Film

Bereit für James Bond

Der Schauspieler Mickey Leon über Agenten im Jom-Kippur-Krieg, Israel und den Sinn des Lebens

14.09.2018 – von Vladislava ZdesenkoVladislava Zdesenko

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Herr Leon, in Israel kennt Sie jeder Fernsehzuschauer. Sie spielen in Kinofilmen, TV-Produktionen und der Netflix-Serie »Hostages« mit. Ihr neuer Film auf Net-flix, »The Angel«, ein Agententhriller, startet am 14. September – 45 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg. Worum geht es?
»The Angel« ist ein Film über Ashraf Marwan, den Schwiegersohn des ägyptischen Präsidenten Nasser. Er war Sonderberater und Vertrauter von dessen Nachfolger Anwar Sadat – und gleichzeitig einer der wertvollsten Agenten des israelischen Geheimdienstes im 20. Jahrhundert. Der Mann war auch ein Spieler. Er warnte die Israelis vor dem Jom-Kippur-Krieg – obwohl ihm niemand glaubte. 2007 starb er auf mysteriöse Weise in London. Es ist eine wahre Geschichte, basierend auf den Recherchen des israelischen Politikwissenschaftlers Uri Bar-Joseph. Ich spiele in dem Film einen der Mossad-Agenten.

Was kommt als Nächstes – James Bond?
Warum nicht? Obwohl ich denke, dass der israelische Stil für den James-Bond-Charakter zu grob ist. Liefe ein Mossad-Agent mit einem Smoking und Martinis in der Hand herum, würde seine Tarnung sofort auffliegen!

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Wir haben mit echten Mossad-Agenten zusammengearbeitet. Ich habe viel gelernt, um den Kontext und die Methoden von deren Arbeit zu verstehen.

Sie gehören außerdem zum Ensemble des Tel Aviver Gesher-Theaters. Für welche der Tätigkeiten schlägt Ihr Herz am meisten – Leinwand, Bildschirm oder Bühne?
Zunächst ist es so, dass die meisten Schauspieler, die in Israel Filme drehen, auch Theater spielen. Persönlich kann ich ohne Theater nicht leben – ich brauche es physisch und spirituell. Außerdem ist Gesher eines der besten Theater in Israel, gegründet von Einwanderern aus der früheren Sowjetunion. Die Arbeit für Film und Fernsehen ist etwas ganz anderes, das kann man nicht vergleichen. Es ist eine andere Art von Liebe.

Ursprünglich haben Sie Computerprogrammierung studiert. Zur Schauspielerei kamen Sie erst später. Woher dieser Sinneswandel?
Das Programmieren hat mich nicht wirklich interessiert, und ich war nicht so gut darin. Bei der Schauspielerei hatte ich hingegen immer das Gefühl, dass sie meine wahre Leidenschaft ist, als ob es etwas in meinem Kopf gäbe, das mich die ganze Zeit drängen würde. Im Alter von 26 Jahren entschloss ich mich dazu, Schauspiel im Nissan Nativ Acting Studio zu studieren. Das Problem war, dass sie normalerweise nur Studenten bis 25 akzeptieren, aber ihnen gefiel mein Auftritt, und sie gaben mir eine Chance. Ich bin dankbar für diese Chance und glücklich, dass ich den Mut hatte zu sagen: Das ist es, was ich will, und ich lasse alles hinter mir und tue, was mich erfüllt.

Im Gesher-Theater sind Sie aktuell in dem Stück »Im Tunnel« als Reservist Iftach zu sehen. Wieder ein Kriegsthema …
Es ist eine politische Satire, die auf der filmischen Vorlage »No Man’s Land« basiert, einer bosnisch-serbisch-kroatischen Koproduktion und Kriegssatire. Die Geschichte von »Im Tunnel« ist etwas abgewandelt. Im Mittelpunkt stehen zwei israelische Soldaten, Iftach und Tzlil, sowie zwei Palästinenser – alle vier sind in einem Tunnel von Gaza verschüttet. In dieser Situation sehen sie sich herausgefordert, ihre Unterschiede zu überwinden und zusammenzuarbeiten, um einen Ausweg zu finden. Gleichzeitig wird auf einer Bühne über ihnen das tägliche Leben oberhalb des Tunnels gezeigt. Während des ganzen Stücks sitze ich auf einer Mine. Es ist ein sehr zeitgenössisches Stück und entspricht in vielen Aspekten unserer Realität. Es läuft sehr erfolgreich, auch international. Wir waren bereits in China und werden im Herbst im Lincoln Center in New York, in Pittsburgh und Toronto spielen.

