Schweiz

Invasion der Hühnerfarm

Roger Reiss’ Erzählungen vom Kappara-Schlagen

14.09.2018 – von Michael HerzMichael Herz

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Anfang Oktober 1968 in der Nähe einer Hühnerfarm in Conches, einem Vorort von Genf. Zahlreiche Limousinen fahren vor, ihnen entsteigen sefardische Exil-Familien in schönsten Festtagskleidern.

Zwei Welten prallen aufeinander. Der Grund dafür ist das sogenannte Kappara-Schlagen, ein Brauch, den sehr religiöse Juden am Tag vor Jom Kippur ausüben. Dabei wird ein Huhn als Sühnopfer für die eigenen Sünden mehrfach über dem Kopf eines Menschen im Kreis geschleudert, während aus den Psalmen und dem Buch Hiob rezitiert und ein kurzes Gebet gesprochen wird. Anschließend schlachtet man das Huhn und spendet das Fleisch den Armen.

Brauch Für viele Sefarden ist dieser Brauch so stark wie ein Gesetz – doch im calvinistischen Genf stoßen die Neueinwanderer damit auf wenig Gegenliebe. »Das religiö­se Gemetzel im vierten Stock des Mietshauses war kaum zu überhören, und so löste der alljährliche Hühnermord in dem protestantischen Viertel bald eine Welle der Empörung aus«, schreibt Roger Reiss in seinem jüngsten Buch Schmatissimo. Lebenserzählungen.

Er schildert diese Episode, die dank einer Schulfreundschaft eingefädelt worden war, aber dennoch kein gutes Ende nimmt: »Lieber noch als die Zeremonie in einem stinkenden Hühnerstall zu feiern, wollten sie gar kein Opfer mehr bringen und verteilten stattdessen großzügige Spenden an wohltätige Einrichtungen, um sich das schlechte Omen vom Hals zu halten.«

Mit solchen und zahlreichen anderen Episoden beschreibt Reiss, in Zürich geboren, aber schon in jungen Jahren nach Genf gezogen, die jüdische Seite seiner Wahlheimat. Dies hat er zuvor schon in mehreren Büchern getan. Schmatissimo, eine Zusammensetzung aus dem jiddischen Wort »Schmates« (Kleidung) und dem italienischen Superlativ »-issimo«, ist eine Art Resümee seines Schreibens.

»schabbatgruss« Bevor Roger Reiss vor zehn Jahren in den Ruhestand ging, war er Banker. In Schmatissimo verrät er auch, wie er zum Schreiben kam: Er begann als »entfesselter Leserbriefschreiber« und sandte die kurzen Texte, die in den beiden damaligen Schweizer jüdischen Zeitungen veröffentlicht wurden, stolz als »Schabbatgruß« an seine Eltern nach Zürich.

Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit, und vor allem im Ruhestand, der Ehrgeiz, nicht nur Leserbriefschreiber, sondern auch Buchautor zu sein.

Reiss’ orthodoxer ostjüdischer Hintergrund bildete dabei so etwas wie die Basis des Schreibens. Mit seinem Erstling Fischel & Chaye. Szenen aus dem Zürcher Stetl (2003), in dem er sich vor allem mit seinen Großeltern auseinandersetzte, wurde er einer größeren, vor allem Schweizer Leserschaft bekannt. Alles Weitere ergab sich.

Roger Reiss: »Schmatissimo. Lebenserzählungen«. Eigenverlag, Genf 2017, 294 S., 21,67 €

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