Claude Lanzmann

Spuren in die Ewigkeit

Das Schweigen brechen, den Zeitzeugen ein Denkmal setzen: Zum Tod des Regisseurs und Schriftstellers

12.07.2018 – von Maria OssowskiMaria Ossowski

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Berlin 2013. Ein vitaler alter Mann sitzt mit offensichtlich verletzter, da verbundener Hand und unduldsamer Miene auf dem Podium einer Pressekonferenz vor dem Kino Arsenal am Potsdamer Platz. Claude Lanzmann wirkt, seinen damals 87 Jahren zum Trotz, noch immer körperlich kräftig, intellektuell streitlustig und vor allem erstaunlich (hier passt der altmodische Begriff) widerspenstig.

Anlass seines Berlinbesuchs war die Präsentation seines Films Der Letzte der Ungerechten über den Vorsitzenden des Judenrates von Theresienstadt, Benjamin Murmelstein. Claude Lanzmanns Porträt, zusammengestellt aus ungenutztem Material seines zentralen Werkes Shoah (1985), polarisiert. Durfte Murmelstein mit den Deutschen gemeinsame Sache machen, um die Opfer zu schützen? Hat er diese damit verraten? Hätte er sich umbringen sollen? War der Handel mit den Deutschen um Menschenleben, um jüdische Frauen, Kinder, um junge Familien und Greise moralisch vertretbar?

Ruppig Es sind existenzielle Fragen, die Lanzmann in seinem Film klar beantwortet: Murmelstein war ein Opfer, so wie Millionen anderer Juden, und deshalb hat der Filmemacher damals in Berlin keine spitzfindigen journalistischen Fragen mehr hören wollen. Ruppig und kompromisslos verweigert er Antworten, missversteht absichtlich, er möchte nicht mehr erklären, nicht mehr analysieren. Lanzmann buhlt nicht um Sympathie. Die hat er nicht mehr nötig, denn er weiß – selbstbewusst – um die zentrale Bedeutung seines Werkes.

Shoah, zwischen 1973 und 1985 mit 350 Stunden Filmmaterial gedreht, ist ein Kunstwerk epochalen Ausmaßes, eine Dokumentation, die die Spuren der Spurenlosigkeit zeigt. »Die Nazis wollten nicht nur die Juden vernichten, sie wollten auch noch die Vernichtung selbst vernichten, das heißt die Spuren des Verbrechens, und zwar just in dem Augenblick, als sie es vollendeten. Das ist der irrsinnigste Versuch, Geschichte auszulöschen.«

Gegen diese Auslöschung hat Lanzmann sein Werk Shoah gesetzt. Eine neunstündige Welt des Grauens, die ohne jedes Archivmaterial, ohne hinlänglich bekannte Fotos, vor allem aber ohne jedes Reenactment auskommt, also die Nachstellung historischer Situationen, deren Imitation sich verbietet – die Gaskammern hat niemand verlassen, um Zeugnis abzulegen.
In mehr als ein Dutzend Länder ist Claude Lanzmann gereist, um mit einigen Tätern, einer großen Anzahl von Augenzeugen und vielen Opfern zu sprechen. Ihre Gesichter brennen sich ein ins Gedächtnis jedes Zuschauers und bleiben dort als Mahnmal.

Geheimnis Was war Lanzmanns Geheimnis? Vor allem die Zeit, die er den Erzählenden gab. Mordechaï Podchlebnik hat als einziges Mitglied eines »Sonderkommandos« Chelmno überlebt. Er musste Leichen schichten und verbrennen. Auf Jiddisch berichtet er zunächst unsicher lächelnd von entsetzlichen Grausamkeiten beim Transport und auf dem Weg ins Gas.

