Wuligers Woche

Demo? Ein Jud gehört ins Kaffeehaus!

Warum #unteilbar ohne mich auskommen musste

18.10.2018 – von Michael WuligerMichael Wuliger

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Auf die Gefahr hin, es mir jetzt mit etlichen Freunden zu verderben: Nein, ich war nicht auf der »unteilbar«-Demo vergangenen Samstag in Berlin, an der 240.000 Menschen teilgenommen haben.

Ich könnte dafür politische Gründe anführen, etwa, dass auch Antisemiten dort mitmarschierten, von Muslimbrüdern bis BDS. Aber die überwiegende Mehrzahl der Demonstranten, darunter auch eine ganze Reihe Juden, war aus ehrenwerten Motiven dabei. Und »für eine offene und solidarische Gesellschaft, in der Menschenrechte unteilbar, in der vielfältige und selbstbestimmte Lebensentwürfe selbstverständlich sind«, wie es im Aufruf zu der Veranstaltung hieß, bin ich selbstverständlich auch.

Gründe Dass ich den sonnigen warmen Nachmittag trotzdem lieber auf der Caféterrasse verbracht habe, hat banalere Gründe: Ich mag keine Menschenmassen. Mir ist schon die Fußgängerzone am Wochenende zu viel. Wenn die Masse zudem noch kollektiv gut drauf ist – in Berichten von der Demo war des Öfteren von »Volksfeststimmung« die Rede –, wird mir noch unbehaglicher. Es erinnert mich an Karneval in Köln mit seinem nervigen Zwang zur gemeinschaftlichen Fröhlichkeit.

Wie Karneval diente auch die Demo unter dem Hashtag »unteilbar« primär dem Wohlbefinden der Teilnehmer. Sie vermittelte das schöne Gefühl, unter ganz, ganz vielen Gleichgesinnten zu sein. Das will ich gar nicht bespötteln. In Zeiten, in denen täglich Horrormeldungen auf einen einprasseln, denen man sich hilflos ausgeliefert fühlt, tut es der Seele gut, zu sehen, dass man mit seinen Gefühlen nicht alleine ist. Das sei den Demonstranten gern gegönnt. Nur: Wesentlich mehr wird dabei auch nicht herauskommen.

»Viel mehr als eine Demonstration. Ein Ereignis. Ein Zeichen. Ein Aufbruch. Wir bleiben«, haben die Veranstalter sich im Rausch des Erfolgs gefeiert. Doch auf jeden Rausch folgt der Kater. Um beim Karneval zu bleiben: Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Trotz »unteilbar« geht die politische Krise mit ihren gesellschaftlichen Verwerfungen weiter. Die liberale Ordnung wankt, die Extremisten werden stärker, das gesellschaftliche Gefüge reißt immer mehr auseinander. Ach ja, der Antisemitismus nimmt auch stetig zu.

Anekdote Und die große Demo in Berlin? Von der werden nostalgische Erinnerungen aus der Rubrik »Weißt du noch, damals?« bleiben. Es ist wie in der Anekdote über eine neue Kanone der österreichischen Armee zu Zeiten von Kaiser Franz Joseph: »Getroffen hat sie ned, aber die moralische Wirkung war a ungeheure.«

Demonstrationen sind politische Veranstaltungen. Von Politik erwarte ich, dass sie etwas bewirkt. Es muss ja nicht gleich ein Sturm auf die Bastille sein. Aber mehr als narzisstische Selbstbeweihräucherung sollte dabei schon als Ergebnis vorzuweisen sein. Bis dahin müssen Demos ohne mich auskommen. Massenaufmärsche überlasse ich anderen. Ein Jud gehört ins Kaffeehaus.

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 08.11.2018

Ausgabe Nr. 45
vom 08.11.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
12°C
regenschauer
Frankfurt
13°C
regenschauer
Tel Aviv
16°C
heiter
New York
7°C
regenschauer
Zitat der Woche
»So wie Neurologen Reflexe testen mit ihrem Hämmerchen,
schlagen manche sofort mit dem Knie aus,
wenn die israelische Politik kritisch behandelt wird.«
Knut Cordsen, Moderator des Bayerischen Rundfunks, im Gespräch
mit dem umstrittenen Karikaturisten Dieter Hanitzsch