Tradition

Querdenker

Korach war nicht nur »der Böse«, sondern er brachte das Judentum voran, weil er Autoritäten infrage stellte

14.06.2018 – von Rabbinerin Gesa EderbergRabbinerin Gesa Ederberg

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Die Parascha dieser Woche ist nach Korach benannt – doch keinem jüdischen Kind würde man diesen Namen geben. Was hatten Korach, seine Freunde und Unterstützer getan, dass sie in einen derart üblen Ruf kamen? Die Tora berichtet, dass Korach die Autorität Mosches in Zweifel zog. Er sagte zu Mosche und seinem Bruder Aharon: »Ihr seid zu weit gegangen, denn die ganze Gemeinschaft ist heilig, und der Ewige ist unter ihnen. Warum erhebt ihr euch über die Gemeinschaft des Ewigen?«

Diese Rebellion der Rotte Korach wurde – so berichtet es die Tora – von Gott direkt bestraft. Korach, seine engsten Freunde und ihre Familien wurden vom Erdboden verschluckt, Korachs weitere 250 Unterstützer wiederum vom Feuer verbrannt. Der Versuch, die alleinige Autorität Mosches und seines Bruders Aharon durch eine demokratischere Ordnung zu ersetzen, war gescheitert und hatte zum Tod der Rebellen geführt, die ihn gewagt hatten.

obrigkeit Die Frage für uns heute ist, wie wir diesen Text verstehen können. Auf den ersten Blick scheint es nur eine radikale Alternative zu geben. Entweder, es gibt eine autoritäre, diktatorische Führung durch eine von Gott eingesetzte Obrigkeit, oder man muss die religiöse Tradition als überwundenen Aberglauben dem Mülleimer der Geschichte überlassen. Jede Mittelposition steht dagegen unter besonderem Rechtfertigungszwang, denn sie kratzt entweder an der Autorität der religi­ö­sen Tradition oder stellt Grundlagen der Menschenrechte infrage, die heute nicht nur moralische, sondern auch weltweit juristische Geltung haben.

Im Folgenden soll untersucht werden, ob eine alternative Interpretation der Korach-Geschichte wirklich die Autorität der religiösen Tradition infrage stellen muss, ob wir uns wirklich zwischen religiösem Fundamentalismus einerseits und einem traditionslosen Universalismus andererseits entscheiden müssen.

Schon innerhalb des Tanachs gibt es Perspektiven, die Korach nicht nur negativ sehen. Aus den Genealogien in I Samuel 1,1 und I Chronik 6,18ff lernen wir, dass Korach der Ahnvater des Propheten Schmuel ist eine der wichtigsten Gestalten der jüdischen Geschichte. Auch sind zwölf Psalmen den Söhnen Korachs durch ihre Überschrift zugeordnet, und Heman, einer der drei von König David eingesetzten levitischen Sänger, ist ebenfalls ein Nachfahre Korachs. Daraus lernen wir – in einer erstaunlichen Beiläufigkeit! –, dass doch nicht die ganze Familie Korachs ausgerottet wurde.

perspektive Diese alternative Perspektive wird von der jüdischen Tradition noch betont, indem als Haftara für den Wochenabschnitt Korach ausgerechnet ein Text seines Nachfahren Schmuel gewählt wurde. I Samuel 12 handelt davon, dass der Prophet Schmuel Israel einen König gibt, obwohl er diesen Wunsch des Volkes als Untreue gegenüber Gott empfindet. So lesen wir jedes Jahr den Untergang Korachs in der Tora zusammen mit der besonderen Bedeutung seines Nachfahren Schmuel in der Haftara.

In der rabbinischen Literatur ist Korach meist der Übeltäter, aber auch hier gibt es andere Stimmen. Rabbi Akiva zählt Korachs Gemeinschaft zu denen, die keinen Anteil an der kommenden Welt haben werden. Rabbi Elieser hingegen sieht das anders und beruft sich dabei auf das Gebet der Hanna, der Mutter Schmuels, in I Samuel 2 (Mischna Sanhedrin 11). Später meint Rabbi Jehuda ben Betira, dass das Schicksal Korachs dem einer verlorenen Sache gleiche, die man aber suchen und wiederfinden könne.

