Porträt der Woche

»Die Welt hat sich verändert«

Yehonatan Richter-Levin wuchs in einem Künstlerdorf auf und arbeitet als Regisseur

31.05.2018 – von Eugen ElEugen El

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Ich wurde 1980 in Ein Hod geboren. Das ist ein kleines Künstlerdorf im Norden Israels, in der Nähe von Haifa. Die Menschen, die dort leben, sind Künstler und sehr freigeistig. Ein Hod ist eine Gemeinschaft von Menschen, die relativ alternativ leben. Die ersten 18 Jahre meines Lebens lebte ich in dieser »Blase«. Von der sechsten bis zur zwölften Klasse besuchte ich eine Kunstschule. Das erste Mal, dass ich anderen sozialen Schichten begegnete, war während meines Armeedienstes.

Es war ein Schock, auf einmal Leute zu treffen, die einen komplett anderen Hintergrund haben. Da war ich erst einmal überfordert. Plötzlich muss man nächtelang in einem Wachturm Zeit mit jemandem verbringen, der im Süden Tel Avivs aufgewachsen ist, eine andere Prägung und überhaupt kein Interesse an Kunst hat. Da fängt man an zu denken: Okay, vielleicht ist die Welt, die man kennt, nicht so selbstverständlich.

Den Großteil meines Armeedienstes habe ich im Libanon verbracht – ich war Erster Offizier auf einem kleinen Boot. Das war um die Jahrtausendwende, kurz bevor Ehud Barak die Armee aus dem Südlibanon abziehen ließ. Es war eine interessante Zeit: Man verbringt seine Zeit auf einem kleinem Boot und hat große Träume, was man danach machen will. Man geht in die Armee, kommt drei Jahre später als anderer Mensch zurück, und die Welt hat sich plötzlich verändert.

Ich drehte mehrere Musikvideos für die Band »Die Ärzte«.
Mein Vater wollte immer, dass ich Medizin studiere. Er war Arzt und starb 2015 im Alter von 88 Jahren. Meine Mutter ist Psychologin, sie lebt in unserem Haus in Ein Hod. Nach der Armee sagte ich, ich werde Kunst studieren. Ich wollte Modefotograf werden, dachte daran aber nicht als Beruf. Mein Vater sagte: Okay, wenn du Künstler werden willst, dann musst du das genauso ernsthaft machen wie ein Medizinstudium. Du musst dir dessen bewusst sein, dass es dein Beruf werden wird, sagte er.

studium Nach dem Armeedienst war ich vier Monate am Roten Meer zwischen Eilat und Sinai und habe einen Tauchkurs gemacht. Danach war ich ein paar Monate Assistent beim Modefotografen Ron Kedmi in Tel Aviv. Das war ein kommerzielles Studio, es hatte wenig mit Kunst zu tun. Anschließend studierte ich zwei Semester Malerei, Zeichnung und Bildhauerei an der HaMidrasha, einer Kunsthochschule am Beit Berl College in der Nähe von Tel Aviv.

In dieser Zeit, zwischen 2002 und 2003, bin ich einige Male nach Berlin geflogen. Ich habe zwar schon einmal als Kind mit meinen Eltern die deutsche Hauptstadt besucht. Nun war ich das erste Mal als Erwachsener allein dort. Ich war Anfang 20 und hatte gerade drei Jahre Armeedienst hinter mir – das war das Gegenteil von Freiheit. Als ich aus der Armee kam, gab es in Israel viele Terroranschläge, überall waren Security-Leute.

Ich stand nun im Berliner Ostbahnhof, einer riesigen Halle, Tausende Menschen gingen einfach rein und raus, und es war kein einziger Security-Mann zu sehen. Außer Bettlern, die Geld wollten, wollte niemand etwas von mir. Ich stand dort, schaute mich um und dachte: All diese Leute, die hier leben, machen sich gar keine Gedanken über ihre Sicherheit und über Terroranschläge. Die Tatsache, dass sie nicht daran denken, ist ein Luxus. Das fand ich faszinierend.

pionier In den darauffolgenden Tagen besuchte ich viele Partys. Und Anfang 2004 kam ich endgültig nach Berlin. Ich begann, Deutsch zu lernen, und arbeitete als Assistent beim Videokünstler Safy Etiel. So machte ich die ersten Erfahrungen mit Videokunst. Ich bewarb mich an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, wurde dort aufgenommen und begann mein Studium im Herbst 2004.

Am Anfang war es schwer, denn ich konnte noch nicht gut genug Deutsch. Bei uns zu Hause sprach man kein Deutsch.
Mein Vater wurde in Israel geboren, er stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie. Sein Großvater Shmaryahu Levin war Zionist und Verleger – er gründete den Dvir-Verlag, eines der größten Verlagshäuser Israels. Er war auch an der Gründung des Technion in Haifa beteiligt.

