Geschlecht

So, wie sie ist

Warum die Frau im traditionellen Judentum viele Rechte hat

Aktualisiert am 02.08.2018, 10:51 – von Rabbiner Raphael EversRabbiner Raphael Evers

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Schon meine Mutter sel. A. hat mich in meiner Jugend gelehrt, dass die Rolle der jüdischen Frau oft unterschätzt und missverstanden wurde. Doch auch heute noch wird die Posi-
tion der jüdischen Frau oft als minderwertig angesehen – als ob das Wichtigste in einer Gesellschaft die Bedeutung der Rolle wäre, in der ein Mensch in der Öffentlichkeit zur Geltung kommt.

Weil die jüdische Frau nicht verpflichtet ist, manche der »männlichen« Aufgaben im täglichen religiösen Leben zu erfüllen, wie Gebete zu bestimmten Zeiten, kann sie sich kontinuierlich um die Bedürfnisse der Menschen um sie herum kümmern. In Wirklichkeit ist sie es, die die menschlichste, liebevollste und konstruktivste Rolle im großen jüdischen Ganzen spielt. Daher erstaunt es mich immer wieder, wie stark die säkulare Kritik die Bedeutung dieser Rolle verkennt.

Identität
Von Anfang an waren die Rechte der jüdischen Frau sicher und geschützt. Ihre große Rolle als Dreh- und Angelpunkt des jüdischen Hauses, sowohl gegenüber ihrem Mann und ihren Kindern als auch als Bestimmerin und »Vollstreckerin« der jüdischen Identität, führt zu einer weniger direkten Verpflichtung zu Talmud-Tora, dem ständigen Studium der Tora.

Ja, es stimmt, die Frau ist im Judentum weniger an formelle Gebote gebunden als der Mann. Aber genau das ist ihre Stärke. Die jüdische Frau ist der Kitt des sozialen Zusammenhalts und dabei wichtiger als der Mann.

Das Judentum gibt kein eindeutiges Rollenmuster vor. Auch in den traditionellsten Kreisen kann es vorkommen, dass der Mann sich um die Kinder kümmert und die Frau einen bezahlten Job außerhalb des Hauses ausübt. Letztendlich ist es wichtig, dass Mann und Frau gemeinsam für die Fortführung des Judentums in all seinen Facetten verantwortlich sind, sowohl körperlich als auch geistig und spirituell.

Unsere Quellen beschreiben, dass die Frauen während des langen Martyriums unseres Volkes dem Tod mit ebenso viel Mut begegneten wie die Männer und manchmal sogar noch mehr, in ihrer Hingabe an G’tt, die Tora und die jüdische Lebensweise.

Ich denke, dass die jüdische Frau die schönste Aufgabe von allen hat: »Sche’at aliet al kulana – du erhebst dich über alles« (Sprüche 31), weil sie das Jüdischste mit dem Menschlichsten verbindet. Die Frau ist sowohl physisch als auch psychologisch von zentraler Bedeutung für das Judentum. Die Mikwe ist wichtiger als die Synagoge.

Tora
Zedaka und soziale Sensibilität, vor allem bei Frauen zu finden, sind unverzichtbar für das größere soziale Ganze und bilden das unverzichtbare Fundament einer jeden Gesellschaft. Wer weiß, wie sehr die jüdische Frau in der Tora respektiert wird und welchen Platz sie im jüdischen Leben einnimmt, der erkennt darin eine lange Tradition.

Prophetinnen Während der Zeit der Propheten werden im Tanach sieben Prophetinnen gegenüber 55 männlichen Propheten erwähnt: Sara, Miriam, Devora, Channa, Avigail, Chulda und Esther (Babylonischer Talmud Megilla 14a). Sara war Awraham sogar in vielerlei Hinsicht überlegen, denn G’tt sagte zu Awraham: »Alles, was Sara dir sagen wird, musst du hören.«

Die Weisen des Talmud betonten regelmäßig die moralische und spirituelle Stärke der jüdischen Frauen. Sie erinnern uns daran, dass es das Verdienst der Naschim tsadkaniot (rechtschaffenen Jüdinnen) war, dass die Kinder Israels aus der ägyptischen Sklaverei befreit wurden (Sota 11b). Als die Tora gegeben wurde, wurden die Frauen zuerst angesprochen. Die Frauen waren nicht an der Errichtung des Goldenen Kalbs beteiligt. Aber beim Bau des Mischkan waren die Frauen die großzügigsten, und sie spielten eine führende Rolle in den Wundern von Purim und Chanukka.

