Bremerhaven

Realistische Optimisten

Seit zwei Jahren gibt es wieder eine jüdische Gemeinde an der Weser

18.10.2018 – von Till SchmidtTill Schmidt

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Nach ihnen, die Dame« – Mircea Ionescu lässt keine Gelegenheit zu einem guten Plausch aus. Erst recht am frequentierten Fischmarkt in Bremerhaven. »Natürlich« esse er Fisch, sagt er, während er darüber fachsimpelt, welcher Verkaufsstand die beste Ware anbietet.

In der Gemeinde Menorah, die Ionescu 2016 mitgegründet hat, gebe es »solche und solche Ernährungsgewohnheiten«, sagt er. Der 64-Jährige selbst verzichtet auf Schwein. »Ich bin doch Fischkopf-Jude«, lacht der sympathische Cellist, der am hiesigen Philharmonischen Orchester angestellt ist. Man merkt: Iones­cu fühlt sich wohl in Bremerhaven. Er kennt viele Menschen, ist am Stadtleben interessiert – und aktuell dabei, zusammen mit einigen Mitstreitern, die liberale Gemeinde weiterzuentwickeln und sie in der Bremerhavener Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Ihre Feste feiert die Menorah Jüdische Gemeinde zu Bremerhaven e.V. in der Villa Schocken, einem Gebäudekomplex im Norden Bremerhavens. Benannt nach den Schockens, einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die sich vor der Schoa im Gemeindeleben stark engagiert hat.

Teile der Familie konnten nach dem Novemberpogrom ins Ausland fliehen, Jeanette Schocken blieb mit ihrer Tochter Edith, die wegen des Nazi-Terrors psychisch erkrankt war, in der Region. 1941 wurde sie zusammen mit anderen Bremer und Bremerhavener Juden nach Minsk deportiert und mutmaßlich im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet. Inzwischen gehört die Villa Schocken der Arbeiterwohlfahrt, die dort ein Seniorenheim betreibt. Ein Gedenkstein erinnert an die Vorbesitzer des Gebäudes.

Rabbinerfrage
Einen eigenen Rabbiner oder Kantor hat die Menorah-Gemeinde derzeit nicht. Bis zu 30 Personen kommen zu den Veranstaltungen im Festsaal der Villa Schocken. Die meisten Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, an vielen Festen nehmen regelmäßig auch nichtjüdische Interessierte und Familienangehörige teil. Ionescus Lebensgefährtin ist ebenfalls nicht jüdisch. »Ich wollte mich da nicht unnötig beschränken«, sagt der Gemeindevorsitzende und lacht.

»Hallo Mircea, du bist es doch, oder?« – im Türrahmen trifft Ionescu unerwartet auf einen ehemaligen Nachbarn. Die beiden haben sich Jahrzehnte nicht gesehen. »Gemeindevorsitzender? Ich wusste ja gar nicht, dass du jüdischen Glaubens bist«, sagt der ehemalige Nachbar. »Die Deutschen scheuen sich, das Wort ›Jude‹ zu sagen«, entgegnet Ionescu trocken.

Plötzlich befinden wir uns unbeabsichtigt inmitten einer Art Testlauf von »Leih Dir einen Juden« – dem ersten großen Projekt der Menorah-Gemeinde, durch das sie seit diesem Herbst Austausch und Dialog mit den nichtjüdischen Bremerhavenern schaffen und ihnen Wissen über das Judentum vermitteln will. Für die Auftaktveranstaltung am 30. September im Auswandererhaus hatte die Gemeinde den Publizisten Micha Brumlik als Redner und den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, als Schirmherren gewinnen können, erzählt Ionescu nicht ohne Stolz.

Crashkurs Ionescu packt die Gelegenheit beim Schopf: Der Crashkurs »Judentum« beginnt und entwickelt sich zu einem schlagfertigen Ping-Pong-Spiel: »Weißt du, seit wann es die Zweistaatenlösung gibt?« – »Bestimmt erst seit ein paar Jahrzehnten, ich habe mal von Oslo gehört.« – »Nein, schau dir mal den UN-Teilungsplan und die Reaktionen der arabischen Staaten darauf an.« – »Wie viele Araber gibt es in Israel?« – »Du meinst, im Westjordanland?« – »Weißt du, wie viele Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran vertrieben wurden?« – »Keine Ahnung, das höre ich gerade zum ersten Mal.«

Ionescu lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er scheint die eigenartige Mischung aus Unkenntnis und Interesse, Kumpelhaftigkeit und übertriebener Höflichkeit des Bekannten als persönliche Herausforderung aufzufassen. Als man auf die leidvolle Geschichte der Villa Schocken während des Nationalsozialismus kommt, fällt dem ehemaligen Nachbarn nichts weiter ein, als dass er es bedauerlich fände, »dass sich die Juden damals nicht gewehrt« hätten. Vom Aufstand im Warschauer Ghetto oder der nationalsozialistischen Zwangsorganisation der Gemeinden hatte er nach eigener Auskunft bis dato nichts gewusst.