Mein Großvater väterlicherseits war der Bruder des Künstlers Hans Richter, eines Mitbegründers des Dadaismus. Hans Richter pendelte zwischen Berlin und Zürich. Im Zweiten Weltkrieg floh er vor den Nazis über Frankreich und die Niederlande in die USA, wo er den Rest seines Lebens verbrachte.

Er ist eigentlich bekannt als Filmpionier. In der Zwischenkriegszeit hat er mit dem sowjetischen Regisseur Sergei Eisenstein Filme gedreht. Er hat auch Kurzfilme gemacht, was zu dieser Zeit noch absolut Kunst war. Mein Vater hat irgendwann beide Familiennamen angenommen, so sind wir alle Richter-Levin geworden.

südafrika An der Hochschule für Gestaltung habe ich Film studiert und machte viele Kurzfilme. Ich hatte ein Stipendium und durfte mich voll auf das Studium konzentrieren. Ich schloss es 2010 ab.

Das erste Jahr nach dem Studium war schrecklich. Ich musste noch ein Jahr lang meinen Abschlussfilm abbezahlen. Ich wusste zwar, wie man Filme macht, hatte aber keine Ahnung, wie man damit Geld verdient. Ich hatte keine Lust, etwas anderes zu machen. Es wurde mir dann klar, dass man von Auftragsproduktionen und Werbefilmen leben kann.

2011 gewann ich zusammen mit einer Produktionsfirma einen Wettbewerb, und wir durften 16 Musikvideos für die Band »Die Ärzte« drehen. Ich hatte die Möglichkeit, von der Idee bis zum fertigen Produkt das Projekt kreativ zu leiten. Das war es, was ich machen wollte. Im April 2012 waren wir fertig, danach habe ich immer mehr Auftragsproduktionen als Freelancer übernommen.

Ich durfte kleinere und größere, aber auch eigene freie Projekte realisieren. Seit Anfang 2017 arbeite ich als Filmregisseur für den Kameradrohnenhersteller DJI. Ich setze ein Projekt nach dem anderen um, bin in der ganzen Welt unterwegs – von Kasachstan bis Südafrika. Ich hoffe, in Zukunft weiterhin aufregende Projekte und noch größere Filme machen zu können.

feiertage Schon während des Studiums lernte ich meine Frau kennen. Wir haben geheiratet, und 2015 wurde unser Sohn Leonard geboren, was für uns natürlich das Schönste auf der Welt ist. Meine Frau ist nicht jüdisch, sie hat aber in einem Ulpan in Israel Hebräisch gelernt. Wir feiern gemeinsam die jüdischen Feiertage. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass sie sich damit besser auskennt als ich.

Unser Sohn geht in den Kindergarten der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Wir legen Wert darauf, dass er die jüdische Kultur lernt. Leonard wächst zweisprachig auf, mit ihm spreche ich nur Hebräisch. Auch die Kindergärtnerin redet mit ihm Hebräisch. Das Judentum ist die Kultur, in der ich groß geworden bin.

Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, dann waren die schönsten Tage die Feiertage, und das will ich auch meinem Sohn weitergeben. Simchat Tora zum Beispiel oder Jom Kippur – das alles sind Dinge, die man in Israel, selbst wenn man nicht religiös ist, als Kultur aufnimmt. Es war für mich weniger eine Sache des Glaubens als eher eine Sache der Kultur, die ich geliebt habe und bis heute liebe.

Ich hoffe, dass für meinen Sohn Pessach ein genauso integraler Bestandteil seines Lebens sein wird wie für mich. Ob die Jüdische Gemeinde ihn aufnimmt oder nicht, finde ich nicht entscheidend. Wenn er Jude genug für meine Mutter ist, dann ist es in Ordnung.

zuhause Die Hälfte der Familie lebt in Israel – meine Mutter und mein Bruder zum Beispiel. Wir sind einmal im Jahr in Israel zu Besuch. Wir versuchen meist, dort länger Zeit zu verbringen – zuletzt waren es sechs Wochen. Ein Teil meiner Freunde, mit denen ich im Dorf aufgewachsen bin, lebt im Ausland, einige sind aber immer noch beziehungsweise jetzt wieder dort. Es ist immer schön, sie wiederzusehen.

Immer wenn ich in Israel bin, fühle ich mich zu Hause. Andererseits, wenn ich nach Frankfurt komme, fühle ich mich ebenfalls wieder zu Hause. Mein ganzes Erwachsenenleben, seit ich aus der Armee entlassen bin, lebe ich eigentlich in Deutschland. Momentan bin ich beruflich sehr intensiv eingebunden. Eigentlich habe ich so gut wie gar keine Freizeit.

Ich bin so viel unterwegs, dass jede freie Sekunde meiner Familie, meinem Sohn gilt. Selbst wenn das nur heißt, mit meiner Frau und meinem Kind im Wohnzimmer zu sitzen und Lego zu spielen – das ist mein größter Genuss.

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