Rosch Chodesch

Vorbild am Himmel

Der Neumond ist die ständige Erinnerung daran, dass auch der Mensch sich verändern kann

05.07.2018 – von Rabbiner David GeballeRabbiner David Geballe

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Das erste Gebot, das den Israeliten noch in Ägypten gegeben wurde, war das Gebot des Rosch Chodesch, der Segnung des neuen Monats (2. Buch Mose 12,2). Es sollte uns also nicht überraschen, dass dieses Ereignis in unserem Wochenabschnitt, in dem die Opfer aller Feiertage genau aufgezählt werden, große Bedeutung erhält.

Der Neumond steht hier nicht nur am Anfang der Liste, sondern die Opfer an Rosch Chodesch dienen als Muster für alle Feiertage des jüdischen Jahres. Natürlich ändern sich ein paar der Zahlen hier und da, aber trotzdem basiert alles auf dem Grundmuster der Neumondsopfer.

Monat Die Besonderheit eines jeden neuen Monats im Judentum, den Grund, warum das Prinzip des Rosch Chodesch alle Feiertage verbindet, können wir schon im Wort selbst sehen und spüren. In den meisten Sprachen ist das Wort »Monat« abgeleitet von »Mond«, da die zwölf Monate im Wesentlichen zwölf Umdrehungen des Mondes um die Erde markieren. Das hebräische Wort für Monat, »Chodesch«, hat jedoch rein gar nichts mit dem Mond oder seinen Bahnen zu tun, sondern es kommt von dem Wort »chadasch« – »neu«.

In der Antike waren die Philosophen überzeugt, dass die Welt und alles in ihr im Großen und Ganzen beständig ist. Die Welt, meinte man, sei unglaublich alt, ihre Gesetze konstant und unveränderlich. Ähnlich sah man auch die menschliche Existenz. Man glaubte nicht, dass ein Mensch wesentliche Aspekte seines Lebens ändern kann. Herren waren Herren, und Sklaven waren Sklaven.

Die Tora lehnt diese Idee ab. Die Welt hat einen Anfang durch eine von G’tt ge­wollte Schöpfung. Der Ewige schuf etwas komplett Neues, das vorher nicht da gewesen war. In diesem Schritt G’ttes ist für den Menschen die Möglichkeit der Veränderung verankert, des Neubeginns, sowie die Möglichkeit, es das nächste Mal besser zu machen. Der Mensch, Höhepunkt der Schöpfung, ist nicht in einer unnachgiebigen und unversöhnlichen Ordnung gefangen. Der Verlauf des Lebens ist nicht in Stein gemeißelt.

Der Mensch profitiert von all den Segnungen, die G’tt der Welt mitgegeben hat. Am wichtigsten ist jedoch, dass der Mensch mit der Fähigkeit gesegnet ist, der g’ttlichen Schöpferkraft nachzueifern. Er ist nicht dazu verflucht, in einer vorgegebenen Position festzusitzen. Er kann sich von all dem befreien, was wir »Böses« nennen, all den niederen Kräften, die ihn klein und unerfahren sein lassen. Er kann danach streben, sich nach oben zu erheben, in Richtung einer Existenz, die von Idealen und Moralvorstellungen geprägt, die im Geist G’ttes angesiedelt ist.

Diese Möglichkeit wird ihm nicht nur einmal gegeben, sondern so wie der Neumond kein einmaliges Ereignis ist, so hat auch der Mensch andauernd die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen. Und wenn er einen Augenblick verpasst, ist der nächste nicht weit. Rosch Chodesch als religiöser Feiertag ist die ständige Erinnerung daran.

Streben Aber nicht nur diese Tatsache allein soll uns der Neumond lehren. Die genaue Auflistung des Opfers erinnert uns jeden Monat an die Form, die unser Streben nach Höherem annehmen soll: »An den Anfängen eurer Monate bringt G’tt ein Ganzopfer: zwei junge Stiere und einen Widder, sieben einjährige Schafe ohne Fehler« (4. Buch Mose 28,11). Wir lesen hier von drei verschiedenen Tierarten und drei dazugehörigen Zahlen: Stier, Widder und Schafe – eins, zwei und sieben.

Die Zahlen 1 und 2 sprechen von einer wichtigen Dualität im jüdischen Leben. Eins drückt die Individualität aus, die Rolle des Einzelnen. Zwei entspricht dem Plural, der Gesellschaft. Der junge Bulle ist ein Arbeitstier auf dem Höhepunkt seiner Stärke. Der Widder ist ein Leittier.

All dies zusammengenommen, finden wir darin den Grundsatz der jüdischen Gemeinschaft, der hier von den beiden jungen Bullen repräsentiert wird. Der Kern einer jüdischen Gemeinschaft ist der Dienst an der Allgemeinheit. Die Stärke des jüdischen Volkes kommt von der Bereitschaft der einzelnen Juden, mit Energie und Entschlossenheit etwas fürs Ganze zu tun, um G’ttes Interessen und Zielen zu dienen.

John F. Kennedys berühmte Antrittsrede begann mit dem bekannten Satz: »Frag nicht, was dein Land für dich tun kann – frag lieber, was du für dein Land tun kannst!« Es verwundert nicht, dass der Verfasser dieser Rede, Ted Sorensen, jüdisch war.

Wenn das jüdische Volk diese Erwartung erfüllt, wird es zum Widder, zu dem alle anderen aufschauen und seinem Beispiel folgen. In der Erfüllung dieser Aufgabe wird das jüdische Volk zum spirituellen Anführer der Menschheit. Unsere Aufgabe ist es, den anderen Völkern zu vermitteln, G’ttes Präsenz in allem zu erkennen und pflichtgemäß den Anweisungen des Schöpfers zu folgen.

Anker Die anderen Völker entsprechen dann den sieben Schafen. Sie vertrauen auf ei­nen Anführer, der ihnen Orientierung gibt. Die Sieben symbolisiert den Anker- und Bezugspunkt für alles Greifbare.

So finden wir als klassisches Beispiel, dass G’tt die Welt an sechs Tagen erschaffen hat, den siebten Tag aber zum Höhepunkt der gesamten Schöpfung ausrief. Die Sieben bedeutet immer die Perfektion der materiellen Welt.

Dieses Credo für Israel – und mit der Zeit für die gesamte Menschheit – wurde uns bereits bei der Wandlung zur Nation gegeben. Die später in den Opfern im Stiftszelt und im Tempel konkretisierte Lehre war schon am Anfang Teil des Neumonds. Es war diese wichtige Lehre, die überhaupt den Auszug aus Ägypten möglich machte. Nicht mehr Sklaven zu sein, sondern freie Menschen, die G’tt dienen – das war der Auftrag, und er wurde zum neuen Selbstverständnis.

An jedem jüdischen Feiertag baut die Tora auf diesem Credo auf. Mit Blick auf die Freiheit, die Übergabe der Tora oder den wundersamen Schutz während der Jahre in der Wildnis ist das Vorbild des Neumonds stets Leitgedanke.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).


inhalt
Der Wochenabschnitt Pinchas berichtet von dem gleichnamigen Priester, der durch seinen Einsatz den Zorn G’ttes abwandte. Dafür wird er mit dem »Bund des ewigen Priestertums« belohnt. Die kriegsfähigen Männer werden gezählt, und das Land Israel wird unter den Stämmen aufgeteilt. Mosches Leben nähert sich dem Ende. Deshalb wird Jehoschua zu seinem Nachfolger bestimmt. Am Schluss der Parascha stehen Opfervorschriften.
4. Buch Mose 25,10 – 30,1

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