Jom Kippur

Keine Zeit zum Trauern

Warum der Tag der Buße auch einer der Freude ist

14.09.2018 – von Yizhak AhrenYizhak Ahren

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Alle Fasttage des jüdischen Jahres haben das Ziel, eine gestörte Beziehung des Menschen zu Gott zu reparieren. Sie streben dieses Ziel allerdings von verschiedenen Punkten aus an. Ein Vergleich zwischen den Fasttagen Jom Kippur und Tischa beAw verdeutlicht uns einen wichtigen Unterschied.

Tischa beAw ist der nationale Trauertag, an dem wir Juden die Zerstörung sowohl des Ersten als auch des Zweiten Tempels in Jerusalem beklagen. Jom Hakippurim (besser bekannt als Jom Kippur) hingegen ist ein Tag großer Freude.

Die Behauptung, Jom Hakippurim sei ein Tag der Freude, mag vielleicht manche Leser verwundern. Können wir denn einen ernsten Tag, an dem man weder essen und trinken noch ehelichen Verkehr haben darf, als einen Tag der Freude bezeichnen? Die Richtigkeit unserer These soll nun durch mehrere Quellen aus der religiösen Literatur bewiesen werden.

Mischna Die letzte Mischna im Traktat Taanit (26b) lautet: »R. Schimon Ben Gamliel sagte: Israel hatte keine fröhlicheren Festtage als den 15. Aw und Jom Hakippurim. An diesen pflegten die Töchter Jerusalems in geborgten weißen Gewändern auszugehen, um die nicht zu beschämen, die keine hatten … Die Mädchen Jerusalems zogen aus und tanzten in den Weingärten, indem sie dabei sagten: Jüngling, erhebe deine Augen und schaue, wen du dir wählest …« Hochzeiten wurden also an den genannten Tagen beim Tanzen in den Weinbergen angebahnt. Der Talmud (Taanit 30b) nennt Gründe für die Freude an Jom Kippur: »Weil dieser ein Tag der Vergebung und der Versöhnung ist und an diesem Tag auch die zweiten Gesetzestafeln gegeben wurden.«

Dass Jom Hakippurim als ein Tag der Freude bezeichnet werden darf, lässt sich aus dem halachischen Kodex von Maimonides ableiten. Er schreibt (Hilchot Chanukka 3,6): »Am Rosch Haschana und am Jom Hakippurim rezitiert man das Hallel-Gebet nicht, denn es sind Tage der Umkehr und Ehrfurcht, nicht Tage einer übermäßigen Freude.« Nach Rabbiner Ascher Weiss ist zwischen einer »übermäßigen Freude« und »Freude« zu unterscheiden. Am Jom Kippur gibt es also keine übermäßige Freude, wohl aber Freude! Dies war zu beweisen.

Unterbrechung Auch aus religionsgesetzlichen Vorschriften kann man ablesen, dass Jom Hakippurim ein Tag der Freude ist. Die sieben Tage der Trauer (hebräisch: Schiwa) werden bekanntlich durch den Schabbat unterbrochen und durch Feiertage sogar beendet. Als Grund für die Beendigung der Schiwa nennt der Talmud (Moed Katan 14b), dass das für die Allgemeinheit bestehende Gebot der Freude am Festtag die Trauer des Einzelnen aufhebt. Da auch Jom Hakippurim die Schiwa beendet, ist bewiesen, dass er als ein Tag der Freude gerechnet wird.

Bei den Vorschriften für den Priestersegen (hebräisch: Birkat Kohanim) kommt die Freude an Jom Kippur ebenfalls zum Tragen. In den Ländern der Diaspora besteht der Brauch, dass man Birkat Kohanim nicht tagtäglich rezitiert (wie im Lande Israel), sondern nur an den Feiertagen.

Rabbiner Schlomo Ganzfried begründet diesen Brauch in seinem Werk Kizzur Schulchan Aruch wie folgt: »Weil sich am Feiertag alle in Festesfreude befinden. Und am Jom Hakippurim ist die Freude über die Vergebung und Verzeihung.«

Am Schabbat wird außerhalb des Landes Israel Birkat Kohanim nicht gesprochen. Was geschieht, wenn ein Feiertag auf Schabbat fällt? Rabbiner Ganzfried berichtet von verschiedenen Bräuchen: »Man pflegt in unseren Ländern am Feiertag, der auf Schabbat fällt, Birkat Kohanim nicht zu sprechen, außer am Jom Hakippurim, an dem man, auch wenn er auf Schabbat fällt, den Priestersegen spricht. An manchen Orten pflegt man an jedem Feiertag, auch wenn er auf Schabbat fällt, den Priestersegen zu sprechen; und so ist es richtiger.«

Halten wir fest: Im Gegensatz zu allen anderen Fasttagen wird an Jom Hakippurim in der Diaspora Birkat Kohanim gesprochen. Der Grund für den Unterschied ist klar.

