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Die Profis von morgen

Gemeindevorsitzender Michael Fürst holt das 30. Nahum Goldman Fellowship nach Hannover

Aktualisiert am 16.08.2018, 11:53 – von Beate RossbachBeate Rossbach

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Die Gäste aus aller Welt haben Niedersachsen von seiner besten Seite erlebt. In der vergangenen Woche tagte die internationale Memorial Foundation for Jewish Culture (MFJC) in Hannover und der benachbarten Kleinstadt Burgwedel. Dort wurden die Seminare und Workshops des Nahum Goldman Fellowship abgehalten, das alljährlich veranstaltet wird.

Nach verschiedenen Treffen in der ganzen Welt, wie 2016 in Mexiko und im vergangenen Jahr in Israel, fand die Tagung zu ihrem 30. Jubiläum in Deutschland statt, eine Premiere in der 50-jährigen Geschichte der Memorial Foundation for Jewish Culture.

Die MFJC fördert als wohl weltweit bedeutendste jüdische Kultureinrichtung junge jüdische Wissenschaftler. Bei den Teilnehmern des Fellowship handelt es sich um aktive oder zukünftige Führungspersönlichkeiten des jüdischen Lebens im Alter von 25 bis 40 Jahren.

Die Gastgeber hatten ein großes Bündel an Besichtigungen und Begegnungen geschnürt. Waren sie doch hocherfreut über den wichtigen Besuch und zu Recht stolz darauf, dass die Einladung angenommen worden war.

Diaspora
Die Veranstaltungen sprachen zentrale Themen des Judentums an. Bei der Tagung in Hannover lag der Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung mit dem Holocaust, unter dem Motto »Von Generation zu Regeneration – Gedächtnis, Kultur und Identität einbeziehen« und mit Themen wie »Übergänge und Traumata: Rückkehr nach Deutschland« oder »Das heutige Deutschland als Fallstudie für das robuste jüdische Leben in der Diaspora«. Folgerichtig passte sich das Rahmenprogramm den Inhalten an. Zum ersten Mal besuchten die Fellows mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen ein ehemaliges Konzentrationslager.

Und auch Zentralratspräsident Josef Schuster ging in seinem kurzen Grußwort, das er unter das Stichwort Identität gestellt hatte, auf dieses Thema ein. Die jüdische Identität zeige sich positiv und eindrucksvoll im jährlichen Jewrovision-Wettbewerb für jüdische Jugendliche. Gemeinsames Trauma sei aber immer noch die Schoa.

Heute drücke sie sich im unbedingten Willen der jüdischen Gemeinschaft aus, »sich gegen jegliche Form von Menschenhass und Diskriminierung einzusetzen«, sagte Schuster. Dies sei gerade in Zeiten zunehmenden Antisemitismus und einer Verrohung der Sprache gefordert. Zum anderen erweise sich die jüdische Identität in Deutschland in der Beziehung zu Israel. »Israel ist unsere Lebensversicherung«, sagte Schuster.

Schuster war extra für einen Tag nach Hannover gereist, um die Tagungsgäste bei einem Empfang im Niedersächsischen Landtag zu begleiten und bei der Abendveranstaltung in der Jüdischen Gemeinde in der Haeckelstraße zu begrüßen. Deren Zustandekommen in Hannover ist das Verdienst von Michael Fürst, dem Präsidenten des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen.

Dass die Tagung nach Deutschland kam, ist ein Engagement, das Schuster ausdrücklich würdigte. »Michael Fürst war es, der viel Energie und Überzeugungsarbeit geleistet hat, um das Fellowship hierher zu holen. Herausgekommen ist ein beeindruckendes und vielfältiges Programm, das sich mit Erinnerung, jüdischer Kultur und Identität beschäftigt. Ein Programm, bei dem aber auch Begegnungen und Exkursionen in Niedersachsen nicht zu kurz kommen.«

vorbehalte Einige der Fellows waren möglicherweise mit Vorbehalten nach Deutschland gereist. Der 27-jährige Jurastudent Joshua Todes aus Kapstadt verriet, dass seine Eltern und Großeltern durchaus zögerten, ihn reisen zu lassen. Er erzählt jedoch, wie sehr ihn dann München begeistert hat. »Da war richtig gute Stimmung, ein echter ›Eye-opener‹. Toll zu sehen, wie die jüdische Gemeinschaft, auch hier in Hannover, immer weiter aufblüht.«

