Rosch Haschana

Vom Schicksal zum Glauben

Die Hohen Feiertage erinnern an die Verantwortung des Menschen – für sich und die Gesellschaft

Aktualisiert am 09.09.2018, 09:43 – von Jonathan SacksJonathan Sacks

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Die zehn Bußtage sind die heiligsten Tage im jüdischen Kalender. Sie beginnen an diesem Sonntagabend mit Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahr, und erreichen zehn Tage später mit Jom Kippur, dem Versöhnungstag, ihren Höhepunkt. Zu keiner anderen Zeit fühle ich mich Gott so nah, und ich vermute, dass das für die meisten Juden gilt.

An diesen Tagen erleben wir ein Gerichtsdrama wie kein anderes. Der Richter ist Gott selbst, und wir stehen vor Gericht und müssen uns für unser Leben verantworten. Es beginnt an Rosch Haschana mit dem Klang des Schofars, der verkündet, dass das Gericht tagt.

Das Buch des Lebens, in das unser Schicksal eingeschrieben wird, liegt offen da. Im Gebet sprechen wir: »An Rosch Haschana wird eingeschrieben, und an Jom Kippur wird besiegelt, wer leben und wer sterben wird.« Zu Hause essen wir einen in Honig getauchten Apfel als Symbol für unsere Hoffnung auf ein süßes neues Jahr.

Atmosphäre An Jom Kippur, einem Tag des Fastens und des Gebets, ist die Atmosphäre am intensivsten. Immer wieder bekennen wir unsere Sünden, ganze alphabetisch geordnete Litaneien von Sünden, einschließlich solcher, die zu begehen wir weder die Zeit noch die Fantasie hatten. Wir unterwerfen uns der Gnade des Gerichts, das heißt, der Gnade Gottes. Wir sprechen: Schreib uns ein in das Buch des Lebens.

Und am Ende eines langen und schmerzlichen Tages hören wir so auf, wie wir zehn Tage davor begonnen haben: mit dem Klang des Widderhorns – dieses Mal nicht mit Tränen und Angst, sondern mit vorsichtiger, aber zuversichtlicher Hoffnung. Wir haben uns das Schlimmste über uns selbst eingestanden und haben es überlebt. Unter der Oberfläche dieses langen religiösen Rituals verbirgt sich einer der bedeutendsten Entwicklungssprünge des menschlichen Geistes. Der Soziologe Philip Rieff hat darauf hingewiesen, dass der Übergang vom Heidentum zum Monotheismus ein Übergang vom Schicksal zum Glauben war.

Damit meinte er, dass in der Welt der Mythen die Menschen mächtigen, unberechenbaren Kräften – personifiziert als Götter – gegenüberstanden, die gegen die Menschheit bestenfalls gleichgültig, schlimmstenfalls feindlich eingestellt waren. Alles, was man tun konnte, war, die Götter günstig zu stimmen, sich gegen sie zu stemmen oder sie zu überlisten. Eine Kultur des Charakters und des Schicksals, und ihr edelster Ausdruck war die griechische Tragödie.

Die Juden haben gelernt, die Welt ganz anders zu sehen. Das Buch Genesis, das erste Buch Mose, beginnt mit Gott, der den Menschen »nach Seinem Bild und Gleichnis« erschafft. Dieser Satz ist uns dermaßen vertraut geworden, dass wir vergessen, wie paradox er im Grunde ist – für die Hebräische Bibel hat Gott kein Bild oder Gleichnis. Doch in der folgenden Erzählung wird schnell klar, was die Menschen mit Gott gemein haben: Freiheit und moralische Verantwortung.

sophokles Im jüdischen Drama geht es weniger um Charakter und Schicksal als um Wille und Wahl. Im monotheistischen Denken finden die wirklichen Kämpfe nicht »dort draußen« statt, gegen äußere Kräfte der Finsternis, sondern »hier drinnen«, zwischen den bösen und den besseren Engeln unserer Natur. Der Theologe Jack Miles stellte Sophokles und Shakespeare gegenüber, um den Unterschied zu verdeutlichen.

Bei Sophokles muss Ödipus gegen das blinde, unerbittliche Schicksal kämpfen. Für Shakespeare, der in einem monotheistischen Zeitalter schrieb, liegt das Drama von Hamlet zwischen »der angeborenen Farbe der Entschließung« und »des Gedankens Blässe«.

Das Problem ist natürlich, dass wir uns, wenn wir vor einer Wahl stehen, oft für das Falsche entscheiden. Hätten sie eine zweite Chance bekommen, hätten Adam und Eva vermutlich darauf verzichtet, von den Früchten zu essen. Kain hätte vielleicht ein bisschen mehr an sich gearbeitet, um seine Wut zu beherrschen. Und es führt eine gerade Linie von diesen bib­lischen Episoden zu der Spur der Zerstörung, die der Homo sapiens hinterlassen hat: Krieg, Mord, menschliche Verwüstung und Zerstörung der Umwelt.

