Provenienz

Raubkunst im Kleinen

Auf Internet-Portalen und im Fernsehen werden oft Judaica gehandelt. Ihre Herkunft ist meist unklar

18.10.2018 – von Hans-Ulrich DillmannHans-Ulrich Dillmann

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Bares für Rares«: Eine beliebte Sendung für Freunde von Antiquitäten und Quotenrenner beim ZDF. An manchen Tagen schauen mehr als drei Millionen Zuschauer sogar die Wiederholungen. In der »Staffel 6, Folge 31« wird ein Damenring von der Einzelhändlerin G. aus Ahlen angeboten: Gelbgold, »mit einem wunderschönen Rubin in der Mitte und rundherum Brillanten im Altschliff«, urteilt »Bares für Rares«-Expertin Heide Rezepa-Zabel nach Blick durch ihre Vergrößerungslupe.

Das Schmuckstück, Schätzwert 500 Euro, ist ein »Kriegsmitbringsel« von der Krim. Der Ring wurde vom Vater von Frau G. als Geschenk mitgebracht. Er habe den Ring von einem Kameraden geschenkt bekommen, dem er das Leben gerettet habe, erzählte der im Russlandfeldzug schwer verwundete Vater später nach seiner Rückkehr.

Woher aber, fragt sich der Zuschauer, stammt der Ring ursprünglich? Geraubt? Ein Schnäppchenkauf auf dem Schwarzmarkt? Zwar erhält die 80-Jährige die Händlerkarte, um ihren Ring zu präsentieren, aber so richtig Geld will keiner der Händler herausrücken. Frau G. muss den Ring wieder in ihre kleine Schmuckschatulle packen und mit nach Hause nehmen.

schnäppchen Antik ist derzeit wieder modern. Hunderttausende durchstöbern an Wochenende Gebrauchtmärkte nach Schnäppchen. Zwiebelmustergeschirr und Nippes aus vergangenen Zeiten, die im Wohnzimmerregal oder Küchenschrank das Auge erfreuen.

Mehr und mehr tauchen dabei auch Judaica wie Kidduschbecher und Gewürzbehälter auf, deren religiöse Bedeutung sich dem unkundigen Käufer nicht auf den ersten Blick erschließt. Aber auch Silberbestecke, die aus einem jüdischen Haushalt stammen könnten, gehen über den Tisch.

Auf dem Verkaufsportal eBay gibt es mehr als 500 Ergebnisse unter dem Stichwort »Judaica«. Vieles ist russisches Silber, »gestempelt und gepunzt« und aus dem 19. Jahrhundert. Ein Verkäufer aus dem thüringischen Großbocka bietet zum Beispiel sechs Becher aus 875er-Silber an. Preis: 199 Euro. In die »sehr seltenen, wundervollen Kidduschbecher in einer traumhaften Erhaltung« ist der Magen David eingraviert. Die Zahlungsabwicklung läuft über den Internetanbieter. Wer aber prüft, woher die 7,5 Zentimeter hohen Ritualgegenstände stammen? Niemand.

Mal ist es eine kleine Menora für 15 Euro beim Online-Gebrauchthändler oder auf dem Lüdenscheider Flohmarkt, die für ein paar Euro über den Tapeziertisch geht, mal ist es ein sehr kunstvoll gearbeiteter Kerzenleuchter in Bochum, der im Antiquitätengeschäft feilgeboten wird. Woher? »Ein Privatverkauf«, lautet die lapidare Antwort.

lost art Die Redaktion der »Bares für Rares«-Sendung wenigstens gibt sich damit nicht zufrieden, wie ZDF-Sprecher Stefan Unglaube versichert. Sämtliche Gegenstände, die in der Sendung über den Händlertisch gehen, prüft die Produktionsfirma durch ein Team von Kunsthistorikern auf ihre Provenienz. Neben zahlreichen Datenbanken werden Objekte wie der Ring von der Krim auch »mit der ›Lost Art‹-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg abgeglichen«, sagt der ZDF-Sprecher.

Konkret: Die gesamte Herkunftsgeschichte des Rings habe keinen eindeutigen Hinweis darauf gegeben, dass »es sich um Raubkunst handelt. Für uns liegen keine konkreten Verdachtsmomente vor, dass diese Objekte unter NS-Druck abhandengekommen sind«, sagt Unglaube. Zweifel bleiben bestehen.

»Gegenstände in Privatbesitz, da ist kaum etwas zu machen«, kritisiert Julius H. Schoeps, der seit Jahren eine gesetzliche Regelung für Raubkunst und eine umfassende Prüfung verdächtiger Gegenstände auch aus öffentlichem Besitz fordert. Der Berliner Historiker ist Sprecher der Erben des Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy, die um die Restitution verschiedener Kunstwerke aus dessen Besitz jahrelang Prozesse und Verhandlungen führen mussten.

Freya Paschen, Sprecherin des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg, das 2015 gegründet wurde, sieht diese Probleme auch. »Es ist schwierig, Alltagsgegenstände, die oft nicht gekennzeichnet waren, eindeutig zuzuordnen und den unrechtmäßigen Besitz zu recherchieren«, bedauert Paschen. Gut sortiert sind in circa 169.000 Datensätzen genaue Beschreibungen der Gegenstände archiviert, manchmal finden sich hier sogar Fotos der Objekte.

datenbanken In der »Lost Art«-Datenbank können Privatpersonen, die Gegenstände von zweifelhafter Provenienz besitzen, oder Antiquitätenhändler, die nicht noch heute am Raubgut profitieren wollen, schon heute prüfen, ob diese registriert sind. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste bietet auf seiner Website nicht nur die Möglichkeit an, nach enteigneten Gemälden, Skulpturen und Kunstobjekten zu fahnden, sondern auch nach Judaica und Alltagsgegenständen zu suchen.

Auch Personen, die den Verdacht haben, Erbstücke aus familiärem Besitz könnten sogenanntes Raubgut sein, finden dort die Möglichkeit, deren Herkunft anhand der sehr detaillierten Beschreibungen zu recherchieren – sofern diese registriert sind. »Aber an wen zurückgeben, wenn man nicht weiß, an wen?«, gibt auch ­Schoeps zu bedenken.

»Mag Wiedergutmachung auch jenseits unserer Möglichkeiten liegen, so verdient doch auf jeden Fall die Aufarbeitung des NS-Kunstraubs jede nur mögliche Anstrengung«, sagte Staatsministerin Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, vor ein paar Wochen bei der Eröffnung der Ausstellung Bestandsaufnahme Gurlitt. Aber auch in ihrem Ressort und im Finanzministerium wird seit Jahren ein Restitutionsgesetz aus Angst vor den Folgekosten blockiert.

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