kinderpornografie gepostet wird.

Noch ist aber Donnerstag und die Stimmung in der Gruppe gut, und wie jedes Jahr sind die Stipendiaten beeindruckt: von der religiösen Vielfalt des Judentums in den USA, von der institutionellen Stärke der jüdischen Gemeinschaft. In vorigen Jahren, als wir mit Stipendiaten in New York waren, ging es uns immer darum, von der jüdischen Landschaft in New York zu lernen – etwas von dort mit nach Deutschland zu nehmen, das uns hier in unserer Arbeit beschäftigen könnte.

Aufbruchstimmung In diesem Jahr scheint es anders zu sein: In Deutschland herrscht Aufbruchstimmung in der jüdischen Gemeinschaft. Junge Jüdinnen und Juden wie Max Czollek, Mirna Funk oder Tobias Herzberg vertreten ein selbstbewusstes Judentum, das gesellschaftliche Diskurse gestalten will, es gibt junge jüdische Institutionen wie ELES, wie die Jüdische Studierenden Union oder Studentim in Berlin, die das Gesicht der Gemeinschaft in der Öffentlichkeit prägen.

Am 5. November beginnt in Berlin der Jüdische Zukunftskongress, initiiert von der Leo Baeck Foundation. Themen, die dort verhandelt werden, betreffen die neue Vielfalt in Deutschland, neue Allianzen mit der muslimischen Gemeinschaft, aber natürlich auch Antisemitismus und das Leben in Deutschland in einem politischen Umfeld, in dem die AfD nun auch in allen Landtagen vertreten ist.

Weil ich hier leben will, ... heißt ein jüngst erschienenes Buch, in dem junge Jüdinnen und Juden über ihr Leben in Deutschland reflektieren. Und der Titel kann emblematisch gesehen werden für jüdisches Leben in Deutschland: auf das Komma folgen Konditionalsätze. »Weil ich hier leben will, will ich die Gesellschaft frei und ohne Angst mitgestalten«, so könnte man viele Beiträge zusammenfassen.

Engagement Auch bei HIAS ist von dieser Aufbruchstimmung viel zu spüren, wenn unsere Stipendiaten Auskunft geben über ihr Engagement in Initiativen für Geflüchtete oder ihr politisches Engagement, um dem Rechtsruck in Europa zu begegnen. Es tut sich etwas, wir haben nicht nur viel zu lernen in diesem Jahr, sondern haben auch etwas zu den Diskussionen in den USA beizutragen. Beim Thema innerjüdischer Pluralismus aber, da erleben wir eine Vielfalt, die in Deutschland noch gestärkt werden muss.

Am Freitag sind wir zum Schabbat am Bronfman Center der New York University und können die religiöse Vielfalt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft eindrucksvoll miterleben: Im 2. Stock wird konservativ gebetet, eine Studentin führt das Gebet an, im fünften Stock leitet Rabbiner Sarna das orthodoxe Gebet und im dritten Stock wird beim Reformgottesdienst der Schabbat mit Trommeln, Musik und Tanz begrüßt. Alles unter einem Dach.

Am Ende der Gottesdienste kommen dann alle zusammen, essen und singen gemeinsam, über alle denominationellen Grenzen hinweg wird gefeiert und geredet. Am Samstagmorgen sind wir gemeinsam in der Park Avenue Synagogue, einer der ältesten Synagogen in New York, 1882 von deutschen Auswanderern gegründet.

Tora Die Synagoge ist bekannt für seinen jungen Kantor, Azi Schwartz, der weltweit wie ein Popstar gefeiert wird. Es ist ein besonderer Schabbat: Ein Mädchen feiert ihre Bat Mitzwah, ein Junge seine Bar Mitzwah, beide werden feierlich als Mitglieder der Gemeinde aufgenommen, lesen aus der Tora, halten kurze Ansprachen, in denen es um Mitgefühl und Akzeptanz geht.

Die Großeltern des Jungen haben aus diesem Anlass seiner der Gemeinde eine Tora-Rolle gespendet. Bei ELES bemühen wir uns seit Jahren darum, eine eigene Tora für unsere Arbeit mit den Stipendiaten zu bekommen, nur gibt es hier keine Großeltern, die spenden könnten.

Die Tora-Rolle wurde soeben durch die Gemeinde getragen und zurück in ihren Schrein gelegt, der Vorhang geschlossen, da unterbricht Rabbiner Cosgrove das Gebet mit den Nachrichten aus Pittsburgh. »Noch wissen wir nicht viel«, sagt er und kämpft sichtlich mit den Tränen, die wir nach dem Gottesdienst über die Wangen vieler Beter fließen sehen werden, »aber eines ist klar: Heute beten wir, morgen müssen wir kämpfen«.

Vereinzelt verlassen Beter den Gemeindesaal, holen trotz Schabbat ihre Telefone raus, die Seiten von CNN und der New York Times leuchten blau gegen die roten Gebetbücher. Am Abend gibt es spontane Solidaritätsbekundungen.

Trauer Auch unsere Stipendiaten versammeln sich am Union Square, dem seit dem späten 19. Jahrhundert zentralen Ort öffentlicher Protest- und Trauerbekundungen in New York. Juden, aber auch Christen, Muslime, Hindus und Sikhs trauern gemeinsam um die Opfer des Anschlags, und unwillkürlich kommt der Vergleich zu Deutschland wieder in den Sinn, wo am Sonntag die Wahl in Hessen bevorsteht und mit ihr der Einzug der AfD in den Bundestag.

Und während wir uns jetzt in Gedanken dem Zukunftskongress zuwenden und uns fragen, was der Anschlag in Pittsburgh für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland bedeuten kann, kommen Rabbinerin Grant-Meyers Worte wieder in den Sinn. »Angst vor der AfD und ihren Anhängern haben wir nicht«, könnten wir für Deutschland formulieren, »aber die Stimmung im Land, die sie erzeugt, die macht uns große Sorgen«.

So nehmen wir doch wieder etwas mit aus den USA. Doch nicht nur die großen Sorgen, sondern auch die Szenen am Union Square, die Geschlossenheit so vieler Religionsgemeinschaften im Angesicht von Terror und Gewalt, die sich gegen eine Gemeinschaft richtet.

Solidarität Das Wichtigste, was wir jetzt tun können, sagte Rabbiner Sarna nach den Anschlägen, ist füreinander einstehen, aufstehen, wenn eine Gruppe ausgeschlossen wird, ob Juden, Muslime, Christen, Hindus.

»Heute wird gebetet, morgen kämpfen wir« – der gemeinsame Kampf, auch in Deutschland, für einander und für eine offene und vielfältige Gesellschaft, diesem Kampf schließen wir uns an.

Der Autor ist Geschäftsführer des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES).

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