Grossbritannien

»Kehrt um!«

Kurz vor Jom Kippur protestiert die jüdische Gemeinschaft in Manchester gegen Antisemitismus in der Labour-Partei

Aktualisiert am 17.09.2018, 12:52 – von Daniel ZylbersztajnDaniel Zylbersztajn

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Drei Tage vor Jom Kippur in Manchester: Bei strömendem Regen steht am Sonntag Großbritanniens Oberrabbiner Ephraim Mirvis auf einer Rednertribüne im Memorial Garden und spricht zu rund 2000 vor allem jüdischen Demonstranten. »Haltet es wie der Rambam«, ruft er ins Mikrofon, »macht Teschuwa!«

Doch Mirvis’ Botschaft gilt nicht den Versammelten, sondern der Labour-Partei. Sie soll umkehren, sich auf ihre Werte Gerechtigkeit und Gleichberechtigung besinnen und sich vom Antisemitismus abwenden.

Board Aufgerufen zu der Protestkundgebung hatten der britisch-jüdische Dachverband Board of Deputies (BoD) und das Jewish Leadership Council (JLC). Es ist das zweite Mal, dass sich die jüdische Gemeinschaft des Vereinigten Königreiches mit einer öffentlichen Protestversammlung gegen den Antisemitismus in der Arbeiterpartei wendet. Bereits Ende März hatten die beiden Organisationen in London vor dem britischen Parlament Labours Antisemitismus öffentlich beklagt.

Jetzt, fast sechs Monate später, sei die Situation allerdings nicht besser – ja, der Antisemitismus in der Partei habe einen geradezu institutionellen Charakter angenommen, kritisierte Raphi Bloom vom United Jewish Israel Appeal (UJIA) gestern in Manchester. Er eröffnete mit dieser Anklage die Protestveranstaltung und nannte Beispiele: Da sei die Behauptung des Gewerkschaftsführers Mark Serwotka, die Anschuldigungen des Antisemitismus würden von Israel gesteuert, um von der eigenen Politik abzulenken. Oder da sind die Worte des Labour-Stadtrats und ehemaligen Fraktionsabgeordneten Jim Sheridan, der »wegen dem, was die jüdische Gemeinschaft gegen die Partei täte, keinen Respekt mehr« gegenüber der jüdischen Community habe.

Labour-Chef »Jeremy Corbyn bezeichnet sich als militanten Gegner des Antisemitismus, doch er ist selbst ein militanter Urheber von Antisemitismus«, rief Bloom ins Mikrofon.

Verantwortung Marie van der Zyl, die neue Präsidentin des jüdischen Dachverbands Board of Deputies, forderte Corbyn auf, sich zu entschuldigen und Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Die Partei müsse endlich handeln.

Auch die jüdischen Labour-Abgeordneten Louise Ellman (72) und Margaret Hodge (74) kamen gestern in Manchester zu Wort. Sie könnten es nicht fassen, sagten sie, dass sie im Jahr 2018 an einer Protestveranstaltung gegen Antisemitismus in der eigenen Partei teilnehmen. Labour müsse endlich die Parteikultur ändern und Abgeordnete, die sich antisemitisch äußern, disziplinieren.

Margaret Hodge, die wochenlang von der Parteiführung mit einem internen Verfahren bedroht wurde, weil sie Corbyn als Antisemiten bezeichnet hatte, erklärte vor den Versammelten, sie sei eine stolze britische Jüdin. »Ich wurde Mitglied der Arbeiterpartei, weil ich Rassismus und Intoleranz bekämpfen wollte und es mir darum ging, Minderheiten zu schützen.«

corbyn Doch seit Corbyn an der Spitze von Labour stehe, habe sie »grauenvolle Botschaften und Tweets« erhalten. Diese seien schlimmer als jene aus dem Jahr 2010, als sie bei Wahlen gegen einen Kandidaten der rechtsextremen British National Party (BNP) antrat.

Zum Abschluss, bevor der Schofar geblasen wurde und die Demonstranten im Memorial Garden gemeinsam die israelische und die britische Nationalhymne sangen, betonte Oberrabbiner Mirvis: Jeremy Corbyn habe etwas geschafft, das vielen anderen bisher nicht gelungen sei – »er hat die jüdische Gemeinschaft vereint. Wir lassen uns nicht verängstigen oder werden verstummen«.

Mehr dazu in unserer nächsten Printausgabe am 27. September

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 11.10.2018

Ausgabe Nr. 41
vom 11.10.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
9°C
heiter
Frankfurt
13°C
wolkig
Tel Aviv
22°C
wolkig
New York
12°C
wolkig
Zitat der Woche
»Leider zwischenzeitlich mal Nazi gewesen«
Die Schriftstellerin Helene Hegemann lobt in der FAS Knut Hamsun.