Wuligers Woche

Die Mitleidlosen

Der Mord an Susanna F. ist eine Tragödie – und kein Vehikel für politische Debatten

14.06.2018 – von Michael WuligerMichael Wuliger

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Es gibt Momente, da wünsche ich mir meine Berufsgruppe zur Hölle. Nicht nur die Krawalljournalisten, die bar jeden Anstands einen Mord zwecks Steigerung der Auflage sensationalistisch ausschlachten. Von denen erwartet man es nicht anders. Aber schlimmer noch empfinde ich manche Kolleginnen und Kollegen von der Qualitätspresse. Die wühlen nicht in Schmutz und Blut, natürlich. Sie stellen lieber profunde Überlegungen an. Und dabei stehen sie, was Gefühlskälte angeht, den Witwenschüttlern vom Boulevard in nichts nach.

In Wiesbaden ist ein 14-jähriges jüdisches Mädchen ermordet worden. Den Horror, den Susanna F. erdulden musste, kann man nur erahnen, genauso wie den Schmerz ihrer Familie. Mitleid, mitleiden, ist die erste Reaktion, die sich da einstellt. Und Schweigen, weil es keine adäquaten Worte gibt. Man nennt das Pietät.

Doch die scheinen manche Medienmenschen offenbar nicht zu besitzen. Im Berliner »Tagesspiegel« erschien kurz nach Bekanntwerden des Falls ein Kommentar: »Der Mord an Susanna F. – Gift für die Gesellschaft«.

Flüchtlinge Die Autorin machte sich darin Gedanken nicht um das Schicksal der Ermordeten, sondern darüber, »was dieser Fall jenseits kriminalistischer Fragestellungen ist« und wie er »weit in die gesellschaftliche Realität ausstrahlt«. Ihr Fazit: »So wird es immer schwieriger, über Flüchtlinge überhaupt noch zu sprechen. Die Diskussion über ein zentrales gesellschaftliches Thema droht unter immer mehr Unaussprechlichem begraben zu werden.«

In anderen Worten: Das eigentliche Opfer ist der gesellschaftliche Diskurs. Dessen Wohl und Wehe scheint die Autorin mehr zu bewegen als der Tod des Mädchens.

Die Verfasserin des Kommentars wird möglicherweise nicht einmal verstehen, was der Skandal an ihren Äußerungen ist. Und sie wird bestimmt weit von sich weisen, auf eine Stufe mit den Leichenfledderern von ganz rechts gestellt zu werden, die feixend den Mord für ihre politische Agenda instrumentalisieren. Doch in ihrer abgestumpften Indolenz unterscheidet sie sich kaum von denen. Wer angesichts des Todes einer 14-Jährigen nicht innehalten kann, sondern reflexartig in einen gesellschaftskritischen Erklärmodus verfällt, hat, simpel ausgedrückt, kein Herz.

Staatsversagen Wäre der zitierte Kommentar ein Einzelfall, man könnte ihn als individuelle Fehlleistung abtun. Doch die Journalistin des »Tagesspiegel« ist nicht allein mit ihrer Einstellung. Sie steht pars pro toto für eine allgemeine Erbarmungslosigkeit. Die Medien, von den sozialen Netzwerken ganz zu schweigen, sind dieser Tage voll von Kommentaren über Flüchtlingskriminalität, Integrationsprobleme und Staatsversagen. Nur von Susanna F. ist kaum mehr die Rede. Das tote Mädchen interessiert, wenn überhaupt, nur noch am Rande, als Mittel zum Zweck für die Verbreitung politischer Meinungen. Es ist widerwärtig.

Ein 14-jähriges Mädchen ist ermordet worden. Mehr gibt es nicht zu sagen. Außer vielleicht noch: »Aleha Haschalom« – Sie ruhe in Frieden.

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