Grossbritannien

Cool, soft, koscher

David Rokach verkauft als »Uncle Doovy« Eis – zu Schawuot lässt er es ruhig angehen

17.05.2018 – von Daniel ZylbersztajnDaniel Zylbersztajn

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Oh nein, es ist schon wieder geschmolzen«, sagt der Eisverkäu­fer, den im Norden Londons so ziemlich alle Juden kennen. Allerdings spricht er nicht vom Eis, sondern von einem Kabel, das von der extra starken Batterie zu sämtlichen Elektrogeräten im grün-weißen Wagen führt und alles mit Strom versorgt. Uncle Doovy, der mit bürgerlichem Namen David Rokach heißt, wirkt ein wenig frustriert: »Erst vor wenigen Tagen war ein Mechaniker zum Reparieren da – und jetzt ist die Kühlanlage schon wieder überhitzt.«

David lässt die Klappe des Kofferraums offen, wo die riesige Batterie steht, und hofft, dass in den nächsten Stunden alles gut geht mit seinem Eisverkauf an dieser ruhigen Straßenecke im Stadtteil Hendon. Geparkt hat er seinen bunt bemalten Lieferwagen neben einem roten Briefkasten der Royal Mail ganz in der Nähe einer jüdischen Grundschule.

Eines ist fast sicher: Zu übersehen ist Rokachs Eiswagen nicht. Grün, weiß, mit bunten Eisbildern und Eis schleckenden Bären. »Uncle Doovy’s Ice Cream« steht in großen Buchstaben über der Verkaufsluke. Heraus schaut David, in einem grün-gestreiften Polo-Shirt mit schwarzer Schürze und schwarzer Kippa. Er hält ein Eis in der Hand – so kennen ihn hier alle.

Er sei der Einzige in Europa, der mit einem Marktstand umherfährt und koscheres Eis verkauft, sagt der 57-Jährige über sich selbst. Und das an fast jedem Tag – außer am Schabbat natürlich.

Schabbat Es ist Freitag, 14.30 Uhr. David steht in seinem Wagen, die Theke ist geöffnet. »In einer Stunde geht’s los«, sagt er. Auch an einem Tag wie diesem, an dem es die Sonne nicht durch die dunklen Wolkenfelder schafft, werden die Kunden kommen. Bis etwa 16.30 Uhr heißt es für David: Hochbetrieb und Kindern sowie Eltern Eis verkaufen.

Später wird er noch ein paar Runden durch Golders Green drehen und dabei über den Lautsprecher den Titel »Venisgov« als Glockenmelodie spielen. Das Lied stammt von Mordechai Ben David, dem König der chassidischen Musik.

»Die Melodie verrät allen, dass ich komme und koscheres Eis bringe«, erzählt David. Er habe 40 jüdische Melodien für den Wagen anfertigen lassen, aber »Venisgov« sei diejenige, die inzwischen alle kennen würden. Wie wichtig sein grün-weißer Eiswagen für die jüdische Bevölkerung in Londons Norden ist, darauf lassen die ständigen Anrufe schließen. Jedes Mal, wenn jemand ihn auf seinem Handy zu erreichen versucht, ertönt eine weitere Melodie über den Lautsprecher.

Wenn er gerade keinen Kunden hat, geht er ans Telefon, und alle hören mit: »Hallo Doovy! Kommen Sie heute in unsere Gegend?«, fragt eine Frauenstimme. »Ich weiß noch nicht«, antwortet David, »aber ich werde es noch vor Schabbat versuchen – doch es könnte knapp werden.« So geht das vier- oder fünfmal. Schon stehen auch die ersten Kunden vor dem Wagen. David empfängt sie mit einem zufriedenen Lächeln.

»Einmal Vanille, und einmal Vanille mit Schokolade«, sagt ein etwa 15-jähriges Mädchen in blauer Schuluniform. David holt eine Waffel, hält sie unter eine Düse und zieht an einem Hebel. Das Softeis läuft wellig in die Waffel. David legt den Hebel zurück, steckt einen Keks auf das Eis und reicht es dem Mädchen. Die Teenagerin dankt kurz und knapp, zahlt und rennt über die Straße zu ihrer Mutter, einer charedischen Frau, die im Halteverbot auf ihre Tochter wartet.

Chalav Warum sie und andere Kunden bei Uncle Doovy’s kaufen, steht über der Fahrertür von Davids grünem Auto. Neben Bärchen-Bildern mit bunten Eiskugeln heißt es auf Hebräisch »Chalav Jisrael«. »Die Milch kommt nicht aus Israel«, sagt David. Es bedeute lediglich, dass alles koscher ist. Der ganze Wagen werde regelmäßig vom Londoner Beit Din inspiziert. Das Eis kommt – jedoch schon fertig abgepackt – vom koscheren Eishersteller Klein’s aus Brooklyn und wird für Uncle Doovy’s extra nach London verschifft.