Teilweise ist die Kritik an Korach auch so formuliert, dass man implizit eine mehr als nur heimliche Sympathie für ihn heraushören kann. Es gibt verschiedene rabbinische Beispiele, bei denen Korach die Halacha, das jüdische Recht, kritisiert, das ja rabbinisch als mündliche Tradition auf die Gabe der Tora an Mosche am Berg Sinai zurückgeführt wird.

Eine in verschiedenen Varianten erzählte Geschichte handelt von einer armen Witwe mit zwei Töchtern, die von habgierigen Priestern unter Berufung auf das Gesetz Mosches immer schlimmer ausgebeutet und so ins Elend gestoßen wird. Hier ist die Schilderung der Priester so negativ, dass Korach automatisch an Sympathie gewinnt. Etwas später lesen wir in der Parascha auch: Aus den Grillpfannen, die die 250 mit dem Tod bestraften Anhänger für ihr Opfer im Tempel benutzt hatten, sollen Gehäuse für den Altar gemacht werden. Auf diese Weise werden sie Teil des Heiligtums.

Dies wird von späteren Kommentatoren positiv gedeutet. So sagt der Netziv, Reb Hirsch Leib Berlin, Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Kommentar Haamek Dawar, die Anhänger Korachs seien nicht wirklich Rebellen gewesen, sondern sie hätten vielmehr Gott nahe sein und ihm dienen wollen.

Rav Kook der Ältere, der selbst viele Konflikte mit dem rabbinischen Establishment in Israel ausgefochten hat, sagte Anfang des 20. Jahrhunderts unter explizitem Bezug auf Korach, dass es notwendig sei, die Tradition infrage zu stellen, denn dies bewahre vor Stillstand und Resignation.

angriff Im Überblick scheint es so, dass jede Generation in Korachs Angriff auf Mosches Autorität einen Angriff auf die jeweils ihr selbst wichtigste Autorität sah. Während in der Tora die Autorität Mosches und Aharons angegriffen wird – und das bedeutet nach Mosches Tod die Autorität der Priester –, sieht der Talmud die größte Sünde darin, seinen Toralehrer zu kritisieren (Sanhedrin 110a).

Raschi im Mittelalter deutet dies nicht mehr auf den individuellen Lehrer, sondern auf die Schule, zu der man gehört. Der Sohar wiederum sieht Korachs Verfehlung darin, dass er »links und rechts« vertauschen und so die Schöpfungsordnung der ganzen Welt durcheinanderbringen wollte. Diese verschiedenen Beispiele sollen nun aber nicht dazu dienen, den biblischen Bericht in sein Gegenteil zu verkehren. Mosche Rabbenu bleibt unser Lehrer, und seine Tora bleibt die Offenbarung Gottes an uns.

Die angeführten Meinungen aber sollten uns zumindest vor dem Trugschluss bewahren, es gäbe eine klare und einfach abzulesende Wahrheit in der Tora. Die Tora steckt voller Geheimnisse und Ambivalenzen, denen wir in jeder Generation neu nachspüren sollen.

Die verschiedenen Stimmen der jüdischen Tradition, die der Korach-Geschichte mehr Facetten entnehmen, als der Parascha selbst zu entnehmen zu sein scheint, ermöglichen uns aber auf jeden Fall, die Tora nicht als fundamentalistischen Text lesen zu müssen.

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

inhalt
Der Wochenabschnitt berichtet davon, wie Korach und seine Anhänger Datan und Awiram gegen die beiden Anführer Mosche und Aharon rebellieren. Der Ewige selbst bestraft den Putschversuch und lässt sowohl Korach als auch seine Anhänger vom Erdboden verschlingen. Andere Sympathisanten Korachs werden durch ein himmlisches Feuer verzehrt. Dennoch herrscht Unmut unter den Israeliten. Darauf folgt eine Seuche, die von Aharon beendet wird. Um seine Position an der Spitze zu verdeutlichen, sollen die Anführer jedes Stammes ihren Stab ins Stiftszelt bringen. Ahrons Stab treibt Blüten.
4. Buch Mose 16,1 – 18,32

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