Begegnung

Gemeinsam in Auschwitz

Erstmals besuchen Juden und Muslime zusammen die Gedenkstätte

Aktualisiert am 21.08.2018, 11:03 – von Philipp FritzPhilipp Fritz

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Im Schatten des Unbegreiflichen bekommt alles Alltägliche einen absurden Charakter: Da ist am Straßenrand das Werbeplakat für Brautmode, einige Kilometer weiter auf einem Feld ein anderes für das weltgrößte bewegliche Dinosauriermodell, und dann schließlich stadteinwärts die Waschanlage, die mit »niemiecka technologia«, der »deutschen Technologie«, punkten will. Der Bus fährt nach Auschwitz.

23 junge Erwachsene, Juden und muslimische Flüchtlinge, besuchen gemeinsam die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, das ehemalige deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager. Eine solche Gruppe gab es dort noch nie: Mädchen mit Kopftüchern, Jungen mit Kippa, und sie alle sprechen miteinander Deutsch. Es ist der Versuch, sich an einem so schrecklichen Ort näherzukommen, und es soll ein Zeichen gegen Rassismus und Antisemitismus sein.

Die Gruppe ist in Birkenau angekommen. Hinter ihr steht das steinerne Torhaus. »Das kenne ich aus Filmen«, sagt ein muslimischer Teilnehmer. Mit den anderen zusammen wartet er in der sengenden Hitze auf die zwei polnischen Touristenführerinnen, die die Gruppe an diesem Tag zu den Baracken, über das Feld entlang der Schienen und schließlich zu den Ruinen eines Krematoriums begleiten werden.

Entsetzen Als sie in der ersten Baracke ankommen, dominiert schnell Fassungslosigkeit. Stille. Die Reiseleiterin erzählt von den Zuständen, die hier geherrscht haben: Hunderte von Menschen eingepfercht wie Tiere, bittere Kälte, unerträgliche Hitze, Krankheit und Tod. Die jüdischen Teilnehmer kennen die Details aus dem Schulunterricht, vor allem aber aus ihren Familien, viele haben Vorfahren, die in der Schoa ermordet wurden. Sie nicken wissend.

Mit dem muslimischen Teil der Gruppe verhält es sich anders. Einige der Flüchtlinge hören zum ersten Mal etwas von der Besetzung Polens, der Terrorherrschaft der Deutschen; auch war ihnen das Ausmaß des Völkermords unbekannt. »So viele«, sagen sie immer wieder erstaunt. Hinzu kommt, dass die meisten von ihnen Wörter wie »Appell«, »Krematorium« oder »Latrine« nicht kennen.

»Entschuldigung, aber ich muss fragen«, sagt Amro in der zweiten Baracke und wendet sich der Begleiterin zu. Der 24-jährige Syrer, der seit drei Jahren in Deutschland lebt und mittlerweile in Erfurt Architektur studiert, ist besonders engagiert, fragt häufig nach. Immer ist er vorne, geht der Gruppe voran, möglichst nah bei der Touristenführerin.

»Das ist jetzt ein bisschen komisch, aber als die Menschen auf der Toilette waren, wie haben sie sich sauber gemacht?« Amro steht neben einem langen Betonblock, in dem 180 Löcher sehr dicht beieinander sind. »Sie haben sich nicht sauber gemacht«, antwortet die Angesprochene kurz. »Das war egal.« Amro ist entsetzt. Er schaut zu Boden, schüttelt den Kopf. »So behandelt man nicht mal Tiere«, murmelt er.

Den Anstoß zu der Reise gaben die Union progressiver Juden (UpJ) und der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Der Potsdamer Rabbiner und Rektor des Abraham Geiger Kollegs, Walter Homolka, und der Zentralratspräsident Ayman Mazyek hatten sich persönlich dafür eingesetzt. Sie werden später noch zur Gruppe stoßen und am zweiten Tag im Stammlager Auschwitz I an einer Kranzniederlegung gemeinsam mit den Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins und Thüringens, Daniel Günther (CDU) und Bodo Ramelow (Die Linke), teilnehmen.