Zwei Pfund (etwa 2,30 Euro) kostet ein Eis – das ist nicht gerade billig. »Doch davon kann man nicht leben – selbst wenn ich an einem heißen Tag Hunderte Kunden habe«, sagt David. »Die Winter sind einfach zu lang und die Sommer zu kurz – die Saison dauert nie länger als sechs Monate.« Er erzählt, dass er aufgrund seines früheren Berufs als Chef eines koscheren Supermarktes auf das, was er beim Eisverkauf einnimmt, nicht unbedingt angewiesen sei. »Was ich hier tue, soll nur dem einen dienen: Es soll Menschen glücklich machen – das reicht mir als Entlohnung. Es ist ein Job, der mich sehr zufrieden macht.«

Und obwohl die Branche so süß und cremig daherkommt: Wenn man David Glauben schenken darf, geht es im Eisgeschäft doch recht hart zu. »Da herrschen manchmal mafiaähnliche Verhältnisse«, verrät er. »Wenn andere meinen Eiswagen sehen und der Auffassung sind, ich sei in ›ihrem‹ Einzugsgebiet, dann drohen sie mir. Also packe ich meine Sachen und fahre woanders hin.« Erst im Februar wurde ein 33-jähriger Eisverkäufer aus der Gegend zu einer 30-monatigen Haftstrafe verurteilt, weil er einen anderen, der offenbar nicht in seinem eigenen Gebiet war, angegriffen und ihm das Fenster des Wagens eingeschlagen hatte.

Teenager Endlich ist die Schule aus. Vor dem Wagen versammeln sich immer mehr Kinder und Eltern, bis sich eine Schlange bildet. Zwei Jungen vertreiben sich die Zeit und singen die Erkennungsmelodie »Venisgov«.

Nicht allen verkauft David ausschließlich Eis. Manche wollen koscheres Slush, halbgefrorenes Trinkeis. Hin und wieder bestellen Eltern eine Cola oder einen Eiskaffee. Nebenher rattert der Kompressor vor sich hin. Das ist allerdings nicht das einzige Geräusch, denn manchmal quengelt auch die jüngere Kundschaft. Zum Beispiel, wenn eine Mutter ihrem weinenden Jungen partout kein Eis kaufen will und ihn vom Wagen wegzerrt. Das klingt vielleicht etwas streng, aber David hält das für korrekt. »Die Kinder müssen lernen, dass sie nicht immer ein Eis bekommen können, sondern dass dies etwas Besonderes ist.« Und das meint David ernst.

Er hat eine ganze Sammlung von Dankesbriefen, in denen er für das Eis gelobt wird. Manchmal stehen auch kleine Geschichten in den Briefen, in denen die Kinder erzählen, warum sie sich ein Eis aussuchen durften: weil ein Mädchen fleißig gelernt oder ein Junge sein Zimmer aufgeräumt hat. Manchmal aber auch nur so. Allerdings, sagt David, greift er selbst nicht mehr so oft zum Eis wie früher. Schließlich ist er nicht mehr der Jüngste und muss auf sein Gewicht achten.

Ob schlank oder mit einem kleinen Bauch: Der Kundschaft ist nur wichtig, dass es Uncle Doovy’s gibt. »Für mich und viele andere gehört David zum Freitagsritual«, sagt Aviva, Mutter zweier Söhne. »Uncle Doovy ist oft hier, wenn die Schule beendet ist. Da komme ich nicht umhin, Eis zu kaufen«, erzählt sie. Das Eis schmecke besser als das koschere aus dem Supermarkt.

Schawuot Zu Schawuot wird bei David kein großer Stress aufkommen, denn »an Feiertagen fahre ich den Wagen grundsätzlich nicht«, sagt er. Auch davor sei es eher normal. Sollte das Wetter allerdings gut sein, ist das etwas anderes – dann ist er immer unterwegs.

Doch manche Anwohner kommen nie oder nur spät zum Genuss, als habe all das etwas Verbotenes. David erinnert sich, wie er mit dem Eiswagen letztes Jahr zu einer jüdischen Veranstaltung nach Oxford fuhr. »Ein jüdischer Student bestellte etwas bei mir. Er erzählte, dass er aus der Gegend komme und sein Vater ihm als Kind nie erlaubt habe, Eis von mir zu kaufen. Nun, als Student, konnte er endlich nachholen, was ihm früher verboten war.«

Eine ganze Generation kennt Uncle Doovy’s, und inzwischen freut sich schon die nächste auf sein Eis, darunter auch Davids achtjähriger Enkel. »Wenn ich in der Nähe seiner Schule parke, platzt der Kleine vor Stolz«, erzählt David mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck.

Friedlich ist auch das Bild vor Davids Wagen – denn auf der Gartenmauer neben dem grünen Bus sitzen Eltern mit ihren Kindern und schlecken entspannt ihr Eis. Inzwischen hat sich sogar die Sonne blicken lassen. »Ich habe nicht vor, meinen Job an den Nagel zu hängen, und werde weitermachen, solange ich kann«, versichert David – vorausgesetzt, der Mechaniker behebt endlich das Problem mit dem Kabel.

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