Gesellschaft

Klare Kante

Auch muslimischer Antisemitismus muss ernsthaft bekämpft werden. Sonntagsreden oder Wegschauen helfen nicht

23.08.2018 – von Ahmad MansourAhmad Mansour

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Paris. Kopenhagen. Toulouse. Brüssel. Berlin. Allesamt jüngst Schauplätze von Angriffen auf Juden. Menschen wurden verletzt oder sogar getötet. Begleitet werden die Vorfälle von einem schleichenden, mahnenden Gefühl der Unsicherheit, einem Gefühl des Alleingelassenwerdens.

Nicht nur Juden leiden unter Antisemitismus, die gesamte Gesellschaft nimmt Schaden. Debatten, denen keine Taten folgen, Sonntagsreden und Wegschauen verändern nichts. Verantwortungsvolles gesellschaftliches wie auch politisches Handeln, das diese Bezeichnung auch verdient, erfordert gerade, nicht zuzulassen, dass Juden in Europa ihr Jüdischsein verstecken oder darüber nachdenken, Europa wieder zu verlassen.

verantwortung Antisemitismus ist in keinem demokratischen Land zu dulden. Dies gilt in besonderer Weise für die Bundesrepublik. Gerade deshalb sollten wir als Standard setzen, dass nur der, der diese historische Verantwortung begreift, mitträgt, eventuelle antisemitische Einstellungen aufgibt und das Existenzrecht Israels anerkennt, wirklich in dieses Land integriert ist. Unser aller historische und demokratische Verantwortung ist es, dies laut, deutlich und selbstbewusst zu kommunizieren – in Richtung AfD genauso wie in Richtung der Linken und Muslime.

Denn, lassen Sie mich eines klarstellen: Antisemitismus ist ein herkunftsübergreifendes Phänomen. Man findet ihn rechts, links und in der Mitte der Gesellschaft. Er zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten, Nationalitäten und Religionen. Divergent sind allerdings die Begründungs- und Entstehungslinien von muslimischem Antisemitismus hier und alteingesessenem der Mehrheitsgesellschaft dort. Dies ändert nichts daran, dass beide Formen nicht zu entschuldigen sind, macht aber deutlich, dass man den verschiedenen Erscheinungsformen in je spezifischer Weise begegnen muss.

Spezifisch heißt: der Sache angemessen und lösungsorientiert. Leider wird Spezifität aber oft mit Relativismus verwechselt. Wer bei antisemitischen Entgleisungen nur in eine Richtung mahnend auftritt und in die andere nicht, aus Angst vor Rassismusvorwürfen oder aus falsch verstandener Toleranz, betreibt Doppelmoral. Es gilt vielmehr, Hilflosigkeit und Relativierungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu überwinden und durch eine kompromisslose Haltung zu ersetzen. An einer solchen klaren Kante gibt es nichts, für das man sich entschuldigen müsste.

kontext Um Antisemitismus zu bekämpfen, müssen wir uns die Mühe machen, nach Konzepten und Lösungen zu suchen. Ich erlebe den Antisemitismus im muslimischen Milieu als sehr verbreitet, selbstbewusst und teilweise sehr aggressiv. Er wird religiös gefüttert durch buchstabengetreuen Glauben an die heiligen Schriften, der von einer reflexiven Unfähigkeit gekennzeichnet ist, diese Texte kritisch zu hinterfragen oder sie in ihrem historischen und lokalen Kontext zu verstehen.

Antisemitismus und Islam haben also miteinander zu tun, es gibt eindeutige Zusammenhänge, die eine oberflächliche Betrachtungsweise aber tendenziell übersieht. Für wirkungsvolle Gegenmaßnahmen brauchen wir ein tieferes Verständnis dieser Zusammenhänge.

Eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung und Tradierung von antisemitischen Haltungen spielen Verschwörungstheorien, nach denen Juden Medien, Finanzmärkte und die ganze Welt beherrschen. Sie reproduzieren über soziale Medien mit großer Reichweite Vorbehalte über Juden in ideologischer Weise. Diese kaum noch zu kontrollierende Plage ist so allgegenwärtig, dass Jugendliche diese Theorien als Teil der Popkultur unhinterfragt übernehmen.

nahostkonflikt Ein weiterer spezifischer Kernfaktor für muslimischen Antisemitismus ist der Nahostkonflikt. Mit den toten Juden aus Auschwitz lässt sich viel einfacher Solidarität üben als mit den lebendigen Juden aus Israel. Teilweise berechtigte Kritik an israelischer Politik mündet in einer pauschalisierten Projektion allen Übels auf die Religionsgruppe der Juden. Das Land und seine Einwohner werden zur diffusen Verkörperung des Bösen, zur Ursache jedweden Elends in der gesamten Region. Egal, was in Gaza, Syrien, dem Iran oder im Libanon nicht funktioniert, schuld sind die Juden und Israel.

Nicht zuletzt sollte in diesem Kontext auch der türkische Präsident Erdogan erwähnt werden. Er personifiziert eine Staatspolitik, die mal mehr, mal weniger subtil antisemitische Vorstellungen verbreitet. Die Beziehungen zwischen den einst befreundeten Staaten Türkei und Israel verschlechtern sich zunehmend. Gipfel der Vorfälle war im Juli dieses Jahres eine polemische Faschismus-Rede Erdogans, in der er Israel als einen der rassistischsten und faschistischsten Staaten der Welt bezeichnete.

Wie kann nun eine Antwort auf das Problem aussehen? Sie erschöpft sich nicht in Sonntagsreden, Mahnwachen, Fahrradtouren und Projekten ohne Nachhaltigkeit. Ein ernst zu nehmender Kampf beinhaltet Kommunikation, Entschiedenheit und Umdenken. Ziel muss sein, in Deutschland und Europa lebende Muslime zu bewegen, sich an den Grundrechten zu orientieren und diese entschieden zu kommunizieren. Wer antisemitische Äußerungen macht oder das Existenzrecht Israels nicht akzeptiert, ist nicht angekommen in unserer Gesellschaft und wird so auch nie ankommen – auch nicht als Arzt an der Charité oder als Professor oder Abgeordneter im Bundestag.

Der Autor ist Psychologe und Publizist. Soeben ist von ihm erschienen: »Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache«.

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