Schabbat

Bescheiden bleiben!

Der von Gott beschenkte Mensch sollte sich davor hüten, überheblich zu werden

Aktualisiert am 13.07.2018, 12:20 – von Rabbiner Salomon Almekias-SieglRabbiner Salomon Almekias-Siegl

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Die Kinder Israels sind unterwegs in das verheißene Land. Noch bevor sie es betreten, wenden sich zwei Stämme mit einer besonderen Bitte an Mosche. »Die Kinder Ruben und die Kinder Gad hatten sehr viel Vieh und sahen das Land Jaser und Gilead als gute Stätte für ihr Vieh an und kamen und sprachen zu Mosche: ›Haben wir Gnade vor dir gefunden, so gib dies Land deinen Knechten zu eigen, so wollen wir nicht über den Jordan ziehen‹« (4. Buch Mose 32).

Sie bitten Mosche, außerhalb des verheißenen Landes siedeln zu dürfen. Dort bieten sich ihnen saftige Weidegründe für ihr Vieh. Gott hatte sie zu Wohlstand und Reichtum kommen lassen. Daraus leiten sie ihren Anspruch ab, sich außerhalb der Landesgrenzen niederzulassen, um ihren Lebensstandard zu halten. Mosche kommt der Bitte entgegen – jedoch unter der Bedingung, dass die beiden Stämme am Krieg teilnehmen, um das verheißene Land einzunehmen.

Midrasch Der Midrasch Jalkut Schimoni zum Abschnitt Matot fällt ein hartes Urteil über die Stämme Gad und Ruben. Sie räumen ihrem wirtschaftlichen Vorteil oberste Priorität ein. Sie nehmen bewusst das Risiko in Kauf, langfristig die Solidarität mit ihren Brüdern zu gefährden, indem sie es vorziehen, sich außerhalb der Grenzen Israels anzusiedeln.

Nach Ansicht des Midraschs führt dieses Verhalten dazu, dass diese Stämme bereits neuneinhalb Jahre vor ihren Brüdern vom assyrischen König ins Exil geschickt werden, wie im ersten Buch der Chronik 5,26 zu lesen ist: »Da erweckte der Gott Israels den Geist Phuls, des Königs von Assyrien, und den Geist Thilgath-Pilnesers, des Königs von Assyrien. Der führte weg die Rubeniter, Gaditer und den halben Stamm Manasse und brachte sie gen Hala und an den Habor und gen Hara und an das Wasser Gosan bis auf diesen Tag.« In der Tat, derjenige, der das Land wenig schätzt, wird als erster exiliert.

Interessant ist, dass die Tora an einigen Stellen zuerst die Kinder Gads nennt. Warum hält sie sich nicht an die Altersfolge? Ruben war Jakows Erstgeborener. Eine mögliche Antwort wäre: Der Stamm Gad tritt deshalb so in den Vordergrund, weil sein Reichtum und Wohlstand den seines Bruders übertrifft.

Dementsprechend hat er ein größeres Interesse, das gemeinsame Anliegen an Mosche heranzutragen, und tritt als Wortführer auf.
Der Kommentator Kli Jakar gibt jedoch eine andere, tiefere Begründung: Dadurch, dass der Stamm Gad zu großem Besitz und Vermögen gekommen ist, sei er überheblich geworden und habe Ruben die Ehre des Erstgeborenen streitig gemacht. Dieses Verhalten entspricht ganz der Natur des Reichtums.

Stolz Der Midrasch betrachtet diesen Fall eindeutig negativ. Er kritisiert, dass die Kinder Gad aufgrund ihres erlangten Reichtums stolz geworden sind. Wir werden in diesem Zusammenhang auf Psalm 75,7 aufmerksam gemacht. Dort heißt es: »Denn nicht von Osten noch von Westen und nicht von Süden her kommt Erhöhung.«

Dieser Vers wendet sich an Menschen, die von morgens bis abends, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang, mit der Mehrung ihres Reichtums beschäftigt sind. Weiter heißt es: »... nicht von der Wüste und nicht von den Bergen«. Wohin sich der tüchtige und schaffende Mensch auch wenden, zu welchen Höhen er sich auch aufschwingen mag, um Geschäfte zu machen, das alles garantiert ihm nicht unbedingt Erfolg.