übergriffe Die Reise ist auch eine Reaktion auf jüngste antisemitische Vorfälle in Deutschland. »Natürlich weiß ich, dass in der Flüchtlings-Community Antisemitismus ein Problem ist«, sagt Dan Rattan. Als Jude sei er bisher aber noch nie von Muslimen angegangen worden, sondern immer nur aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft heraus. »Das will ich betonen«, sagt er.

Rattan ist 26 Jahre alt und studiert in Passau. Er sitzt auf einer Holzbank vor dem Zentrum für Dialog und Gebet, einer katholischen Einrichtung in der Nähe der Lagermauern in Oswiecim, in der die jüdisch-muslimische Gruppe untergebracht ist. Rattan, Sohn eines israelischen Vaters und einer deutschen Mutter, ist ein langer, schlaksiger Typ, hat schwarzes Haar und ist unrasiert. »Ich weiß, ich könnte auch als Araber durchgehen«, sagt er, lacht und spielt aufgeregt an seiner Kippa herum.

Rattan ist sichtlich darum bemüht, dass während der Reise alle mit allen reden und sich nicht in eine jüdische und eine muslimische Gruppe aufspalten. Er selbst geht auf jeden zu, mit dem Syrer Amro versteht er sich prächtig. Ohnehin hat die Stimmung einen Hauch von Klassenfahrt. Die jungen Leute sind locker, reden über Alltägliches, muslimischer Antisemitismus kommt nicht offen zur Sprache. Am dritten Abend wird Rattan nach Mitternacht noch mit Amro beisammensitzen und Bier und Fanta trinken. Ein Stück jüdisch-muslimische Normalität vor den Toren eines ehemaligen deutschen Vernichtungslagers.

Dialog »Das Ganze hier ist ja auch gedacht als Zeichen, dass der Dialog klappen kann«, sagt Rattan. »Es ist eine Unterstellung, dass Muslime grundsätzlich ein Problem mit Juden haben.« Er gestikuliert viel, wird lauter. »Das zu behaupten, wäre ein Schlag ins Gesicht der muslimischen Teilnehmer.«

Dass erklärte Judenfeinde eine solche Reise nicht antreten würden, davon ist auszugehen, genauso wenig wie Islamophobe unter Juden. Die Flüchtlinge, die mitgereist sind, sind neugierig, respektvoll und eben auch bestrebt, in Deutschland anzukommen. Sie sprechen Deutsch, studieren oder engagieren sich ehrenamtlich. Doch trotz formuliertem Anspruch, die Vergangenheit kennenlernen zu wollen, sind die Interessen unterschiedlich.

Am ersten Tag, vor dem Besuch von Birkenau, wird das deutlich. Die Gruppe besichtigt Kazimierz, das alte jüdische Stadtviertel in Krakau, eine Busstunde von Auschwitz entfernt. Sieben Synagogen gibt es hier, vier werden noch genutzt. Die jungen Erwachsenen bestaunen die herausgeputzte Tempelsynagoge und hören einen Vortrag im Jüdischen Gemeindezentrum, spazieren vorbei an jüdischen Läden und Restaurants, die ostjüdische Gerichte anbieten, wenn auch nicht koscher.

Kennenlernen Weil die Reise ein gegenseitiges Kennenlernen zum Ziel hat, geht es anschließend zur Krakauer Islam­gemeinde. Deren einzige Moschee liegt im Norden der Stadt, im Keller eines Wohnhauses. Der extra aus Katowice angereiste Imam empfängt die Teilnehmer freundlich, aber einige Muslime in der Gruppe meinen, dass die Juden sich nicht für ihren Glauben interessieren würden, weil sie keine Fragen gestellt hätten.

Am Abend in der Unterkunft ist es Amro, der das etwas enttäuscht vorbringt. Später in kleinerer Runde fragt ein anderer aus der Gruppe laut, warum denn über etwas geredet werde, was so lange zurückliege, während der syrische Diktator Assad Fassbomben auf sein eigenes Volk werfen lasse. Noch scheinen viele Teilnehmer nicht zu wissen, welches Ziel die Reise verfolgt, es muss noch einiges geklärt werden.

