Debatte

Es ist kompliziert

Deborah Feldman, Jeanine Meerapfel und Peter Lilienthal diskutierten in der Akademie der Künste über ihr Judentum

14.09.2018 – von Lea Wohl von HaselbergLea Wohl von Haselberg

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Vor einigen Jahren fragte der Filmhistoriker Ronny Loewy sel. A. in einem Aufsatz: »Ist ein jüdischer Komiker jüdisch-komisch oder wie ein jüdischer Geiger ein exzellenter Komiker?«

Eine Frage, die – wie alle Fragen, die mit Jüdischsein zu tun haben – einfach klingt, aber bei genauerer Betrachtung ziemlich komplex ist. Je nachdem, welche Erfahrungen und Beispiele man im Kopf hat, kann sie mit der gleichen Vehemenz völlig unterschiedlich beantwortet werden.

fragen Denn natürlich machen jüdische Künstler und Künstlerinnen nicht automatisch jüdische Kunst – was nebenbei auch die knifflige Frage nach sich zieht, was darunter überhaupt zu verstehen ist. Gleichzeitig kann die Jüdischkeit von Künstlern durchaus ein Schlüssel zum Verständnis ihres Werkes sein. Einer von vielen Schlüsseln, nicht zu verwechseln mit einem Freifahrtschein, ein Werk auf diese eine Facette zu reduzieren – eine Festschreibung, die klebt wie Kaugummi und nicht mehr loszuwerden ist, weshalb sie verständlicherweise von vielen Künstlern gemieden wird, zumal das in Deutschland noch unter sehr spezifischen Vorzeichen geschieht.

Und so lockte die Veranstaltung »Unorthodox denken« in der Akademie der Künste (AdK) in Berlin mit genau dieser Frage. Die in Argentinien geborene Regisseurin und AdK-Präsidentin Jeanine Meerapfel, der fast 90-jährige, in München lebende Regisseur Peter Lilienthal und die Autorin Deborah Feldman, Shootingstar der Feuilletons und Wahlberlinerin, wollten sich dort einen Abend lang über ihr Judentum unterhalten.

Was bedeutet ihnen die jüdische Religion? Was heißt es, als Jude in Deutschland zu leben? Was bedeutet das Judentum für ihre Arbeit? Vieles versprach einen interessanten Abend: die unterschiedlichen Professionen, auch wenn Peter Lilienthal sich gleich zu Anfang dazu bekannte, einigen Zweifel am Bild als Medium zu haben, was für einen Filmregisseur einigermaßen ungewöhnlich ist; die unterschiedlichen Generationen – so floh Peter Lilienthal als Zehnjähriger mit seiner Mutter aus Berlin nach Uruguay, Jeanine Meerapfel wurde 1943 im argentinischen Exil ihrer Eltern geboren, wo sie auch aufwuchs, Deborah Feldman, knapp über 30, ist Enkelin von Schoa-Überlebenden; die unterschiedlichen Bezüge und Beziehungen zu Deutschland, denn während Deborah Feldman erst seit wenigen Jahren in Berlin lebt, kehrte Peter Lilienthal bereits Mitte der 50er-Jahre zurück und kann als Fernsehpionier und wahrscheinlich einziger jüdischer Vertreter des Neuen Deutschen Films gelten.

familiär Die Veranstaltung, als Akademie-Dialog angekündigt, war ausverkauft, die Atmosphäre auf dem Podium trotzdem familiär. In unverhohlener Bewunderung der Bücher der deutlich jüngeren Kollegin lasen Meerapfel und Lilienthal Passagen aus ihren Bestsellern Unorthodox und Überbitten vor, die sie besonders berührt hatten. Über Deborah Feldmans nichtjüdischen Ururgroßvater kam das Gespräch auf ungebrochene und ambivalente Zugehörigkeiten zum Judentum und die leise Frage, die sich wohl allen auf dem Podium schon gestellt hatte, ob man selbst eigentlich »richtig« jüdisch sei.

Der ganze Abend war ein Beweis dafür, wie kompliziert die Frage ist: Was heißt Jüdischsein? Nicht ein Judentum gebe es, sagte Deborah Feldman dann auch, sondern unzählige. Entsprechend müßig sei es auch, das Judentum in Deutschland vermitteln zu wollen. Also bleibe man am besten beim konkreten Sprechen über das Eigene, versuchte Jeanine Meerapfel das Gespräch auf die drei Podiumsgäste und ihre Biografien zurückzulenken.

Das gelang nicht durchgängig. Die Bedeutung von Büchern und Sprache, das sei jüdisch für ihn, sagte Peter Lilienthal, aber auch die Leichtigkeit, die Unterhaltung; die »Ahnen«, die durch einen sprächen, die Geschichte, die in einem wiederklinge, fügte Deborah Feldman hinzu, vielleicht auch das Fragen, die Suche nach Antworten mehr als die Antworten selbst.

Biografien Und so war das Podium am Ende zufrieden damit, keine einfache oder festgeschriebene Antwort gegeben zu haben, als eine Frau aus dem Publikum anmerkte, sie habe aber nun immer noch nicht verstanden, was es nun ausmache, das Jüdischsein. Eine Frage, die sich vielleicht tatsächlich mehr zu diskutieren als zu beantworten lohnt.

Der Abend zeigte aber noch etwas anderes: Das lockere familiäre Ambiente eignete sich, um über eigene Erfahrung zu sprechen, ein autobiografisch motiviertes Gespräch zu führen. Für eine umfassendere oder profundere Diskussion wäre hingegen ein strukturierteres Gespräch und ein wenig mehr rahmender Kontext notwendig gewesen – der Wille zur gesellschaftlichen und politischen Einordnung, aber auch zur präzisen Sprache und der Reflexion all ihrer Aufladungen.

Nach der Veranstaltung wurde klar, dass die Frage nach der Kunst zwar unberührt geblieben sein mochte, das Publikum aber etwas anderes vor Augen geführt bekommen hatte: wie unheimlich schwierig es ist, solche Gespräche vor jüdisch-nichtjüdischen Zuhörern zu führen. Familiär und nah mag die Gesprächssituation auf dem Podium sein, aber doch kein geschützter innerjüdischer Raum.

So bleiben innerjüdische Konflikte und Meinungsverschiedenheiten unausgesprochen, auch wenn sie sich durchaus andeuten. Verständnis und Erklärungsbedarf des Publikums sind sehr heterogen. Die Ressentiments und Stereotype, die im abschließenden Publikumsgespräch aufblitzten, wie auch der Wunsch, mit der eigenen Geschichte gehört zu werden, zeigten, wie weit der Weg ist, der mit diesen Fragen noch zu gehen ist. In vielerlei Hinsicht.

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