Ehrung

Hilfe zur Selbsthilfe

Das Projekt »Brückenbau« von ZWST und IsraAid Germany erhielt den Integrationspreis

01.11.2018 – von Christine SchmittChristine Schmitt

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Wir hatten nicht damit gerechnet«, sagt Aron Schuster, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Doch nun stehen er und Günter Jek, Leiter des Berliner Büros, im Bundeskanzleramt und haben soeben den Nationalen Integrationspreis für das Projekt »Brückenbau – Vielfalt begegnen« erhalten.

Während die meisten Gäste nun zum Empfang gehen, öffnet Aron Schuster erst einmal das Kuvert und zieht die Urkunde vorsichtig heraus. »Die müssen wir fotografieren«, sagt Günter Jek voller Freude.

Sich um Flüchtlinge zu kümmern, ist für die ZWST eine gute Tat. Als im Sommer 2015 viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, hatten sich die Mitarbeiter der ZWST Gedanken gemacht, wie sie helfen könnten. Für Zelte aufbauen und Betten bereitstellen seien sie nicht geeignet, erzählt Schuster. Es entstand die Idee, eine langfristige psychosoziale Unterstützung auf die Beine zu stellen. Deshalb gab es bald Gespräche mit dem Leiter von IsraAid Israel, und es wurde IsraAid Germany gegründet.

interkulturell Getragen wird das interkulturelle Hilfsangebot nun von der ZWST und IsraAid Germany. Die Organisation hilft Menschen, die in ihrer Heimat oder auf der Flucht Schlimmstes erlebt haben, und will Brücken bauen zwischen Religionen und Kulturen. Die Mitarbeiter haben arabisch-israelische, jüdisch-arabische und deutsche Wurzeln. Sowohl Juden wie Muslime als auch Christen engagieren sich in dem Projekt, das mittlerweile mehrere Standorte in Deutschland hat.

Eine Stunde, bevor Schuster und Jek ihre Urkunde und sich ablichten, war es im Bundeskanzleramt im Foyer an der sogenannten Südtreppe hörbar ruhig geworden, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an dem Ort erschien, an dem die Preisverleihung stattfinden sollte. Einen Tag nach der Landtagswahl in Hessen hatte sie am Morgen verkündet, dass sie nicht mehr für den Parteivorsitz im Dezember kandieren und es ihre letzte Legislaturperiode als Kanzlerin sein wird. Doch auf diese Feier der Preisverleihung schien sie sich wirklich zu freuen.

Zum zweiten Mal verlieh die Bundesregierung die Auszeichnung. Neben Kanzlerin Merkel hatte Gal Rachmann, Geschäftsführer von IsraAID Germany, der am Schluss der Feier auch die Urkunde von der Kanzlerin empfing, Platz genommen. Ebenfalls in der ersten Reihe saßen Abraham Lehrer, Vorstandsvorsitzender der ZWST, und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, während sich Günter Jek und Aron Schuster in eine hintere Reihe gesetzt hatten und später die Urkunde von Gal Rachmann weitergereicht bekamen.

Jury 33 Projekte hatten sich für den Nationalen Integrationspreis 2018 beworben. Thema war in diesem Jahr: Wertevermittlung. In der Jury saßen die Integrationsforscherin Naika Foroutan, der Psychologe Ahmad Mansour, der Fußballprofi Sami Khedira, Frankfurts ehemalige Oberbürgermeisterin Petra Roth und Frank-Jürgen Weise, ehemaliger Leiter der Bundesarbeitsagentur und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Unter die letzten zehn kamen unter anderem die Zeitschrift »Neu in Deutschland« sowie die Initiativen »Ehrenamtliche anwaltliche Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge« und die »Stadtteilmütter in Köln-Meschenich«. Die Moderation der Preisverleihung hatte die ARD-Journalistin Linda Zervakis übernommen.

Jury-Vorsitzender Frank-Jürgen Weise erläuterte, wie es zu der endgültigen Entscheidung kam. Mehrere Kriterien wie Nachhaltigkeit, Intensität des Engagements, Übertragbarkeit, Innovationskraft und Wirkungsgrad wurden mit Punkten bewertet – und die meisten habe eben »Brückenbau« erhalten. Alle Kriterien seien erfüllt worden, das Konzept sei stimmig, und inzwischen werde mehr als 6000 Menschen geholfen.

