Niederlande

Generation Aufbruch

Im Süden Amsterdams gibt es neuerdings eine junge sefardische Gemeinde: »Bendigamos«

14.06.2018 – von Tobias MüllerTobias Müller

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Gespannte Stille macht sich breit, als der angehende Barmizwa die Stimme erhebt. Eltern und Geschwister, eine sehr stilvoll gekleidete Großmutter und zwei Großväter, alle lauschen dem Vortrag des Jungen aus der Tora.

Genauso soll es auch am nächsten, Rafaels großem Tag klingen. Nun ja, fast zumindest, denn bei einigen schwierigen Passagen sind die Töne schwer zu treffen. An denen greift Nachshon Rodrigues Pereira ein, der Barmizwa-Lehrer. Geduldig, einfühlsam und kreativ. Als am Ende alles sitzt, zieht er sein Telefon aus der Hosentasche, nimmt den Gesang auf und sendet die Datei seinem Schüler: »Dann kannst du zu Hause noch einmal üben.«

familie Diese Episode sagt einiges aus über Nachshon Rodrigues Pereira. Die Familie des 31-jährigen Amsterdamer Politologen lebt seit den Anfängen der sefardischen Besiedelung Ende des 15. Jahrhunderts in der Stadt. Pereira ist erfindungsreich, enthusiastisch und von starkem Gemeinschaftssinn angetrieben. Zwölf Jahre lang war er Vorbeter in der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde. Heute gehört er zu den aktivsten Mitstreitern in der neuen Gemeinde »Bendigamos«.

»Bendigamos wurde vor rund zweieinhalb Jahren von Nachshon gegründet, Ra­faels Barmizwa-Lehrer.« So steht es in den Heftchen mit Liedern und Gebeten, die für die Feier am nächsten Tag im Gemeinschaftsraum der Jugendbewegung »Haboniem-Dror« im Amsterdamer Stadtteil Buitenveldert ausgelegt sind.

Bendigamos hat dort ein vorläufiges Zuhause gefunden. Zu den Schabbatgottesdiensten treffen sich alle zwei Wochen rund 60 Beter. »Das Durchschnittsalter liegt bei 30«, sagt Nachshon Rodrigues Pereira ein wenig stolz, denn das ist keine Selbstverständlichkeit.

Atmosphäre Was ist das für eine Gemeinde, die in diesen Zeiten einen solchen Zulauf hat? Nach der Generalprobe ihres Sohnes erzählen die Eltern von Barmizwa Rafael, was sie hierher geführt hat. »Sehr schön und freundlich« findet die Mutter die Atmosphäre bei Bendigamos. Der Vater ergänzt: »Es war nicht leicht, eine Synagoge zu finden. Dann schlug Nachshon uns vor, hierherzukommen. Es gefällt uns, dass es eine so persönliche Barmizwa-Feier für unseren Sohn gibt.«

Eines der Merkmale der neuen Gemeinde ist ihre Offenheit – auch für Menschen, die sonst nicht in festem Kontakt mit einer Synagoge oder anderen jüdischen Ins­titutionen stehen. »Wir haben, wie man so sagt, eine niedrige Schwelle. Das provisorische Gebäude hilft dabei« sagt Rodrigues Pereira und lacht.

Nach dem Ende der Probe nimmt er sich Zeit, um über Bendigamos zu sprechen. »Wir sind warmherzig und offen. Du kannst hier du selbst sein. Und gute Laune ist wichtig. Es geht nicht darum, wie jüdisch du zu Hause bist. Woanders schaut man mehr darauf, wer du bist, wer deine Familie ist. Ich denke, man kommt weiter, wenn man den Leuten Freude vermittelt.«

Enttäuschung Entstanden ist Bendigamos aus Enttäuschung – beziehungsweise dem Willen, sich dagegen zu wehren. Nachshon Rodrigues Pereira, aufgewachsen in der Portugees-Joodse Gemeente Amsterdam (PJG) und eng verbunden mit ihr, kam vor einigen Jahren zu einer betrüblichen Bestandsaufnahme: »Die Gemeinde war im Begriff zu verschwinden. Vor allem die junge Generation ging verloren.« Er machte sich Sorgen, dass es irgendwann ganz vorbei sein könnte mit der Gemeinde.

