Klischeebilder

Judennase und Sarotti-Mohr

Das Jüdische Museum Berlin zeigt Klischeebilder von Minderheiten, lässt dabei jedoch die Gegenwart zu kurz kommen

28.03.2008 – von Michael WuligerMichael Wuliger

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Von Michael Wuliger

Im Druckereiwesen ist das Klischee, auch Abklatsch genannt, eine Form, mit der identische Bilder in großen Mengen produziert werden. Übertragen bezeichnet der Begriff eingefahrene Vorstellungen, Bilder, Denkschemata und Redensarten: Latinos sind feurige Liebhaber, Frauen können nicht rückwärts einparken, Schwule besitzen Sinn für Ästhetik, Schwarzen liegt der Rhythmus im Blut, und Juden haben krumme Nasen.
Die jüdische Nase: Mehrere Meter groß wirbt sie auf Plakaten in der Berliner Innenstadt für die Ausstellung „typisch! Klischees von Juden und Anderen“ im Jüdischen Museum. Auch in der Schau stößt der Betrachter immer wieder auf das angeblich ausgeprägteste körperliche Attribut der Kinder Israels: Eine Bronzebüs-te des Kunstsammlers Alfred Flechtheim von 1927 besteht fast nur aus dessen Nase. Spazierstöcke aus der vorigen Jahrhundertwende haben den Zinken als Knauf in Holz, Elfenbein oder Silber. Und gleich 49 modellierte jüdische Nasen hat der amerikanische Künstler Dennis Kardon für ein Objekt neben- und übereinander platziert.
Natürlich fehlen auch die anderen bekannten Judenbilder nicht: Christusmörder, Börsenmauschler, Bolschewisten, Zionisten, Shylocks, Orthodoxe, Heimatlose, Opfer – sie alle sind vertreten, in Keramik und Polymer, auf Papier und Zelluloid, als Salzstreuer, Teller, Schmuckstück, Spardose und sogar als Pflanze, mal agitatorisch, mal ironisch dargestellt.
In 25 Tryptichen präsentieren das Jüdische Museum Berlin und das Jüdische Museum Wien rund 200 Objekte aus Hoch- und Trivialkultur, die gängige Vorstellungen des Fremden in Bilder verpa-cken. Aller Fremden, nicht nur des Juden: Der primitive Afrikaner und die rassige Schwarze, der edle Indianer, der geheimnisvolle Orientale, der romantische, aber auch diebische Zigeuner, der mal komisch-tuntige, mal jungsverderbende Schwule und der arabische Haremswächter haben in der Ausstellung ebenfalls ihren Platz.
Die beiden Museen wollen, schreiben sie in einer Pressemitteilung, „die Besucher zum genauen Hinschauen und zum Nachdenken über eigene Denkmuster anregen“. Die Ausstellung „sensibilisiert für die alltägliche Gegenwart von Klischees, aber auch für ihre Brutalität, und will das Bewusstsein dafür schärfen, dass Stereotype ein Nährboden für Rassismus und Menschenfeindlichkeit sind“.
Ein edler Anspruch, der wahrscheinlich unerfüllt bleiben wird. Abgesehen davon, dass Menschen selten aus Erfahrung und noch seltener aus Ausstellungen lernen, hat die Schau auch einen falschen Schwerpunkt. Zwar sind die vielen, aus Museen und Sammlungen weltweit zusammengetragenen Originalstücke beeindruckend. Auch die durchweg schwarz-weiße Präsentation wirkt durchdacht. Doch der inhaltliche Ansatz ist zu historisch geraten. Ein Gutteil der judenfeindlichen Exponate stammt aus der umfangreichen Sammlung historischer Antisemitica des Jüdischen Museums Wien, das die Schau gemeinsam mit dem Berliner Haus organi- siert hat. Diese Stücke bilden den Kern der Ausstellung. Reizvoll und spannend wäre gewesen, diesen historischen Kuriositäten im Verhältnis 50:50 aktuelle Beispiele gegenüberzustellen. Von dem Kontrast hätten alte wie neue Exponate ästhetisch gleichermaßen profitiert. Nebenher wäre, wenn man schon unbedingt volkspädagogisch wirken will, das auch in dieser Hinsicht effektiver gewesen.
So aber kommt die Gegenwart zu kurz. Das Antiquarische dominiert. Die vergleichsweise zu wenigen aktuellen Ausstellungsstücke können dem nicht standhalten: Eine Marcel-Reich-Ranicki-Gum- mifigur mit ausgeprägter Judennase aus den 90er-Jahren, Judensterne als Goldbroschen, ein israelischer Spielzeugsoldat. Wo aber ist das „Stern“-Titelbild „So liebt die Welt“ vom Juni 2007, bei dem alle Länder mit knackigen halb nackten Mädels repräsentiert waren, nur Israel natürlich durch einen schwarzen Hut tragenden Orthodoxen mit bis oben zugeknöpfter Braut? Warum fehlt der penetrant jiddelnde Judendarsteller aus dem ARD-Tatort „Der Schächter“ 2003? Und gehört nicht auch zu den in jedem Sinne penetrantesten Klischees, dass, wann immer im Fernsehen oder bei Veranstaltungen Jüdisches auf dem Programm steht, als Hintergrundmusik unweigerlich Klesmer ertönt, meist gespielt von Nichtjuden?
Das Gleiche wie für Juden gilt auch für die „Anderen“ im Titel der Ausstellung: Schwarze, Schwule, Sinti, Roma, Asiaten und Araber. Auch über sie kursieren mehr als genug aktuelle Klischees in Wort, Bild und Schrift. In der Ausstellung kommen diese gegenwärtigen Beispiele ebenfalls zu wenig vor. Bilder des 19. und 20. Jahrhunderts sind prägend – Kolonialfotografien, Sarotti-Mohren, Ethnoschlümpfe „West“-Zigarettenwerbung und Barbiepuppen in diversen Landestrachten. Fast hat man den Eindruck, dass die Ausstellungsmacher noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind. Da hilft auch nicht der Medienraum, in dem man an einem Computerspiel der Universität Harvard ausprobieren kann, wie sehr das eigene Denken von Stereotypen geprägt ist. Und so werden viele Besucher wahrscheinlich die Schau mit dem beruhigenden Gefühl verlassen, dass Klischees eine Sache der Vergangenheit sind. Vorurteile haben bekanntlich immer nur andere.

„typisch! Klischees von Juden und Anderen“. Jüdisches Museum Berlin bis 3. August. www.jmberlin.de Katalog mit 160 Abb. 24,90 € (Nicolai Verlag)

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