Theologie

Warten auf die Gesalbte?

Der Maschiach könnte theoretisch auch eine Frau sein – doch vor allem ist er ein Mensch

12.07.2018 – von Rabbinerin Antje Yael DeuselRabbinerin Antje Yael Deusel

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Als man vor einigen Jahren eine Umfrage machte, weshalb wohl der Maschiach noch nicht gekommen sei, meinte ein Witzbold frech: »Weil der Scheitel noch nicht fertig ist, den sie (!) sich zu dieser Gelegenheit anfertigen lässt!«

Diese Antwort dürfte für einige Verwirrung gesorgt haben. Beten denn praktizierende Juden nicht täglich »Ani ma’amin be-emuna schlema biviat ha-maschiach« (»Ich glaube mit voller Überzeugung an das Kommen des Maschiach«)? Der Maschiach, ein Mann – so sagt es uns schon die grammatikalische Form, nicht nur an dieser Stelle im Siddur, sondern auch überall, wo von ihm die Rede ist.

Grammatik Einmal ganz davon abgesehen, dass die hebräische Grammatik nur entweder männlich oder weiblich vorsieht, man sich also vorab für ein Geschlecht entscheiden muss, werden dem Maschiach meist Eigenschaften zugeschrieben, die eher zu einem Mann passen dürften, zumindest in der allgemeinen Vorstellung. Eine Frau als Maschiach – undenkbar!
Das wirft die Frage auf, wer der Maschiach denn eigentlich ist. Das Wort bedeutet »der Gesalbte« und bezieht sich im Tanach, der Hebräischen Bibel, zunächst einmal auf einen regulären König im Lande Israel.

Die Bedeutung im Sinn eines Befreiers, eines Erlösers für Israel bekam das Wort erst später, in einer Zeit, als das Land nicht mehr seine volle Souveränität besaß, insbesondere in der Zeit des Zweiten Tempels, unter Königen, die nicht mehr der Davidischen Dynastie entstammten und die unter fremder Oberherrschaft regierten. Es gab übrigens gelegentlich auch Frauen auf Israels Thron.

Stellte man sich den Maschiach zunächst als einen Retter und Befreier vor, der wie einst König David sein Volk leiten würde, so dachte man dabei sicherlich an eine Art Heerführer. Schon früher, in der Richterzeit, hatte der Ewige Seinem Volk immer wieder solche Retter in der Not geschickt.

richterin Unter ihnen war auch eine Frau, nämlich Debora, Richterin, Prophetin, Mutter in Israel; obendrein wurde der feindliche Heerführer zu ihrer Zeit von einer kämpferischen Frau besiegt. Secharja, der die Ankunft des Maschiach auf einem Esel reitend ankündigt, hat dagegen statt eines Kriegsherrn eher einen Friedensfürsten vor Augen, durchaus vereinbar mit weiblichen Eigenschaften.

Die Essener besetzten die Person des Maschiach gar doppelt, mit einem königlichen und einem priesterlichen Erretter. Immerhin erwartete man eine ganze Menge von diesem Maschiach; er sollte Krieger, Richter, König, Prophet und Toralehrer zugleich sein, ziemlich viel für eine einzelne Person. Zudem sollte er dem Volk Trost bringen; Trost, wie den einer – Mutter?

Jede Periode brachte dem jüdischen Volk neue Anfechtungen und mit ihnen jeweils eine eigene Vorstellung vom Erlöser, stets abhängig von den allgemeinen Vorstellungen der jeweiligen Epoche und daher auch geprägt vom generellen Rollenverständnis von Mann und Frau in jenen Tagen.

berechnungen Hatte man zudem in der Epoche um die Zeitenwende noch gedacht, der Maschiach könne bestimmt nicht mehr fern sein, so verstrich doch ein Datum nach dem anderen, auf das man seine Ankunft berechnet hatte.

Schließlich spricht der Talmud davon, dass der Erlöser überraschend kommen werde, und dass alle verflucht sein sollen, die seine Ankunft errechnen wollen. »Denn sie sagen: Die (von ihnen berechnete) Zeit ist gekommen, aber der Maschiach ist nicht gekommen – also wird er überhaupt nicht kommen« (Sanhedrin 97b). Ebenso überraschend wird dann wohl auch die Person des Heilsbringers sein.

Sah man im Maschiach zunächst einen politischen Hoffnungsträger im Hier und Jetzt, so wandelte sich die Vorstellung im Lauf der Jahrhunderte jedoch hin zu einer spirituellen Ebene. Der irdische König wurde zum überirdischen Endzeitkönig, vermutlich männlich.

Wie genau er aussehen würde, wer er sein werde, darin war man sich nicht einig, wohl aber darin, dass er seine Authentizität durch seine Taten erweisen müsse, nicht durch die bloße Behauptung, der Maschiach zu sein (wie es zahlreiche Anwärter im Lauf der Zeiten taten, zum Beispiel Schabtai Zwi im 17. Jahrhundert). Gab es eigentlich jemals auch Anwärterinnen?

»Geburtswehen« Selbst wenn: Man hätte sie vermutlich kaum ernst genommen. Allerdings finden sich immer wieder im Zusammenhang mit dem Maschiach auch weibliche Bilder, wie zum Beispiel die Vorstellung von den »Geburtswehen«, durch die Israel den Gesalbten hervorbringe (Chevlei Maschiach).

Wer oder was ist also nun der Maschiach? Eines war bei all den wechselnden Vorstellungen von ihm immer klar: Er ist ein Mensch, ein Enosch, ein ben Adam, niemals ist er g’ttlich. Der Mensch aber wurde vom Ewigen folgendermaßen geschaffen: »In Seinem Bilde erschuf Er ihn, als Mann und Frau schuf Er sie«, so lesen wir im 1. Buch Mose 1,27.

Als Mann und Frau – wenn der Maschiach also ein Mensch ist, könnte es nicht vielleicht doch eine Meschicha sein? Der Erlöser eine Frau – tatsächlich undenkbar? Und: Wäre es denn am Ende wirklich von Bedeutung? Ist doch der Ewige der eigentliche König und der eigentliche Erlöser, auf dessen Veranlassung letztlich das messianische Zeitalter anbrechen wird!

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz

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