Und das ist unsere Welt noch immer. Laut der Bibel ist das, was uns auszeichnet, die Tatsache, dass wir in einem von Gesetzen geregelten Universum die einzigen Lebewesen sind, die die Fähigkeit besitzen, das Gesetz zu brechen – eine Macht, die wir oft mit Genuss gebrauchen.

Das wirft ein schwieriges theologisches Dilemma auf. Wie können wir die großen Hoffnungen, die Gott in die Menschheit setzt, mit der schäbigen und dünnen Akte unserer Moralgeschichte in Einklang bringen? Die Antwort lautet: Vergebung.

Vergebung Gott schrieb Vergebung in das Drehbuch. Er gibt uns immer eine zweite Chance, und dann noch eine und noch eine. Alles, was wir tun müssen, ist, unser Unrecht anzuerkennen, um Entschuldigung zu bitten, wiedergutzumachen und zu beschließen, uns zu bessern – und Gott vergibt. Wir können an den höchsten moralischen Ansprüchen festhalten, wenn wir zur gleichen Zeit unsere verborgensten moralischen Schwächen ehrlich zugeben.

Das ist das Drama der jüdischen Hohen Feiertage. Im Kern dieser Vision liegt das, was der Psychologe und Holocaust-Überlebende Viktor Frankl als »Sinnsuche« bezeichnet. Die Errungenschaften der Moderne vermitteln keinen Sinn. Die Wissenschaft sagt uns, wie die Welt entstanden ist, sie sagt uns nicht, warum. Technologie verleiht uns Macht, doch sie kann uns nicht sagen, wie wir diese Macht nutzen sollen.

Der Markt bietet uns Wahlmöglichkeiten, aber keine Anleitung dafür, was wir wählen sollen. Die moderne Demokratie erlaubt uns ein Maximum an persönlicher Freiheit, aber gibt ein Minimum an verbindlicher Moral vor. Man kann die Schönheit all dieser Errungenschaften anerkennen, doch die meisten von uns sind auf der Suche nach mehr.

Sinn erwächst nicht aus Denksystemen, sondern aus Geschichten, und die jüdische Geschichte ist die ungewöhnlichste von allen. Sie sagt uns, dass Gott uns zu Seinen Partnern im Schöpfungswerk machen wollte, wir aber haben Ihn immer wieder enttäuscht. Doch Er gibt nie auf. Er verzeiht uns immer wieder. Für das Judentum ist das wahre religiöse Geheimnis nicht unser Glaube an Gott, sondern der Glaube Gottes an uns.

Fiktion Das ist keine tröstliche Fiktion, wie Atheisten und Skeptiker manchmal behaupten, sondern das genaue Gegenteil. Das Judentum ist der Appell Gottes an die menschliche Verantwortung, eine Welt zu erschaffen, die ein würdiges Zuhause für Seine Anwesenheit ist.

Das ist der Grund, warum Juden so häufig unter jenen zu finden sind, die wie Ärzte gegen Krankheit kämpfen, Ökonomen, die Armut bekämpfen, Juristen, die gegen Ungerechtigkeit kämpfen, Lehrer, die gegen Unwissenheit kämpfen, und Therapeuten, die gegen Depression und Verzweiflung kämpfen.

Das Judentum ist ein Glaube mit zutiefst aktivistischen Zügen, für den die größte religiöse Herausforderung darin besteht, einige der Wunden in unserer zerrissenen Welt zu heilen. Wie Frankl es formulierte: Die Frage ist nicht, was wir vom Leben wollen, sondern was das Leben von uns will.

Jom Kippur Das ist die Frage, die uns an Rosch Haschana und Jom Kippur gestellt wird. Während wir Gott bitten, uns in das Buch des Lebens einzuschreiben, fragt Er uns: Was hast du bisher aus deinem Leben gemacht? Hast du an andere gedacht oder nur an dich selbst? Hast du versucht, Heilung zu bringen, wo Menschen Schmerzen erleiden, oder Hoffnung, wo Verzweiflung herrscht? Du hattest Erfolg, aber warst du auch ein Segen? Hast du andere Menschen in das Buch des Lebens eingeschrieben?

Einmal im Jahr in der Gesellschaft anderer diese Fragen zu stellen, bereit zu sein, öffentlich seine Fehler zu bekennen, begleitet von den erhabenen Worten und der Musik der uralten Gebete, wissend, dass Gott jedes Versagen vergibt, das wir als Fehler anerkennen, und dass Er an uns glaubt, auch wenn wir nicht länger an uns selbst glauben, kann ein Erlebnis sein, das unserem Leben eine neue Richtung gibt.

Und das geschieht, wenn wir entdecken, dass Gott, selbst in einem säkularen Zeitalter, da ist und offen für uns, wann immer wir bereit sind, uns Ihm zu öffnen.

Der Autor war Oberrabbiner von Großbritannien.
Mehr von Rabbiner Sacks finden Sie auf der Website



www.rabbisacks.org

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