»Also dachte ich, wir müssen handeln. Ich versuchte, in Gesprächen etwas zu verändern, um Raum zu bekommen für die Jüngeren, also alle unter 40, um sie verstärkt mit einzubeziehen. Aber daraus wurde nichts.«

An dieser Stelle ist es interessant, einen etwas weiter gefassten Blick auf Nachshon Pereira Rodrigues zu werfen. Hauptberuflich arbeitet er in einem Expertisezentrum für hochbegabte Kinder. »Viele von ihnen verrennen sich während ihrer Schullaufbahn«, sagt er. »Sie laufen sich fest. Und wir versuchen, ihnen zu helfen, wieder in Schwung zu kommen.«

leitmotive Das scheint eines von Pereiras Leitmotiven zu sein – Dinge wieder flottzumachen, die in Stillstand geraten sind. In seinen Bemühungen um das sefardische Judentum in den Niederlanden brachte er »sieben oder acht Menschen zusammen, einige Jüngere, aber auch ein paar Ältere, auf dass eine neue Gemeinde entstehen kann, damit wieder junge Leute in die Synagoge gehen und es eine Zukunft gibt«.

Gestützt wird der Aufbau von 70 Beitragszahlern, die »Amigos« genannt werden. Daneben hat die Gemeinde noch weitere Sponsoren. Sie sind unentbehrlich, um überhaupt funktionieren zu können. Ein zentrales Beispiel sind die Torarollen. »Die erste war im Besitz meines Vaters«, erzählt der Gründer. »Die zweite hat ein Mitglied unserer Gemeinde in Polen gefunden. Für mehrere Tausend Euro konnten wir sie kaufen. In wenigen Wochen gelang es uns, das Geld zusammen zu bekommen. Alle haben etwas dafür gegeben.«

Der Aufbruch und die Suche nach neuen Impulsen – dies sind zentrale Aspekte, die am Anfang von Bendigamos stehen. Dahinter aber steckt in erster Linie die Sorge um die eigenen Ursprünge. »Die portugiesischen Traditionen und die Me­lodien erhalten«, daran ist dem Gründer viel gelegen. »Ich sehe die PJG noch immer als unsere Muttergemeinde«, sagt er. Das Verhältnis aber ist ein offenes. »Unser Ziel ist es, eine lebendige jüdische Gemeinde aufzubauen. Wenn uns das in Zusammenarbeit gelingt, ist es prima. Aber es geht auch ohne.«

Nicht zuletzt der Name kündet von der Nähe zu den Wurzeln. »In der Zeit der spanischen Inquisition, als Juden kein Hebräisch mehr lernen durften, machten sie von einem Gebet nach dem Essen eine spanische Version, die ›Bendigamos‹ hieß – ›Lasst uns preisen!‹. Dieses Gebet kam dann mit ihnen nach Amsterdam, und wir singen es bis heute.«

programm Die Agenda der neuen Gemeinde reicht weit über das gemeinsame Feiern des Schabbat hinaus. Es gibt Schiu­rim für Kinder und einmal im Monat einen Gottesdienst für sie. Das Fußballteam der Ge­meinde wird diesen Sommer beim traditionellen »Jom Ha Voetbal«-Turnier antreten.

Knapp drei Jahre nach der Gründung beginnt man zudem, an einen neuen Standort für die Synagoge zu denken. Geplant sind außerdem ein Gemeindezentrum samt Wohnraum für Studenten und eine Mensa. Daneben gibt es jeden Monat besondere Aktivitäten, die Bendigamos gemeinsam mit Partnerorganisationen auf die Beine stellt – unter anderem mit den niederländischen Young Jewish Professionals.

