Jerusalem

»Gemeinsam die bessere Stadt bauen«

Menachem Klein über Juden, Araber und sein neues Buch »Jerusalem – geteilt, vereint«

10.05.2018 – von Ayala GoldmannAyala Goldmann

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Herr Klein, am Montag wird die US-Botschaft auf Initiative von Präsident Donald Trump nach Jerusalem umziehen. Sie lehren zurzeit am King’s College in London. Bedauern Sie, dass Sie jetzt nicht in Jerusalem sind?
Ich bin sehr froh, nicht dort zu sein, wenn Trump kommt. Denn man wird sich in der Stadt überhaupt nicht mehr bewegen können. Alle amerikanischen Präsidenten, die bisher nach Israel kamen, haben Jerusalem lahmgelegt. Von mir aus können sie in Zukunft Tel Aviv besuchen.

Also wäre es Ihnen lieber, wenn die US-Botschaft nicht umziehen würde?
Absolut. Für die Bürger von Jerusalem wäre das viel praktischer.

Sie beginnen Ihr gerade erschienenes Buch »Jerusalem – geteilt, vereint« mit einer Beschreibung des Einkaufsviertels Mamilla gegenüber der Altstadt und beschreiben, wie Juden und Araber sich dort bewegen, fast ohne sich wirklich zu begegnen. Würden Sie sagen, dass das typisch ist für die heutige Realität in Jerusalem?
Das ist eine Beschreibung, die auf die Jahre 2010 bis 2012 zutrifft. Heute gehen mehr Araber als damals in Modegeschäfte oder sitzen in der Bäckerei »Roladin« – es gibt keine völlige Trennung. Auch im Einkaufszentrum in Malcha sieht man heute mehr arabische Jerusalemer als früher.

Was hat sich in den vergangenen Jahren geändert?

Es hängt unter anderem davon ab, ob es Terroranschläge gibt. Nach jedem Messer- oder Schussangriff verstecken sich die arabischen Angestellten, die in Mamilla arbeiten, in den Läden – das hat mir meine Tochter erzählt, die selbst dort gearbeitet hat. Die jüdischen Angestellten helfen ihnen häufig, das Viertel zu verlassen, denn es ist schon zu Versuchen von Lynchjustiz gekommen. Nach solchen Vorfällen erscheinen die arabischen Angestellten oft tagelang nicht bei der Arbeit, und arabische Kunden betreten lieber keine Geschäfte von Juden. Auch am Jerusalemtag (Jom Jeruschalajim), an dem eine nationale jüdische Atmosphäre und Anspannung herrscht, gibt es wenig soziale Interaktion zwischen Arabern und Juden.

Sie schreiben in Ihrem Buch, bis 1948 sei das anders gewesen – und sprechen sogar von einer gemeinsamen lokalen Identität, die Juden und Araber verbunden habe. Aber auch damals herrschte doch keine Idylle …
Meine These ist, dass es einen gemeinsamen Lokalpatriotismus von Juden und Arabern gab, schon bevor das britische Mandat über Palästina begann. Die große Tragödie ereignete sich, als beide Nationalbewegungen, die jüdische und die arabische, sich für einen exklusiven Patriotismus entschieden und exklusive Ansprüche auf dasselbe Territorium erhoben. Das war ein längerer Prozess, das geschah nicht von einem Tag auf den anderen, und dieser Prozess endete im Jahr 1948.

1948 wurde Jerusalem geteilt, 1967 eroberte Israel die Altstadt und den Ostteil von Jordanien. Sie beschreiben drastisch, wie Sie als 15-Jähriger den Sechstagekrieg miterlebt haben und in Ihrem Zimmer Schrapnelle und Mörsergranaten entdeckten, als Sie zurück in die Wohnung kamen.
Ja, bis heute bewahre ich die Kugeln und die Teile der Granaten auf meinem Schreibtisch in Jerusalem auf. Ich weiß, was Krieg ist. Ich habe auch während beider Intifadas in Jerusalem gelebt, in der Zeit der explodierenden Autobusse.