Früher gab es keine Frage: Wessen Rolle ist mehr wert? Ursprünglich bildeten Mann und Frau ein untrennbares Ganzes. Die erste Person, geschaffen von G’tt (1. Buch Mose 1,27), war eine doppelte Persönlichkeit. Nach der jüdischen Tradition schuf G’tt den ersten Mann und die erste Frau in einem Körper, in einem einzigen Organismus. Erst später wurden sie getrennt.

Rippe Das Wort »Zela«, das oft mit »Rippe« übersetzt wird, kann auch »Seide« bedeuten. Adam wurde in ein Koma versetzt – es war die erste Operation unter Narkose –, und seine Frau wurde von ihm geschieden. Als die erste Frau erschaffen wurde, war es das erste Mal in der Geschichte, dass ein Mensch aus einem anderen Menschen erschaffen wurde. Daraus schließe ich, dass Frauen das menschlichste Wesen der Welt sind.

»Seid fruchtbar und mehret euch, füllt die Erde und macht sie euch untertan« (1. Buch Mose 1,28): Diese erste Mizwa aus der Tora hat viele Fragen aufgeworfen. Warum ist Fortpflanzung die erste Mizwa in der Tora? Rabbenu Bachja ibn Ascher (14. Jahrhundert, Spanien) beantwortet die Frage folgendermaßen: Der Mensch ist das einzige Wesen, das das g’ttliche Bild in sich trägt. Er ist das einzige Geschöpf, das seinen Schöpfer kennen und erkennen kann. Natürlich sollten so viele Menschen wie möglich auf die Welt kommen, denn nur so kann sich das g’ttliche Potenzial auf Erden manifestieren.

Targum Wir lesen in der Tora, dass »G’tt den Menschen aus dem Staub der Erde geformt und ihm den Atem des Lebens in die Nase geblasen hat; so wurde der Mensch ein Lebewesen«. Der Targum übersetzt »Lebewesen« als »ruach memalela« – ein Geist, der spricht. Wenn wir niemanden haben, mit dem wir kommunizieren können, ist das tragisch.

Die Angst vor dem Ende ist das Motiv hinter G’ttes Aussage, dass es für den Menschen nicht gut ist, allein zu sein. Wenn wir diese Erde verlassen, tun wir das auf eigene Faust. Deshalb sagt uns die Tora, dass wir eine Familie gründen müssen, um diese Einsamkeit am Ende des Lebens zu überwinden.

Partnerschaft Der Partner, der auch als »Eser Kenegdo« bezeichnet wird, erfüllt zwei Bedürfnisse: als sozialer Resonanzboden und als Schlüssel zur Ewigkeit. »Eser Kenegdo« bedeutet wörtlich übersetzt »Hilfe gegen ihn«. Denn die Art und Weise, wie wir einander am besten helfen können, ist, indem wir uns etwas einschränken, um dem anderen Raum zu schaffen, seine eigenen Gefühle zu entwickeln und zu lernen, selbstständig zu denken. Ein Lebenspartner muss Nein sagen können und dagegenhalten – das bedeutet »Kenegdo«. Denn wenn man mit einem Ja-Sager verheiratet ist, wird man nicht mit einer anderen Person konfrontiert.

Außerdem besteht immer die Gefahr, dass die Lippen »Ja« sagen, aber das Herz »Nein«, bis es einen Moment gibt, in dem so viele Neins aus dem Herzen kommen, dass es zu einem Bruch führt. Der Sinn einer guten Beziehung ist es, den eigenen Ton zu finden, eine einzigartige Synthese zweier Individuen. Jedes Paar will leben, aber nicht unbedingt das gleiche Leben. Man kann korrigieren, loben, trösten, aufheitern, helfen oder sich helfen lassen. Nur dann ist man nicht allein.