Klingt nach Alltag im Nahen Osten, bei dem Humor manchmal helfen kann.
Wenn man die Leute zum Lachen bringen kann, kann man über alles reden. In Israel ist es nicht leicht, über die Besatzung zu sprechen. Wir müssen das sehr behutsam tun. Und weil es ein sehr lustiges Stück ist, lachen alle Leute, obwohl das Publikum die ganze gesellschaftliche Bandbreite des politischen und ethnischen Spektrums widerspiegelt. Es berührt jeden, obwohl wir einige sehr provokante Dinge sagen. Wir touren durchs ganze Land; wir spielen vor religiösen Menschen in Jerusalem und auch vor arabischen Israelis.

Wie viel Mickey Leon bringen Sie in die Rolle ein?
In vielerlei Hinsicht glaube ich, dass wir für die Fehler bezahlen, die von den Generationen vor uns gemacht wurden. Aber wir müssen uns verteidigen. Ich persönlich glaube, wir sollten uns von den besetzten Gebieten trennen, nicht, weil ich mich nicht in erster Linie um meine Leute sorge, sondern weil ich in einem demokratischen jüdischen Staat leben will, den wir verlieren werden, wenn wir noch viele Jahre so weitermachen wie jetzt. Ich war Teil der Armee und war auch in Gaza, dort habe ich viele Dinge gesehen, die mir nicht gefallen haben. Das Problem ist, dass auf beiden Seiten viele Fehler gemacht werden.
Welche Rolle spielt der Nahostkonflikt in Ihrem Alltag?
Ich bin in Jaffa aufgewachsen, dort leben viele Araber, und natürlich gibt es viele, die ich kenne – obwohl ich sie nicht als Palästinenser sehe. Ich arbeite gerade mit einem palästinensischen Schauspieler zusammen, der auch in der Netflix-Serie »Fauda« spielt. Ja, wir hatten einige Unstimmigkeiten in dieser Angelegenheit, aber wir haben einen Weg gefunden, sie zu überbrücken. Auf menschlicher Ebene, etwa im Alltag, sind wir alle nur Menschen und keine ständigen Feinde, so wie es außerhalb Israels vielleicht den Anschein haben mag. Menschen, die etwas zu essen haben, glückliche Menschen, die in einer guten wirtschaftlichen Situation sind, wollen nicht in Konflikt geraten – weil sie einen Sinn im Leben haben.

Noch einmal zurück zu »The Angel«. Für den Spionagethriller haben Sie unter anderem in Bulgarien gedreht. Wie war das für Sie? Ihre Familie hat zum Teil selbst bulgarische Wurzeln.
Mein Vater kam aus Bulgarien. Die bulgarische jüdische Gemeinde war sicherer, aber trotzdem floh seine Familie, um den Nazis zu entkommen. Auch meine Großmutter überlebte die Schoa. Sie kämpfte als Partisanin in Ungarn, konnte entkommen und überlebte. Ihre ganze Familie wurde ermordet. Sie war sehr traumatisiert und sprach nie über diesen Teil ihres Lebens – bis zum Alter von 70 Jahren. Da brach es plötzlich aus ihr heraus, sie erlitt einen Zusammenbruch und wurde in ein psychiatrisches Heim aufgenommen. Es war ein großer Schock für meine Familie. Ihre Geschichte beeinflusste meine Mutter – und wahrscheinlich auch mich.

Ist das einer der Gründe dafür, weshalb Sie auch Rollen übernommen haben, die die Schoa generationenübergreifend thematisieren?
Vielleicht. Der Film »Antenne« zum Beispiel, der im vergangenen Jahr auf dem Filmfestival Zürich präsentiert wurde, handelt von der dritten Generation nach dem Holocaust, von einer Familie mit drei Söhnen. Ich spiele einen der Söhne; der Vater der Familie ist ein Schoa-Überlebender. Eines Tages flippt er aus, weil jemand eine Mobilfunkantenne auf dem Dach installiert. Ausgelöst durch dieses Ereignis, erwacht sein Trauma. Wir, seine Kinder, gehen mit dieser Situation unterschiedlich um: Einer der Söhne, der eine Affäre mit einem deutschen Mädchen hat, hat Angst, das seinem Vater zu erzählen. Nun, wir sind auch dagegen, weil wir wissen, dass unser Vater niemals zustimmen würde – es ist ein sehr interessanter Film.

Mit dem israelischen Schauspieler sprach Vladislava Zdesenko.

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