Kongress

Dem Vergessen entrissen

Die TU Berlin würdigt die Arbeit der Architekturhistorikerin Myra Warhaftig

07.06.2018 – von Ulf MeyerUlf Meyer

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Als die Berliner Architektin und Architekturhistorikerin Myra Warhaftig vor genau zehn Jahren im Alter von 78 Jahren verstarb, ging ein weltweit einmaliger Fundus an Kenntnissen und Trouvaillen zum Leben und Wirken der modernen Architekten jüdischer Herkunft verloren. Geboren 1930 in Haifa, studierte Warhaftig am Technion Architektur, zog später nach Paris und eröffnete schließlich in den 60er-Jahren in Berlin ein Architekturbüro.

Warhaftig hatte in deutscher, englischer, französischer und hebräischer Sprache Kontakte in alle Teile der Welt geknüpft, um eine schreiende Ungerechtigkeit wenn schon nicht ungeschehen zu machen, so doch zumindest zu thematisieren und zu lindern: Die Juden unter den besten deutschen Architekten der Moderne haben bis heute nicht den ihnen gebührenden Platz in der Architekturgeschichtsschreibung gefunden, weil ihnen Berufsverbote auferlegt, sie in ferne Teile der Welt ins Exil gezwungen oder interniert und getötet wurden.

Berlin ist von Villen, Siedlungen, Krankenhäusern, Theatern und Kaufhäusern geprägt, die jüdische Architekten der Moderne entwarfen und – durchaus nicht nur für jüdische Bauherren – bauten. Die Kroll-Oper, von der aus die Nazis ihr Marionettenparlament steuerten, war ebenso von einem jüdischen Architekten (Oskar Kaufmann) entworfen worden wie die Villa in der Miquelstraße (von Bruno Ahrends), seit Mitte der 90er-Jahre Dienstvilla des Bundestagspräsidenten, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Zufall Myra Warhaftig hat die Lebenswege der deutsch-jüdischen Architekten minutiös aufgespürt, in mühsamer, jahrelanger Detektivarbeit gesammelt und schließlich in zwei bahnbrechenden Büchern publiziert: Während der Band Sie legten den Grundstein, der schon 1996 erschien, das Leben und Wirken deutschsprachiger jüdischer Architekten im Mandatsgebiet Palästina untersucht, hat Warhaftig in Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933 (2005) lexikonartig die 500 interessantesten und tragischsten Biografien deutsch-jüdischer Architekten zusammengetragen und so dem Vergessen entrissen.

Ihre Recherche per Telefon und Post war mühsame Puzzlearbeit. Nicht selten half ihr allein der Zufall bei der Erforschung der Schicksale der über den Erdball verstreuten Emigranten und ihrer Nachfahren. Deren oft verworrene Biografien zu erforschen, war eine Sisyphus-Aufgabe, die Warhaftig annahm und mit Bravour meisterte.

Um die Lösung dieser Aufgabe zu würdigen, hat die von Warhaftig gegründete Berliner »Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten e.V.« kürzlich ein Symposium an der Technischen Universität Berlin veranstaltet, an dem Architekten und Akademiker aus Israel, England, Schweden und Deutschland teilnahmen und unbekannte Aspekte im Denken von Warhaftig beleuchteten.

Gerald Adler von der University of Kent beispielsweise thematisierte in seinem Vortrag »Das Berliner Zimmer neu gedacht« das von Warhaftig selbst entworfene Haus in der Dessauer Straße in Berlin-Kreuzberg und stellte es in den Kontext der Entwicklung des modernen, flurlosen Wohnungsgrundrisses.

Gleichberechtigung Seine Kollegin Silja Glomb aus Stockholm beleuchtete »Warhaftigs Kampf um die Gleichberechtigung der Frau im Beruf der Architektin« und zugleich ihren Einsatz für frauen- und familienfreundliche Grundrisslösungen im sozialen Wohnungsbau. Warhaftigs akademische und entwurfliche Untersuchungen zu »emanzipatorischen Wohnungsgrundrissen« gipfelten in ihrem Entwurf für ein Mietshaus auf der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987, das von außen angenehm zurückgenommen wirkt, aber im offenen Grundriss ein neues Denken offenbarte, das zur Bauzeit noch auf Widerstände stieß.

Ziel des Berliner Symposiums war es nicht nur, einen neuen Überblick über die Forschungen zu Bauten und Biografien vergessener jüdischer Architekten in Deutschland zu geben, sondern auch das architektonische Werk von Warhaftig in den Zeitgeist der 80er-Jahre einzuordnen und einer willensstarken, sympathischen und charismatischen Persönlichkeit zu gedenken. Alle drei Aspekte zu beleuchten, ist dem Symposium gut gelungen.

Neben deutschen Expertinnen wie Ines Weizman von der Bauhaus-Universität Weimar und Ines Sonder vom Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum bereicherten drei Fachleute aus Israel den Blick auf Warhaftigs Lebensthema: Sigal Davidi aus Tel Aviv beschäftigt sich mit Architektinnen im »Pre-State Israel«, während Liora Bar’am Shahal aus Warhaftigs Geburtsstadt Haifa die architektonischen Pioniere erforscht, deren moderne Vorstellungen die Pläne der Kibbuzim beeinflussten.

Zvi Elhyani, Direktor des Israel Archi­tecture Archive in Tel Aviv, würdigte Warhaftigs Rolle in der Historiografie der israelischen Architektur. Der Rabbiner und Historiker Andreas Nachama fügte einen weiteren interessanten Aspekt hinzu, indem er »Warhaftig als Spurensucherin jüdischer Sakralarchitektur« vorstellte.

Avantgarde Der von Warhaftig gegründete Verein hat mit Ausstellungen, Stadtführungen und Publikationen Erstaunliches wider das Vergessen geleistet – damit nicht nur »Stars« Eingang in die Architekturgeschichtsschreibung finden. Erich Mendelsohn ist der berühmteste unter ihnen, aber mehrere Dutzend anderer Architekten stehen Mendelsohn in ihrem Talent kaum nach.
Dabei waren Juden in akademischen Berufen und der architektonischen Avantgarde überrepräsentiert. Das Verschweigen kommt fast einem zweiten Tod gleich. In Architekturführern fehlen die Werke von Architekten wie Harry Rosenthal, Ale­xander Beer und Martin Punitzer, obwohl die Qualität ihrer Bauten eine Aufnahme rechtfertigen würde.

Etwa 300 jüdischen Berliner Architekten wurde ihre Existenzgrundlage geraubt. Ein Fünftel emigrierte nach Palästina, ein weiteres Fünftel kam in einem der Konzentrationslager ums Leben. Der Verein erforscht »Lebenswege und Werke und verbreitet die Ergebnisse, um an die Entrechtung dieser Menschen zu erinnern«. Warhaftig hat stets betont, dass es ihr dabei nicht darum gehe, zwischen Expressionismus und Bauhaus »eine spezifisch jüdische Architektur« zu entdecken, sondern die Vielfalt der Entwurfsansätze der jüdischen Architekten und ihre Verflechtung mit nichtjüdischen Kollegen und Auftraggebern zu dokumentieren.

Von dem Verlust an architektonischem Sachverstand durch den Holocaust hat sich die Berliner Architektur bis heute nicht erholt. »Die Architekten sind zwar fort, aber ihre Gebäude sind noch da«, wie Warhaftig zu sagen pflegte – und rufen danach, noch weiter erforscht, gewürdigt und genossen zu werden.

www.juedische-architekten.de

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