Denn entscheidend bei aller menschli­chen Aktivität und Leistungsbereitschaft ist die Einsicht und Weisheit, die im nächsten Vers angesprochen wird: »Gott ist Richter, der diesen erniedrigt und jenen erhöht.« Gott gilt als der Geber aller Gaben. Er entscheidet über den Wohlstand und Reichtum eines Menschen.

Der Midrasch gibt die Auslegung Rabbi Abbas wieder. In den in Vers 7 zitierten »Bergen« erkennt er die Überheblichkeit des Menschen, die sich leicht einstellt, wenn jemand alles auf das eigene Können setzt und darüber vergisst, dass Gott der Richter ist. Er erniedrigt, und Er erhebt. Es steht in Seiner Hand, Vermögen von dem einen zu nehmen und es einem anderen zu geben.

Der Midrasch setzt sich zudem mit der Bedeutung der Wörter »Geld« und »Vermögen« auseinander. Das Wort »Nechassim« heißt auf Deutsch eigentlich »Vermögen«. Doch in unserem Zusammenhang leitet es sich von dem Substantiv »Kissuj« ab, das mit »Deckung« übersetzt werden kann oder mit »Vermögen, das von einer Hand zur anderen wandert«.

Nehmen wir den Begriff »Zuzim« – »Geld« –, dann ist auch hier an sein Wandern von einer Hand zur anderen gedacht. Ebenfalls stellt das Wort »Mamon« das Vertrauen des Menschen auf seinen Reichtum in Frage. »Mah-mon?« fragt den Menschen: »Was zählst du?« Was bildest du dir ein, wenn du auf deinen Reichtum blickst? Der Reiche hüte sich vor Überheblichkeit gegenüber seinen Mitmenschen.

schicksal Im Talmud (Nida 16) steht geschrieben: Bevor der Mensch auf die Welt kommt, fragt der für ihn verantwortliche Engel, ob er bereit sei, geboren zu werden, und teilt ihm sein irdisches Schicksal mit, so wie Gott es über ihn beschlossen hat.
Und was wir aus Gottes Hand empfangen, das darf uns keineswegs zur Überheblichkeit verführen.

Es gilt vielmehr die Mahnung des Propheten Jeremia: »Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und Mich kenne, dass Ich der Allmächtige bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt Mir, spricht der Ewige« (9,23).

Weisheit, Reichtum und Stärke sind Gottes Geschenke. Es gibt also keinen Grund, dass sich einer über den anderen erhebt. Alles spricht dafür, dass der von Gott begabte und beschenkte Mensch bescheiden bleiben soll. Und wenn er dann noch in Gottesfurcht lebte, wäre das sehr zu begrüßen.

Der Kli Jakar stellt heraus, dass der ansehnliche Reichtum der Kinder Gads sie zur Überheblichkeit verleitete. Der Midrasch ermahnt uns dazu, nicht in gleicher Weise unser Leben zu führen. Wir müssen die Realität im Auge behalten. Wir brauchen nur an unser Alter, an den Tod zu denken. Er gleicht einer öden Wüste, in der wir alles Erreichte verlieren werden. Diese realistische Zukunftsperspektive wird den Menschen davor bewahren, seine Nase allzu hoch zu tragen.

Der Autor ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) und war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

INHALT
Der Wochenabschnitt Matot erzählt von Mosches letztem militärischen Unternehmen, dem Feldzug gegen die Midjaniter. Die Israeliten teilen die Beute auf und besiedeln das Land.
4. Buch Mose 30,2 – 32,42

»Reisen« ist die deutsche Übersetzung des Wochenabschnitts Mass’ej. Und so beginnt er auch mit einer Liste aller Stationen der Reise durch die Wildnis von Ägypten bis zum Jordan. Mosche sagt den Israeliten, sie müssten die Bewohner des Landes vertreiben und ihre Götzenbilder zerstören.
4. Buch Mose 33,1 – 36,13

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