»Die Kräfte bündeln«, nennt Nachshon Pereira Rodrigues das. Zu Purim machten sich 80 verkleidete Partygäste bei klirrender Kälte zu einer Bootstour durch die Amsterdamer Grachten auf. Auch den 70. Geburtstag Israels feierte man gemeinsam.

feiern An einem Abend im Mai trafen sich Mitglieder beider Gruppen im Amsterdamse Bos, einem riesigen Park bei Buitenveldert. Vor dem »Großen Weiher« stehen zwei Grills im Gras, wo der Barbecue-Meister Spieße, Fleischstücke und Vegetarisches gart. Etwa 60 mehr oder weniger junge Menschen sind aus mehreren niederländischen Städten gekommen, ein paar sogar aus England. Die Sonne hält Kurs auf den Horizont, weiches Licht fällt über die Wiese, leise Gespräche hängen in der Luft, man lacht. Ein Frühsommer-Idyll mit Grillfleisch-Aroma und Musik.

Und doch geht es hier nicht nur um Grillen, Lagerfeuer und Drinks. »Das Feuer erinnert an den bekannten Gelehrten Rabbi Schimon Bar Jochai«, erklärt Menachem Evers, Lehrer am »Cheider«, einer orthodoxen Grundschule in Amsterdam. Der 37-Jährige gründete vor einiger Zeit gemeinsam mit anderen die jüdische Jugendorganisation Menachem & Nathan (M&N). Heute engagiert er sich bei den Young Jewish Professionals. Und er ist der Cousin von Nachshon Pereira Rodrigues.

Ist der Einsatz für die junge jüdische Generation Familiensache? Menachem Evers zuckt die Schultern. »Wir haben das gleiche Ziel, ja. Damit waren wir bisher unabhängig voneinander beschäftigt, und jetzt tun wir uns zusammen.«

young professionals Etwa die Hälfte der Teilnehmer an diesem Abend gehört zu den Young Professio­nals, die andere zu Bendigamos – so wie Kavita Huizing, eine agile junge Frau mit eindrucksvoller Geschichte. Als hochbegabte, knapp 16-Jährige kam sie aus Indien allein in die Niederlande, um Psychologie zu studieren. Ab und an ging sie zur Portugiesischen Gemeinde, ohne ihr allerdings anzugehören. Ihre großen Stärken: Kommunikation und Kreativität.

Um Vorschläge, wie man die Welt zu einem besseren Ort machen könnte, ist sie selten verlegen. Nachshon Pereira Rodrigues kannte sie über ein paar Ecken. Als sie von seiner Initiative hörte, sprach sie ihn an: »Du hast eine Synagoge, ich habe Ideen. Vielleicht können wir einander helfen?« Seither ist Huizing, die als Coach arbeitet, eine zentrale Figur bei Bendigamos. »Eigentlich bin ich bei allem dabei, was koordiniert und organisiert werden muss«, erzählt sie.

Was die Gemeinde für sie bedeutet? »Dies ist ein Ort, an dem alle auf ihre eigene Weise jüdisch sein können, religiös oder kulturell.« Den Ansatz der neuen Gemeinde beschreibt sie so: »Es geht darum, Menschen ihr Judentum ausprobieren zu lassen. Viele haben ein verkrampftes Bild davon. Oder sie denken an etwas, dass sie früher tun mussten. Aber es kann eben auch ganz fröhlich und ungezwungen sein!«

In näherer Zukunft will sich Bendigamos nach einer neuen Bleibe umschauen, denn es wird zu eng. »Ich hatte gehofft, dass wir wachsen, aber habe nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde«, sagt Nachshon Pereira Rodrigues. Womöglich lässt sich das Modell auch auf andere Städte übertragen. Denn eigentlich, sagt Kavita Huizing mit Nachdruck, geht es um ein großes Anliegen: »das portugiesische Judentum am Leben zu erhalten«.

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