Zusammenarbeit Was das Projekt aber zu etwas Besonderem mache, sei der Auftrag in der Beratung: Dass die Menschen mit »unseren Werten konfrontiert werden«. Ebenso besonders sei es, dass Muslime, Juden und Christen zusammenarbeiten und auf diese Weise ein gutes Vorbild darstellten. Das sollte Schule machen, forderte Weise.

In einem kurzen Film zeigte die Organisation, wie sie arbeitet. Die Mitarbeiter besuchen die Flüchtlinge in ihren Unterkünften und sprechen mit ihnen. »Sie sollen das Gefühl haben, gesehen zu werden«, sagt eine Mitarbeiterin in dem Film. Sie sollen spüren, dass jemand da ist und ihnen helfen will, sich in dem fremden Land wohlzufühlen. Frauen sollen sich mithilfe von Gesprächen weiterentwickeln und Männer gestärkt werden. Und schließlich sollen die Geflüchteten anderen Geflüchteten helfen.

Wegweisend Angela Merkel sprach von einer »geradezu wegweisenden Initiative«. »Der Einsatz für Integration und Wertevermittlung ist sicher nicht immer leicht. Der Ton ist ja auch etwas gereizter geworden.« Und fügte an: »Integration lohnt sich.« Das gelinge dem Projekt »Brückenbau« besonders eindrucksvoll, da es Menschen unterschiedlicher Herkunft und Konfession einander näherbringe.

Gerade dieser psychosoziale Ansatz zeichne das Projekt aus. Er führe dazu, dass Menschen, die Schmerz und Trauer erlebt haben, sich überhaupt für ein neues Land öffnen können. Gleichzeitig vermittele es westliche und demokratische Werte und Ideale, zum Beispiel Toleranz, Gleichberechtigung, Nichtdiskriminierung und die Akzeptanz unterschiedlicher religiöser Lebensweisen und Weltanschauungen. »Wenn ein Jude in der Schule beschimpft wird, muss die Schule handeln. Wenn ein Jude wegen seiner Kippa angepöbelt wird, dann der Rechtsstaat«, sei einer dieser Grundsätze.

Die Geflüchteten sollen in der Bundesrepublik die Möglichkeit haben, ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Deutschland sei um vieles ärmer ohne seine Menschen mit Migrationshintergrund, betonte Angela Merkel.

Trauma-hilfe Die Arbeit von »Brückenbau – Vielfalt begegnen« ist vielfältig organisiert. In Frankfurt und Berlin bieten die Psychologen, Sozialarbeiter, Kunsttherapeuten und Gemeindemitglieder der Initiative psychosoziale Unterstützung vor allem für traumatisierte Frauen an. In Hattingen werde ein zivilgesellschaftlicher Ansatz verfolgt, indem über ehrenamtliches Engagement das gesellschaftliche Miteinander gefördert wird.

Frauen der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen engagieren sich in einem Bürgerzentrum. In Berlin gibt es darüber hinaus die Initiative »Kompass Leadership«, Hilfe von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Die Betroffenen werden beraten und bekommen Orientierungshilfen in den Unterkünften und sollen später die Integration von anderen Geflüchteten unterstützen. Etwa 20 Mitarbeiter seien im Einsatz, sagt Aron Schuster.
Erstmals verliehen wurde der Nationale Integrationspreis im Mai 2017. Ausgezeichnet wurde die Stadt Altena mit ihrem Leitbild »vom Flüchtling zum Altenaer Mitbürger«. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert.

Auf dem Ruhm des Integrationspreises wollen sich die Mitarbeiter der ZWST jedoch nicht ausruhen. Sie haben schon neue Ideen parat: Erstmals sollen nun im Ausland in einer Unterkunft in Griechenland Angehörige einer Flüchtlingsfamilie betreut werden, bevor sie nach Deutschland kommen. »Damit ihr Aufenthalt hier schon vorbereitet ist.«

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 15.11.2018

Ausgabe Nr. 46
vom 15.11.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
4°C
wolkig
Frankfurt
10°C
heiter
Tel Aviv
24°C
wolkig
New York
5°C
wolkig
Zitat der Woche
»Mal sind es die Flüchtlinge, dann die
Islamisten, dann die Juden.«
Der Psychologe Klaus Weber in seinem Buch »Resonanzverhältnisse.
Zur Faschisierung Deutschlands« (Hamburg 2018)