Warum er immer lächelt, will Lanzmann wissen. »Wenn man lebt, dann ist Lächeln besser als weinen.« Lanzmann wartet. Podchlebnik erzählt, zum ersten Mal in seinem Leben, von seiner Zeit im Vernichtungslager. Lanzmann lässt ihm, wie jeder guter Psychologe, Raum für Erinnerungen. Bis Podchlebnik vom Mord an Frau und Kindern berichtet und sein Lächeln in Tränen untergeht.

Lanzmann lässt die Kamera auf den gegerbten Gesichtern der polnischen Bauern bei Treblinka ruhen, die unumwunden zugeben, vieles gesehen und alles gewusst zu haben. »Die Schreie, naja, daran gewöhnt man sich bei der Feldarbeit.« Der Lokomotivführer, der die überfüllten Viehwaggons auf den sechs Kilometern Nebenstrecke ins Lager gebracht hatte und die leeren zurück, er war froh um jede Extraration Wodka, mit der die Deutschen ihn belohnten. »Natürlich habe ich die Schreie aus den Waggons gehört, die Juden schrien ja direkt hinter mir.«

trauer Unvergessen bleibt auch das in Trauer fast erstarrte Gesicht von Itzhak Dugin. Er musste die Toten von Ponary bei Wilna ausgraben und verbrennen, als die Front sich näherte. Nur durfte er sie nicht Tote oder Opfer nennen, dann haben die Deutschen ihn geschlagen. Nur »Schmattes«, also Lumpen oder Fetzen, und »Figuren«, das waren die erlaubten Wörter, auch, als er seine in der Kälte kaum verweste Frau und seine Kinder ausgrub.

Oft zeigt die Kamera Lanzmann selbst, meist mit Zigarette: einen attraktiven, neugierigen, aktiv zuhörenden, immer wieder nachfragenden Mann, begleitet von jungen Übersetzerinnen. Es war aber nicht Eitelkeit, die er sonst sicher im Übermaß besaß, sondern die Authentizität der Situation, des Nachfragens, der langen Pausen, die ihn zum unverzichtbaren Begleiter auf der Leinwand machten.

Die Idylle der Orte 30 Jahre nach dem millionenfachen Mord verstärkt das Entsetzen. Das unbegradigte Flüsschen bei Chelmno, auf dem ein Kahn schaukelt. Der dichte Wald bei Wilna, die Lichtungen der Erschießungsplätze, die Sonne, die über den Gleisen der Todeszüge durch die Blätter bricht.

Hebräisch »Shoah«, jener Begriff, der erst mit Lanzmanns Werk zum Synonym für den Holocaust wurde, ist nicht nur ein Meisterwerk, es ist das einzige filmische Werk, das dieses einzigartige Verbrechen wahrhaftig schildert. Rabbiner hatten ihm das biblische Wort für eine Katastrophe, die noch nie eingetreten ist, genannt.

»Wenn es möglich gewesen wäre, dem Film keinen Namen zu geben, hätte ich ihm keinen Namen gegeben. Ich entschied mich für Shoah, weil ich Hebräisch weder spreche noch verstehe und folglich auch nicht wusste, was dieses Wort bedeutet. Der Name war kurz und jedenfalls für mich undurchsichtig wie ein undurchdringlicher, nicht zu zerbrechender Kern.«

Und der Mensch Lanzmann? Viele Nachrufe erwähnen den brillanten Intellektuellen, dessen jüdische Familie von der Verfolgung weitgehend verschont blieb, den jungen Kommunisten und Partisanen, den kraftvollen Schwimmer und Skiläufer, den späteren Freund von Jean-Paul Sartre, den Geliebten von Simone de Beauvoir, den engagierten Unterstützer Israels, den Ehemann der bildschönen, klugen und leider weitgehend vergessenen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff und den Autor der hinreißenden Autobiografie Der patagonische Hase.

Seine Neugierde, so hat er es selbst formuliert, hätte für Hundert Leben gereicht. Jetzt ist Claude Lanzmann mit 92 Jahren in Paris gestorben. Sein Werk Shoah wird ihn um viele Hundert Jahre überleben.

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