Teschuwa Das Thema der Umkehr (hebräisch: Teschuwa) spielt im jüdisch-religiösen Leben eine so große Rolle, dass sie nicht zu übersehen ist. Im zentralen Achtzehn-Gebet, das an jedem Wochentag dreimal gesprochen wird, heißt es: »Führe uns, unser Vater, zurück zu Deiner Lehre, und bringe uns, unser König, Deinem Dienst näher, und lasse uns wiederkehren in vollendeter Rückkehr vor Dir. Gesegnet seist du, Gott, der an Teschuwa Sein Wohlgefallen hat.«

Rabbiner Samson Raphael Hirsch kommentiert: »Keiner bleibt von Vergehen und Verirrung frei. Täglich und wiederholt haben wir zu prüfen, was wir gesprochen und was wir getan und wo wir durch Übertretung des göttlichen Gesetzes vom rechten Weg abgekommen … Da haben wir die Rückkehr zum Weg des Gesetzes und zum Fortschritt im Gottesdienst der Pflicht zu suchen; daher die Bitte um Beistand zu beidem.«

Teschuwa Im jüdischen Jahr ragen zehn Tage der Teschuwa hervor. Maimonides (Hilchot Teschuwa 2,6 und 2,7) stellt fest: »Obgleich Teschuwa und Gebet immer angebracht sind, so sind sie es besonders in den zehn Tagen zwischen Rosch Haschana und Jom Hakippurim und werden an ihnen sofort angenommen. Denn so heißt es: Suchet Gott, wenn Er gefunden wird (Jesaja 55,6).«

Höhepunkt der Teschuwa-Tage ist Jom Kippur: »Jom Hakippurim gewährt Israel die vollkommene Vergebung und Verzeihung. Alle sollen darum an Jom Hakippurim Teschuwa tun und ein Sündenbekenntnis ablegen.«


Sünden Wer seine Sünden bekannt und aufrichtig Teschuwa getan hat, der kann sicher sein, dass Gott ihm verzeihen wird. Diese Tatsache erklärt den auf den ersten Blick merkwürdigen Brauch mancher Gemeinden, das Sündenbekenntnis mit einer fröhlichen Melodie zu singen. Auf diese Weise drücken die Beter ihre Zuversicht aus, dass Gott ihren Status zum Positiven ändern wird.

Wie ist die hebräische Bezeichnung »Jom Hakippurim« (3. Buch Mose 23,27) zu übersetzen? Nach Rabbiner Jakob Zwi Mecklenburg: »Tag der Entsündigungen«.

Man beachte die Mehrzahl: Entsündigungen. Es gibt nämlich verschiedene Stufen der Teschuwa. Gott akzeptiert jede Form der Teschuwa!

Was man durch Teschuwa erreichen kann, beschreibt Maimonides, der Rambam (Hilchot Teschuwa 7,7), wie folgt: »Wie gewaltig ist doch die Wirkung der Teschuwa! Gestern war dieser Mensch noch vom Ewigen, dem Gotte Israels, getrennt; denn so heißt es: Eure Missetaten machen eine Scheidung zwischen euch und eurem Gotte (Jesaja 59,2). Betete er, so wurde sein Gebet nicht erhört; wie es heißt: Auch wenn ihr Gebete häufet, so höre Ich nicht (Jesaja 1,15).«

Weiter heißt es: »Erfüllte er die Gebote, so verachtete Gott dies nur; denn so heißt es: Wer verlangt Solches von eurer Hand, zu zertreten meine Höfe (Jesaja 1,12). Und heute ist er mit der göttlichen Majestät verbunden. Er betet, und sofort findet er Erhörung; denn so heißt es: Sie rufen kaum, und Ich erhöre schon (Jesaja 65,24). Die Erfüllung der Gebote nimmt Gott nun in Freude an; denn so heißt es: Gott liebt deine Werke (Prediger 9,7).«

Warum ist Jom Hakippurim ein Tag großer Freude? Weil dieser Festtag uns vor den Folgen einer sündhaften Vergangenheit zu schützen vermag. In der Tora (3. Buch Mose 16,30) heißt es über den Tag der Entsündigungen: »Denn an diesem Tag erwirkt Er euch Sühne, um euch zu reinigen; von allen euren Sünden sollt ihr vor dem Ewigen rein werden.« Bemerkenswert ist, dass wir diesen Vers mehrfach in der Liturgie des heiligen Tages wiederholen.


Der Autor ist Psychologe und hat an der Universität Köln gelehrt.

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