Medien

»Ich bin ein menschlicher Schutzschild«

Die Geschichte der getöteten palästinensischen Sanitäterin Razan al-Najjar wirft viele Fragen auf

14.06.2018 – von Ralf BalkeRalf Balke

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Die Hamas nutzt den Tod der 21-jährigen Razan al-Najjar, die am 1. Juni bei einer der zahlreichen Demonstrationen im Gazastreifen am Grenzzaun zu Israel ums Leben kam, für eine groß angelegte PR-Offensive. Auf allen Kanälen präsentieren die regierenden Islamisten die junge Frau als Märtyrerin, als das schöne Gesicht des Widerstands gegen den zionistischen Erbfeind.

Die Ikonografie klappt perfekt. Schließlich hatte sich al-Najjar freiwillig zum Rettungsdienst gemeldet und soll sich geradezu selbstlos um die vielen Verwundeten gekümmert haben. Bereits vor dem 1. Juni waren deshalb zahlreiche internationale Medien auf sie aufmerksam geworden und hatten Berichte über sie veröffentlicht. Fotos und Videos zeigen eine junge Frau mit Kopftuch und resolutem Gesichtsausdruck. Ihr weißer Kittel ist oft vom Blut genau der Menschen befleckt, denen sie gerade zu Hilfe geeilt ist. So auch in dem Moment, als sie während der bewaffneten Proteste einen älteren Mann notversorgt – und dabei von einer Kugel getroffen wird.

Heiligenschein Innerhalb weniger Stunden nach ihrem Tod mutierte die Sanitäterin zum »fürsorglichen Engel von Gaza«, wie sie unter anderem von Ayman Odeh, Fraktionsführer der Vereinten Arabischen Liste in der Knesset, genannt wurde. Im Netz machen seither Bilder die Runde, die sie sogar mit Flügeln und Heiligenschein zeigen. Und die Hamas ließ sofort ordentlich plakatieren. Überall in Gaza tauchten Poster auf, die al-Najjar und Hamas-Chef Ismail Haniyeh gemeinsam zeigen.

Prompt wurde ihre Beerdigung tags darauf zu einer großen Demonstration, wobei man wieder zum Grenzzaun zog und Steine auf israelische Soldaten warf. »Das Erschießen von medizinischem Personal ist laut Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen«, so die Palestinian Medical Relief Society. Und Nikolaj Mladenow, Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen für den Friedensprozess im Nahen Osten, twitterte sofort: »Sanitäter sind #NotATarget!« Ferner schrieb er: »Israel muss den Einsatz seiner Soldaten überprüfen, und die Hamas soll Vorfälle am Grenzzaun unterbinden.«

Nun hat die Hamas alles andere als ein Interesse daran, die wöchentlichen Demonstrationen gegen Israel zu deckeln. Schließlich organisiert und choreografiert sie diese genau. Auch die bis dato rund 120 Toten auf palästinensischer Seite sind Teil ihres Kalküls – lautet doch die Rechnung: Je größer die Zahl der Märtyrer, desto weiter rücken die Palästinenser wieder nach oben in der internationalen Agenda, wo sie in den vergangenen Monaten eher ein Schattendasein gefristet hatten.

Kritik Dafür braucht man wirkungsvolle Bilder wie das einer toten Sanitäterin. Und Israel gerät automatisch erneut in die Kritik wegen des »unverhältnismäßigen« Einsatzes von Gewalt. Die Armee erklärte daraufhin, den Sachverhalt näher zu untersuchen. »Bei dem Zwischenfall wurde nur eine begrenzte Zahl von Kugeln verschossen, aber kein Schuss war direkt oder absichtlich gegen sie gerichtet«, hieß es in einem ersten Statement. Offensichtlich hatte es sich um einen Querschläger gehandelt.

Al-Najjar selbst sagte noch vor einigen Wochen, sie wolle Leben retten und Menschen in Sicherheit bringen. In einem Interview mit der »New York Times« erklärte al-Najjar kurz vor ihrem Tod: »Ohne Waffen können wir alles erreichen.« Genau dieses Bild einer gewaltlosen Aktivistin mit Florence-Nightingale-Touch ist nun durch neues Videomaterial ins Wanken geraten, das die israelische Armee dieser Tage veröffentlicht hat. Es stammt von dem libanesischen TV-Sender Al Mayadeen und zeigt al-Najjar, wie sie eigenhändig einen Tränengas-Kanister wirft – und zwar mit ihrer weißen Weste, die sie als Sanitäterin zu erkennen gibt.

Darüber hinaus erklärte al-Najjar der Reporterin freimütig: »Ich bin hier an der Front und agiere als menschlicher Schutzschild.« Offensichtlich wurden diese Aufnahmen nicht an jenem Tag gemacht, an dem sie zu Tode kam. »Razan al-Najjar war nicht der Engel der Barmherzigkeit, wie die Hamas sie zu vermarkten versucht«, bringt es der israelische Regierungssprecher Ofir Gendelman auf den Punkt. »Ihr Eingeständnis vor laufender Kamera, dass sie ein Schutzschild für gewalttätige Demonstranten sei, zeigt, wie die Hamas sogar Sanitäter für ihre terroristischen Ziele einspannt.«

Pallywood Mit Fakten allein indes lassen sich einmal in die Welt gesetzte Bilder von Israel als dem Verursacher von Leid und Elend in der Weltöffentlichkeit nur schwer wieder korrigieren. Das wissen auch die Verantwortlichen in Gaza – und können sich die Hände reiben.

Doch die Geschichte von Razan al-Najjar hat noch einen weiteren Twist: Unmittelbar nach ihrem Tod ging das Bild einer israelischen Soldatin namens »Rebecca« viral, die ursprünglich aus Boston in den Vereinigten Staaten stamme, Scharfschützin sei und die palästinensische Sanitäterin gezielt erschossen haben soll. In der Tat hat die heute 24-Jährige bei den israelischen Streitkräften gedient. Nur war sie nie in ihrem Leben Scharfschützin, und zudem liegt ihre Zeit beim Militär bereits mehr als zweieinhalb Jahre zurück.

Trotzdem wird sie nun überall als Mörderin gebrandmarkt. »Als ich mein Smartphone nach dem Schabbat wieder aktivierte, fand ich Hunderte von Nachrichten vor, in denen ich wild beschimpft wurde«, berichtete sie vor einigen Tagen der Online-Zeitung »Times of Israel«. »Auch meine Familie und Freunde wurden bedroht.« »Rebecca« ist dann so etwas wie der Kollateralschaden von Pallywood.

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