Erfolge Wissenslücken, die die beiden Projekte »Köfte Kosher« und »Leih Dir einen Juden« füllen wollen. Sowohl das Bremer Projekt »Köfte Kosher« wie das Bremerhavener werden an der Universität Bremen begleitend ausgewertet. Dabei soll vor allem die Frage beantwortet werden, wie erfolgreich die Begegnungen im Rahmen der Projekte letztlich sind.

Außerdem versucht die Menorah-Gemeinde, auch über VHS-Kurse auf die jüdische Geschichte in der Region aufmerksam zu machen. »Selbst im Plattdeutschen gibt es Wörter, die aus dem Jiddischen stammen«, erklärt Ionescu fasziniert. »Der Ursprung von ›tenneff‹, was so viel wie Unfug bedeutet, dürfte den meisten Bremerhavenern unbekannt sein«, meint Ionescu.

Leonid Boguslavski ist zweiter Vorsitzender der Gemeinde. 1993 ist er aus der Ukraine nach Eisleben und von dort nach Bremerhaven gekommen. »Gut so, denn ich wollte nicht von Ost nach Ost«, sagt der 57-Jährige lachend. Boguslavski versteht sein Judentum weniger im religiösen als vor allem im kulturellen Sinn. Auch er hat eine nichtjüdische Ehefrau. Schon seine Eltern waren liberale Juden. Allerdings »nicht ganz freiwillig«, wie Boguslavski ergänzt. »Denn in der Sowjetunion gab es ja nur eine erlaubte Religion: den Kommunismus.«

Er erzählt von einer Untergrund-Synagoge in Winniza, in der seine Eltern Mazzen gebacken haben. In der Bremerhavener Gemeinde kümmert sich Boguslavski vor allem um organisatorische Angelegenheiten, wie etwa den Aufnahmeantrag in die Union progressiver Juden in Deutschland. »Ich habe den Eindruck, wir kommen voran – Schritt für Schritt«, sagt er.

Deklaration Kurz nach der Gründung hatte die Gemeinde eine Deklaration unterzeichnet, in der sie das Grundgesetz über die Halacha stellt. Vorbild dafür war die Gemeinde in Oldenburg, die diese Deklaration unter dem Eindruck des Charlie-Hebdo-Massakers verfasst hatte. Darin eingeschlossen sieht Ionescu auch eine progressive Haltung gegenüber möglichen homosexuellen Gemeindemitgliedern. »Wir sprechen die Leute nicht darauf an, denn die eigene Sexualität ist Privatsache, da muss jeder selbst entscheiden, wie offen er oder sie damit umgeht.« Und fügt hinzu: »Wir alle sind doch Gottes Geschöpfe!«

Da die Menorah-Mitglieder im Berufsleben stehen, seien Probleme mit der deutschen Sprache, so wie sie in vielen von russischen Zuwanderern geprägten Gemeinden existieren, nicht vorhanden, erzählt Anna Rosenberg. 2007 zog sie zu ihrem Mann nach Bremerhaven. In Irkutsk arbeitete sie als Journalistin, heute ist sie Altenpflegehelferin. Bevor die Menorah-Gemeinde gegründet wurde, hatte die 53-Jährige in Bremerhaven ihr Judentum vor allem im privaten Rahmen gelebt.

Rosenberg ist froh über die Existenz der neuen Gemeinde und freut sich auf die zukünftigen Gemeindeaktivitäten. »Wir haben nicht viel Nachwuchs«, sagt sie. »Dadurch können wir nicht abschätzen, was in 20 Jahren hier los sein wird.« Das Nachwuchsproblem macht auch Ionescu und Boguslavski zu schaffen, trotzdem blicken sie nach vorn und gehen die Gemeindearbeit mit sichtbarer Freude an. Und mit viel Humor. »Wir sind realistische Optimisten«, meint Ionescu lachend.

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