Wuligers Woche

Einmal Umkehr und zurück

Oder: Sündenbekenntnis eines Politikjunkies

14.09.2018 – von Michael WuligerMichael Wuliger

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Eigentlich bin ich ein Politikjunkie. Die Debatte der Ideen und Parteien fasziniert mich, seit ich denken kann. Ich habe Politik studiert, mich politisch engagiert und als Politikredakteur gearbeitet. Bevor ich nachts ins Bett gehe, schaue ich Nachrichten. Morgens nach dem Aufstehen geht der erste Griff nicht zur Zahnbürste, sondern zum Smartphone, um zu schauen, was sich politisch getan hat, während ich schlief.

Doch in den letzten Wochen habe ich offenbar eine Überdosis abbekommen. Politik fängt an, mich nur noch zu nerven. Die deutsche Diskussion erscheint mir zunehmend hysterisch. Nicht nur mag ich mich nicht daran beteiligen; ich will nicht einmal mehr verfolgen, wer gerade wen attackiert, sich gegenseitig Lügen vorwirft, zur Revolution aufruft oder Massenbewegungen gründet.

Es kommt mir nur noch wie ein böses Spektakel ohne Sinn und Ziel vor, dessen Zweck alleine in der (Selbst-)Erregung der Akteure liegt. Auf dieser oder jener Seite dabei mitzumachen, ist mir schon als Vorstellung zuwider. Stattdessen wende ich mich mit Grausen ab.

Jom Kippur Deshalb bin ich dankbar, dass bald Jom Kippur ist. Die bloße Aussicht auf 25 Stunden ohne politischen Diskurs hat etwas Wohltuendes. Fernsehen, Radio und Zeitungen sind an diesem Tag tabu, Laptop und Smartphone müssen ausgeschaltet bleiben. Ich betrachte das Verbot als ein Geschenk. Mit jeder Minute, in der ich nicht mitbekomme, für oder gegen was wo demonstriert wird, was welcher Minister gesagt hat und vor allem, was dazu bei Facebook an Kommentaren gepostet wird, geht es mir besser.

Seehofer, Chemnitz und Syrien verblassen. Eine Schutzschicht legt sich um die Seele und lässt den Radau nicht mehr an mich heran. Der Kopf wird frei für wichtigere Dinge. Und wenn am Ende der Schofar ertönt, fühle ich mich psychisch wie frisch gebadet.

Ja, verehrte Damen und Herren Rabbinerinnen und Rabbiner, ich weiß: Ich muss dafür nicht immer ein Jahr warten. Ich könnte das jede Woche haben. Und ich gestehe, dass der Sinn von Schabbat mir immer mehr einzuleuchten beginnt: Einen Tag in der Woche Abstand zum Getöse der Welt zu halten, ist nicht nur ein religiöses Gebot, sondern auch eines der Psychohygiene. An jedem Jom Kippur wird mir das bewusster. Und dass ich jedes Mal daraus keine Konsequenzen ziehe, gibt mir jedes Jahr wieder einen echten Grund zur Reue.

Abstinenz Zumal die Strafe auf dem Fuß folgt. Nach der Jom-Kippur-Abstinenz kommt, wie bei allen Junkies, der Rückfall. Ich schalte Fernseher, Laptop und Handy ein, suche zwanghaft nach Politikberichterstattung, lese Facebook-Kommentare, schreibe selbst welche, schaue, wer was getwittert hat, und habe, schneller als man »Chatima Towa« sagen kann, wieder Kopfschmerzen, Magendrücken und ein generelles Unwohlsein. Schlechtes Gewissen kommt noch erschwerend hinzu.

Mir bleibt nur die Hoffnung, dass vor dem göttlichen Gericht, wie bei weltlichen, Sucht als mildernder Umstand berücksichtigt wird.

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