Oshrith Gadkar, eine junge Managerin aus Mumbai, hatte keine Bedenken: »Ich habe mich intensiv auf die Tagung vorbereitet, sodass ich wusste, was mich hier erwartet, und bin sehr aufgeschlossen und aufnahmebereit angekommen.«

Salomon Rytz, MFJC-Vizepräsident aus Schweden, der von seiner Frau Susanne Sznajderman-Rytz begleitet wurde, erzählt, dass er meist nur an den abschließenden Vorstandstreffen teilnimmt. »Aber diesmal wollten wir ausdrücklich die Gelegenheit wahrnehmen, die interessanten Vorlesungen zu hören«, sagt er und fügt hinzu: »Dass die Seminare jetzt zum ersten Mal in Deutschland stattfinden, ist ein enormes Statement. Und für die Studenten ist es eine Chance, zu sehen, was das jüdische Leben in Deutschland heute ausmacht und wie es in die nichtjüdische Gesellschaft integriert ist, nämlich sehr gut. Unser persönlicher Eindruck ist, dass wir hier – nicht nur von offizieller Seite – sehr eindrucksvoll unterstützt werden.«

Er und seine Frau waren schon oft in Deutschland. Daher halten sie es für wichtig, die Veranstaltung hier durchzuführen, sagt Salomon Rytz, denn: »Vielen Menschen ist die jüngere deutsche Geschichte ziemlich unbekannt. Aber ich hoffe, dass die, die gezögert haben, herzukommen, nun erkannt haben, dass das Deutschland von heute anders ist, ein Land wie andere Länder Europas. Und noch etwas: Man kann die Toten nicht wieder lebendig machen. Aber Deutschland ist das einzige Land, das um Vergebung gebeten hat.«

Einfluss Rabbinerin Jeni Friedman aus New York, die amtierende Vizepräsidentin der MFJC, erinnerte daran, das Nahum Goldman in seinen Erinnerungen schrieb, es habe in den letzten 1000 Jahren jüdischer Geschichte keine Kontakte gegeben, die so einflussreich, aber auch so kritisch für das jüdische Schicksal gewesen seien wie die Begegnung mit dem deutschen Volk. Daher, so formuliert sie in einer kurzen Ansprache, »freut es uns sehr, als Hommage an diese Begegnungen der Vergangenheit hier in Deutschland zu sein, wo wir von unseren Gastgebern, dem Landesverband und der jüdischen Gemeinschaft hier in Hannover, so warmherzig und gütig aufgenommen worden sind.«

Dank der sorgfältigen Vorbereitung und bis ins Detail geplanten Organisation durch Michael Fürst und sein Team war dafür gesorgt, dass die Gäste nicht nur sicher, sondern auch nach ihren Wünschen untergebracht werden konnten. In einem Hotel in Burgwedel hatte der Landesverband die Zimmer, den Tagungsbereich und eines der Restaurants angemietet, um die Konferenz koscher ausrichten zu können.

Kippatragen Burgwedel ist ein Ort, in dem es, wie Fürst betonte, problemlos möglich sei, mit Kippa auf dem Kopf spazieren zu gehen. Eine Bemerkung, die Burgwedels Bürgermeister Axel Düker nickend bestätigte. Der stattete den Tagungsteilnehmern übrigens am vorletzten Tag ihres Aufenthalts noch einen offiziellen Besuch ab, gemeinsam mit seinem Amtsvorgänger Hendrik Hoppenstedt, jetzt Staatsminister bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, und Hauke Jagau, Präsident der Region Hannover.

Und dann gab es noch ein sportliches Highlight im Programm. Marlene Bethlehem, die 78-jährige MFJC-Präsidentin aus Südafrika, war in den 60er-Jahren Wimbledon-Teilnehmerin. Gemeinsam mit Ex-Profispielerin Syna Kayser aus Hannover akzeptierte sie nun eine Einladung zum Tennismatch.

Herausgefordert wurden die Damen von den in Burgwedel ansässigen Unternehmern Martin Kind und Dirk Rossmann, die jede Woche gemeinsam auf dem Platz stehen. Bei brütender Hitze, in Südafrika wohl nichts Ungewöhnliches, gerieten die Herren bald ins Schwitzen, die Damen blieben locker. Und wer hat gewonnen? »The girls did – 6:1«, antwortet Marlene Bethlehem trocken und lächelt.

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