Taschlich

»In die Tiefen des Meeres«

An Rosch Haschana ist es Brauch, Verfehlungen symbolisch in ein Gewässer zu werfen

06.09.2018 – von Rabbinerin Antje Yael DeuselRabbinerin Antje Yael Deusel

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Mi El kamocha – wer ist wie Du, G’tt« – mit diesen Worten beginnt die Taschlich-Zeremonie am Nachmittag des ersten Tages von Rosch Haschana oder am Tag darauf, falls der 1. Tischri auf einen Schabbat fallen sollte. Bezeichnenderweise heißt es hier nicht »Baruch ata Haschem« (»Gelobt seist Du, Ewiger, Der Du uns geboten hast«) – denn Taschlich ist kein biblisches Gebot, sondern gehört zu den Minhagim, den Bräuchen.

Auch im Talmud wird Taschlich, wörtlich »Du sollst werfen«, noch nicht beschrieben, sondern erst im Sefer Maharil, dem »Buch der Gebräuche« des Jakob Moellin, des berühmten Talmudisten des 14./15. Jahrhunderts, in dem er die aschkenasischen Minhagim kodifiziert. Taschlich ist aber vermutlich als Brauch viel älter. Manche meinen sogar, er sei bereits bei Flavius Josephus erwähnt, als »Gebet am Meer, wie die Juden zu tun pflegen«.

Symbolik So unklar wie seine Entstehungsgeschichte, so vieldeutig ist auch seine Symbolik. Da man Taschlich – nach Möglichkeit – am Meeresufer durchführt oder an einem fließenden Gewässer, das Fische enthält, reicht die Deutung vom Midrasch, der an die Akeda Jizchak erinnert, von der Satan den Awraham durch einen reißenden Fluss abhalten wollte, über die Vorstellung, dass die Fische immer die Augen geöffnet halten, wie der Ewige, dem nichts verborgen bleibt.

Symbolisch ist zudem, dass das Leben der Fische aus Unsicherheit und Gefahr besteht – wie das der Menschen. Und die Symbolik reicht bis hin zu der Überzeugung, dass alles, was in die Tiefen des Gewässers gelangt, nicht mehr sichtbar ist und auf ewig verschwunden bleibt, in diesem Fall unsere Verfehlungen des vergangenen Jahres.

Reinheit Ein wenig erinnert uns dies an das Ritual des Sündenbocks, den man einst zum Asasel schickte, das heißt, ihn in eine Schlucht hinunterwarf. Auch mag das Ausschütteln der Kleider beim Taschlich eine Form der spirituellen Reinheit beinhalten, ähnlich wie das Beseitigen von Chametz vor Pessach. Und schließlich finden wir den Gedanken von Reinheit in Verbindung mit Wasser auch im Konzept der Mikwe. Ein Minhag voller symbolischer Elemente – kein Wunder, dass der Brauch gerade bei den Kabbalisten Bedeutung erlangte. So praktizieren auch sefardische Juden Taschlich seit der Zeit des Isaak Luria.
Die Taschlisch-Zeremonie beginnt mit einem Zitat vom Schluss des Prophetenbuches Micha, in dem die 13 Eigenschaften des Ewigen angesprochen werden.

Insbesondere Seine Gnade, Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft werden genannt, und dass Er unsere Sünden in die Tiefen des Meeres versenken werde. Im folgenden »Min ha-metzar«, aus der Bedrängnis habe ich den Ewigen angerufen (Psalm 118, 5), bringen wir unser Vertrauen in den Ewigen und Seine Barmherzigkeit zum Ausdruck. Der Ewige regiert gerecht, als alleiniger König, und gleichzeitig ist Er unser liebender Vater: Awinu Malkenu, auch dies ein Thema der Hohen Feiertage, in andere Worte gekleidet. In diesen Tagen, an denen wir das Königtum des Ewigen verkünden, nähern wir uns Ihm im Taschlich an einem Gewässer, wie in jenen Zeiten, als man Könige am Flussufer zu salben pflegte.

So viel Symbolik, weit zurückreichend ins Dunkel vergangener Zeiten, in einer einzigen kurzen Zeremonie! Taschlich ist aber nicht nur einfach eine Zeremonie. Es ist nicht damit getan, dass man ein Gebet spricht, Krümel ins Wasser wirft und seiner Wege geht. Es ist viel mehr, geht viel tiefer. Wohl befinden wir uns erst am Beginn der Jamim Nora’im; doch sollte Taschlich eigentlich nicht am Beginn unserer Teschuwa stehen, sondern eher an deren Abschluss. Es geht darum, etwas aktiv loszulassen. Bevor wir aber loslassen und so das neue Jahr beginnen können, gilt es, das vergangene Jahr abzuschließen.

Dazu gehört nicht nur, offene Rechnungen zu begleichen, indem wir andere um Vergebung bitten und unsererseits anderen vergeben. Ein essenzieller Punkt ist auch, dass wir uns selbst vergeben, dort, wo uns Dinge belasten, die wir falsch gemacht haben; wo wir Ansprüche nicht erfüllt haben, die wir an uns selbst gestellt haben; wo wir uns selbst Vorwürfe machen, auch wenn andere es nicht tun; dort, wo kein Gegenüber ist, das uns vergeben könnte. Wir bitten den Ewigen um Vergebung, und Er wird sie uns gewähren. Aber vergeben wir uns auch selbst? Dieser Schritt auf dem Weg zur Selbsterkenntnis wird uns entscheidend weiterhelfen bei der Arbeit an uns selbst, um künftig bessere Menschen zu sein.

Verletzungen Und was ist mit den Verletzungen, die uns andere zugefügt und die Spuren auf unserer Seele hinterlassen haben, wenn uns niemand dafür um Verzeihung bittet? Vielleicht sind die einstigen Verursacher auch schon gestorben, oder sie sind nicht mehr in der Lage, auf einen zuzukommen? Damit alte Wunden heilen können, ist es an uns selbst, loszulassen; zu vergeben, wo keiner um Vergebung gebeten hat, auch wenn der entsprechende Mensch es gar nicht erfährt. Es geht am Ende nicht um den, der schuld ist; es geht vielmehr um den, der verletzt wurde. Das ist keineswegs einfach, und doch gilt es, loszulassen – »taschlich«, vielleicht sogar mehr als einmal.

Wenn wir nun an der Schwelle des neuen Jahres stehen, schlagen wir nicht einfach die Tür des alten Jahres hinter uns zu. Gehen wir noch einmal Monat für Monat durch, was wir erlebt haben seit dem letzten Taschlich – wo waren wir um diese Zeit? Welche Wünsche, welche Ziele, welche Vorsätze hatten wir für dieses nun vergangene Jahr? Was hat sich erfüllt, was ist noch offen? Was hat uns zum Lachen gebracht, worum trauern wir? Wo haben wir etwas Neues begonnen, wo konnten wir die Früchte unserer Arbeit ernten? Welche Erfolge durften wir erleben, was ist misslungen? Was haben wir gelernt, und wie haben wir uns weiterentwickelt? Was kam zum Abschluss, und woran werden wir im neuen Jahr weiterarbeiten? Und wo konnten wir die Gegenwart des Ewigen spüren in unserem Leben?

Halten wir noch einmal inne, indem wir zurückschauen auf das Vergangene. Und dann lassen wir es los, das Gute und das weniger Gute, »taschlich« – und beginnen das neue Jahr, im Vertrauen auf den Ewigen und Seine Gegenwart und Hilfe in dem, was uns dieses Jahr bringen wird.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

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