Neue Gallia-Germania Judaica

Vom Elsass bis nach Basel

Perspektiven für eine digitale Neubearbeitung der mittelalterlichen jüdischen Geschichte vor 1300

18.05.2018 – von Amélie SagasserAmélie Sagasser

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Die Neue Gallia-Germania Judaica (NGGJ) ist ein deutsch-französisches Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, ein Online-Lexikon mit Ortsartikeln zur jüdischen Geschichte von Aschkenas zwischen 900 und 1300 zu erstellen. Es greift die beiden Stränge der Gallia Judaica und der Germania Judaica auf – zwei über 100 Jahre alte und weltweit einzigartige Pionierwerke deutscher und französischer jüdischer Historiker, die Ortsartikel zur jüdischen Geschichte aller Städte, Orte und Landschaften des deutsch- und des französischsprachigen Raums verfasst haben.

Diese für die jüdische und allgemeine Geschichte gleicherma­ßen unentbehrlichen Standardwerke haben sich gegen die vielen Widrigkeiten des 20. Jahrhunderts behauptet. Selbst in den Jahren der NS-Herrschaft wurde die Germania Judaica fortgeführt. Bis heute werden ihre Beiträge zitiert. Angesichts zahlreicher jüngerer Forschungen ist es jedoch dringend erforderlich, diese zu aktualisieren.

Team Das hat sich nun das deutsch-französische Team zur Aufgabe gemacht: Mit Fokus auf den Kernlandschaften von Aschkenas vom Ober- und Mittelrhein (die heutigen Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz) bis zur Champagne wird die NGGJ grenzüberschreitend die Orts- und Landschaftsartikel auf den neuesten Forschungsstand bringen.

Dabei ist keine Neubearbeitung als Buchreihe geplant, vielmehr möchte man, den Absichten der Initiatoren entsprechend, die heutigen technischen und medialen Möglichkeiten einsetzen und eine digital gestützte, interaktiv angelegte und auf kontinuierliche Fortschreibung ausgerichtete Web-Plattform mit kostenfreiem Zugang für die Nutzer errichten.

Datenbank Seit Januar 2018 ist diese Datenbank nun für die Öffentlichkeit zugänglich und kann mit Artikeln gefüllt werden. Einige Wissenschaftler/innen haben sich inzwischen bereit erklärt, Artikel für bedeutende Orte zu verfassen. Insgesamt sind alle interessierten und fachlich versierten Personen eingeladen, Artikel zu schreiben. Eine Fachredaktion wird im Hintergrund die wissenschaftlichen Qualitätsanforderungen sichern.

Ein weiteres Anliegen der NGGJ ist die Nachwuchsförderung: Im September lädt das Team der NGGJ zusammen mit dem Team der Nouvelle Gallia Judaica, finanziert von der Klaus Tschira Stiftung und der Deutsch-Französischen Hochschule, zu einer deutsch-französischen Sommeruniversität zum Thema »Digital Humanities und jüdische Geographie Europas – Perspektiven für eine Neubearbeitung der mittelalterlichen jüdischen Geschichte vor 1300« ein.

In der alten Wassermühle von Andé (Normandie/Frankreich) werden insgesamt 18 fortgeschrittene Studierende und Doktoranden aus den Bereichen der Geschichtswissenschaft, der Jüdischen Studien, der Religionswissenschaft, der Theologie und der Rechtsgeschichte sowie zehn Wissenschaftler/innen aus Deutschland, Frankreich und Israel zusammenkommen, um sich gemeinsam aus verschiedenen fachlichen Perspektiven der jüdischen Sozialgeschichte des Früh- und Hochmittelalters zu widmen.

Geografie Anhand der Orte Blois, Lyon, Rouen, Reims, Orléans sowie Konstanz und Basel sollen die durch den medialen Fortschritt entstandenen neuen Ansätze und Möglichkeiten, eine neue historische Geografie des jüdischen Westeuropa vor 1300 zu schreiben, erprobt werden. Diese Orte sind für das jüdische Mittelalter besonders repräsentativ. Auch standen sie in den vergangenen Jahrzehnten häufig im Zentrum verschiedener Untersuchungen, was sich auch in der Anzahl von Publikationen widerspiegelt.

Die darin vertretenen Forschungsmeinungen zur jüdischen Geschichte gehen teils stark auseinander, sodass diese sieben Ortschaften beispielhaft für andere jüdische Orte sind.
Sie bieten den Teilnehmenden damit internationale und interdisziplinäre Exerzierfelder für einen tiefgründigen Austausch und die Möglichkeit, verschiedene Forschungstraditionen, Forschungsansätze oder Forschungsmeinungen zu erarbeiten beziehungsweise gegenüberzustellen.

Darüber möchte man im Rahmen der Sommerschule den Teilnehmenden verschiedene innovative Werkzeuge für Digital-Humanities-Projekte, speziell im Bereich der (jüdischen) Geschichte oder anderer Geisteswissenschaften, an die Hand geben. Das Erlernte kann sogleich angewendet werden, wenn die Ergebnisse auf der Plattform der Neuen Gallia-Germania Judaica veröffentlicht werden.

Solche Veranstaltungen sind wichtig, da spätestens 2020 das deutsch-französische Pilotprojekt im Verbund mit Partnern in Deutschland, Frankreich und Israel auf eine europäische Ebene, als »Judaica in Europa«, gehoben werden soll. Denn nur durch den Gewinn von Nachwuchsklassen und durch die Förderung von Forscher/innen im Bereich der mittelalterlichen jüdischen Geschichte in Westeuropa kann ein solches Projekt mittel- und langfristig getragen werden.

In Deutschland ist durch die Schoa die einstige Trägergruppe der alten Germania Judaica auf tragische Weise auseinandergerissen worden, wodurch der Nachwuchs ausblieb. In Frankreich sind durch mangelnde finanzielle Ausstattung der Hochschulen die effizienten akademischen Strukturen im Fach und damit auch die nötige Nachwuchsgenerierung seit den 80er-Jahren weggebrochen. Gerade für die Erschließung des ostfranzösischen Raums müssen geeignete Maßnahmen zur Nachwuchsförderung realisiert werden.

Für mehr Informationen: nggj.eu

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