Am nächsten Tag in Birkenau endet die Führung an der Krematoriumsruine hinter den Baracken. Die Deutschen hatten während ihres Rückzugs vor der Roten Armee versucht, Beweise für den Völkermord zu vernichten, und Gebäude gesprengt. Hier soll gebetet und innegehalten werden. Zwei Kerzen werden angezündet, und die muslimischen Teilnehmer beginnen, Al-Fatiha, die erste Sure des Korans, zu beten.

Respekt Nun stimmt die jüdische Gruppe das Totengebet, das Kaddisch, an. Ein Vorstandsmitglied der UpJ singt traurig schön, die ersten Tränen fließen. Es herrscht Einkehr, kein Abhaken eines Programmpunktes. Touristen nähern sich der Gruppe, machen Fotos, bleiben stehen.

Aber niemand dreht sich nach ihnen um, die Juden und Muslime aus Deutschland fühlen sich, als wären sie alleine hier, nur für sich. Fast eine halbe Stunde bleiben sie auf den Treppenstufen sitzen, einige gehen auf Distanz zum anderen, dort, wo es geboten ist, andere spenden Trost, wo er benötigt wird. Respektvoller können Menschen nicht miteinander umgehen. Die Gruppe hat zu sich gefunden.

Auch Amro ist berührt und schockiert wegen der Verbrechen, die an diesem Ort begangen wurden. Dass ihm selbst Leid zugefügt wurde, könnte ihn einfühlsamer gemacht haben, vermutet er. Vor seiner Flucht aus Syrien arbeitete er in der Türkei, um sich sein Studium in Damaskus zu finanzieren. Eines Tages, so erzählt er, sei er von der Geheimpolizei des Regimes aus der Uni geholt, in einen Keller geworfen und misshandelt worden.

Erst als er wieder entlassen war, begriff sein Vater, dass der Sohn das Land verlassen müsse, und er leitete seine Ausreise in die Wege. Amros Eltern sammelten Geld, sodass er nach acht Monaten von der Türkei aus weiter nach Griechenland, Serbien, Ungarn und schließlich nach Deutschland fliehen konnte. Er habe Leichen gesehen, an der Küste von Lesbos. »Grausam«, sagt er. Amros Augen sind feucht, er zittert, beherrscht sich aber, holt nur einmal tief Luft und erzählt ruhig weiter. So wie er damals die Kontrolle nie verloren hat, tut er es auch heute nicht. »Deutschland ist meine zweite Heimat geworden«, sagt er und lächelt.

»Was haben die Menschen, die aus Syrien geflüchtet sind, über Juden oder die Schoa gelernt?«, fragt die Generalsekretärin der Union progressiver Juden, Irith Michelsohn. Die 65-Jährige wirkt nach dem Besuch in Birkenau während einer kurzen Pause im Stadtzentrum von Oswiecim auf die Gruppe der jungen Juden und Muslime wie eine Art warmherzige und resolute Reisemutter.

»Die haben gelernt, dass wir Juden ins Meer gehören, dass der Staat Israel vernichtet gehört«, sagt Michelsohn. »Deswegen müssen wir jetzt auch Wissen darüber vermitteln, was Deutschland war, damit wir alle in Zukunft in einem friedlichen Deutschland zusammenleben können.«

sympathie Während der nächsten Auswertungsrunde am Abend machen alle einen gelösten Eindruck. Amro tuschelt mit seiner jüdischen Sitznachbarin, mit der er sich gut versteht. Michelsohn, die sich die Kritik vom Vortag zu Herzen genommen hat, ruft ihm durch den Raum zu: »Schön, dass es nun besser läuft. Aber ihr habt euch ja auch die ganze Nacht unterhalten, dann muss es gut sein.« Alle lachen, Amro will sich am liebsten in seinem Stuhl verkriechen.

Es bleibt offen, ob aus der Idee einer jüdisch-muslimischen Reisegruppe ein Projekt wird, das sich wiederholen lässt. Doch wenn die Teilnehmer auch nur einmal die Idee in ihre Gemeinden und Familien hineintragen, dass der Dialog zwischen Juden und Muslimen klappen kann, wie Dan Rattan sagt, dann ist Deutschland für alle ein bisschen besser geworden. Dass so etwas im Schatten von Auschwitz möglich ist, ist zumindest ein kleines Wunder.

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