G’tt ließ alle Tiere – nachdem sie Adams Einsamkeit beobachtet hatten – in einer Reihe an Adam vorüberziehen. Adam konnte in diesen Kreaturen keinen Partner finden, weil er in ihnen keine »Hilfe gegen ihn« finden konnte. G’tt bat Adam, alle Tiere zu benennen. Wenn wir etwas benennen, definieren wir es. Und wenn wir etwas definieren, haben wir die Kontrolle darüber. Aber ein Verhältnis von Kontrolle ist einseitig. Es ist nur Nehmen und nicht Geben.

Tatsächlich muss der Mensch die physische, tierische Welt beherrschen. Darum heißt es wie bereits zitiert: »Füllt die Erde und macht sie euch untertan.« Der Mann ist jedoch nicht berufen, seine Frau zu dominieren. Wenn er das tut, verleugnet er sich selbst bei der Entdeckung dieser besonderen »Eser Kenegdo«-Beziehung. Er beraubt sich der Möglichkeit, seine soziale Isolation zu durchbrechen.

Kinder Durch die Familie kann der Mensch weiterleben und seine Zukunft gestalten. Die Geburt von Kindern ist das wunderbare Versprechen, das über die Lebenserwartung der Partner hinausreicht. Kinder sind das Tor zur Ewigkeit. Nur der Mensch kann die g’ttliche Botschaft weitergeben. Investitionen in Gebäude, Computerprogramme und die Wirtschaft sind sicherlich wichtig, aber der Mensch bleibt der Höhepunkt der Schöpfung, und er muss mit seiner Umwelt im Gespräch bleiben, um sein Potenzial zu entwickeln.

In den Zehn Geboten wird Respekt vor Vater und Mutter gefordert. Im 2. Buch Mose 20,11 ist der Vater der erste, der erwähnt wird, aber im 3. Buch Mose ist die Mutter die erste, die die Gleichbehandlung der Kinder fördert.

Obwohl Pflichten und Rechte von Männern und Frauen unterschiedlich sind, bedeutet dies nicht, dass Frauen im Judentum weniger wichtig sind. Viele Frauenrechtlerinnen waren jüdischer Herkunft. Denn im Judentum haben Frauen viele Rechte.

Jeden Morgen sagen jüdische Männer: »Gelobt sei G’tt, der mich nicht als Frau gemacht hat.« Wenn ein Jude diese Bracha spricht, fühlt er sich einer Frau nicht überlegen. Der Hintergrund ist ein ganz anderer: Im Laufe der Zeit war es fast immer der Fall, dass der Mann den Beruf des Ernährers ausübte und die Frau sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte. Dies ist eine sehr komplizierte Aufgabe, die viel Geschick, Geduld, Verständnis und andere Qualitäten erfordert. Es ist fraglich, ob eine Führungsposition, die ein Mann haben könnte, mehr Kompetenz erfordert und anspruchsvoller wäre als die häusliche Verantwortung von Frau und Mutter.

Mizwot Zu diesem Zweck befreite die g’ttliche Tora die jüdische Frau von der Verpflichtung, bestimmte Mizwot zu erfüllen. Wie ihr Mann ist sie verpflichtet, alle Verbote der Tora einzuhalten (und diese bilden im Vergleich zu den 248 Geboten eine Mehrheit – denn insgesamt gibt es 613 Mizwot, also mehr Verbote als Gebote).

Die jüdische Frau ist jedoch von der Erfüllung einiger der Gebote befreit. Es besteht keine Verpflichtung zur Einhaltung der zeitlich festgelegten Gebote. Dies geschieht unter Berücksichtigung ihrer wichtigen ehelichen und mütterlichen Aufgaben, denen die Tora Vorrang einräumt. Insofern ist die jüdische Frau also eher begünstigt als benachteiligt.

Der Mann dankt G’tt für die Menge der Gebote, die er erfüllen muss, um seinen Lebenszweck zu erreichen. Der Mann braucht also mehr Einschränkungen als die Frau und dankt G’tt, dass er ihm den Weg gezeigt hat, mit den vielen Versuchungen umzugehen. Aber mehr Quantität bedeutet nicht mehr Qualität. Die Frau ist gut, so wie sie ist, und sie dankt G’tt, dass sie so ist, wie sie ist.

Der Autor ist Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dajan beim Europäischen Beit Din und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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