Haben die Erlebnisse von 1967 Sie dazu gebracht, für Frieden einzutreten und sich später der Genfer Friedensinitiative anzuschließen?
Nein. Was mich viel stärker beeinflusst hat, war der Besuch des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat 1977 in Jerusalem. Ich war als Soldat mehrmals im Sinai, auch 1973 im Jom-Kippur-Krieg, und ich habe gesehen, wie meine Freunde getötet wurden. Vier Jahre später habe ich in Jerusalem in der Keren-Hayesod-Straße gewohnt, gegenüber dem King-David-Hotel. Und als Sadat kam, habe ich von meiner Wohnung aus gesehen, wie die ägyptische Fahne von dem Hotel wehte. Nur ein paar Dutzend Meter von meinem Haus entfernt! Vier Jahre nach dem Krieg wurde der Frieden mit Ägypten geschlossen.

Mit den Palästinensern gibt es bisher kein Abkommen. Fast 18 Jahre nach dem Scheitern des Gipfels von Camp David im Jahr 2000 wird immer noch darüber gestritten, wer daran Schuld hatte. Sie waren dabei, als Berater des israelischen Teams für die Jerusalem-Frage. Was sagen Sie?
Alle waren schuld. Die Amerikaner, die Palästinenser, die Israelis. Niemand kann behaupten, er habe keinen Anteil daran. Aber der entscheidende Grund des Scheiterns war der Streit um den Tempelberg. In einer bestimmten Phase der Gespräche hat Israel gefordert, auf dem Tempelberg eine Stätte einzurichten, wo Juden beten können. Ab diesem Punkt begann der Zusammenbruch der Gespräche – obwohl die Israelis ihre Forderung danach wieder zurückgenommen haben, und obwohl der damalige Ministerpräsident Ehud Barak den Palästinensern viel stärker entgegengekommen ist, als Yitzhak Rabin es zuvor jemals getan hatte.

Sie erwähnen in Ihrem Buch eine wichtige demografische Tatsache: 1967 waren 25 Prozent der Bewohner Jerusalems Araber, 2009 schon 36 Prozent …
… heute sind es fast 40 Prozent.

Von den etwa 300.000 Arabern in Ost-Jerusalem besitzen nur etwa 20.000 die israelische Staatsbürgerschaft. An der Wahl des Stadtrats können aber alle Bürger Jerusalems teilnehmen. Was erwarten Sie für die nächste Wahl im Oktober 2018?
Ich denke, es wird beim Boykott der Wahl durch die meisten arabischen Bürger bleiben. Die palästinensische Führung wird bestimmt kein »Koscher-Siegel« für eine Wahlbeteiligung ausstellen. Außerdem ist der Anteil der Araber an der Wählerschaft viel niedriger als 40 Prozent. Die palästinensische Bevölkerung ist sehr jung, der Anteil von Menschen unter 18 Jahren ist außerordentlich hoch. Und es gibt keine jüdisch-israelische Partei, die eine gemeinsame Liste mit arabischen Kandidaten aufstellen würde. Nicht einmal die Linkspartei Meretz ist dazu bereit. Und es gibt auch keine »Ost-Jerusalemer« Liste von arabischen Kandidaten.

Wenn man die demografische Entwicklung betrachtet, läuft es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf eine arabische Mehrheit in Jerusalem hinaus?
Die Politik, Jerusalem jüdischer zu machen, ist gescheitert. Jerusalem ist de facto eine binationale Stadt. In den vergangenen drei bis vier Jahren hat sich diese Erkenntnis auch in breiteren Kreisen durchgesetzt. Jetzt gibt es Diskussionen über »geografische Konstrukte«, so nenne ich das – also darüber, arabische Nachbarschaften aus dem Jerusalemer Stadtgebiet auszugliedern, ihre Bewohner nicht mehr mitzuzählen und dafür jüdische Bewohner aus Gusch Etzion und anderen Siedlungen und Vierteln im Großraum Jerusalem mitzurechnen. Was gesetzlich allerdings nicht geht, ist, Gebiete von Israel ohne Volksabstimmung an eine andere Autorität abzutreten. Also denkt man darüber nach, arabische Viertel Jerusalems einer noch zu schaffenden neuen munizipalen Behörde zu unterstellen. Man will einfach anders rechnen. Ich sehe darin aber nur einen Versuch, sich die Lage schönzureden. Wir leben in einer binationalen Stadt, das ist die Realität.

Wie sollte Jerusalem, wie sollte Israel damit umgehen?
Wir haben ein großes Problem. Im selben geografischen Raum leben zwei Bevölkerungsgruppen, die einen unterschiedlichen rechtlichen Status haben. Das kann nicht über einen sehr langen Zeitraum hinweg funktionieren. Hier helfen keine geografischen Tricks. Und diese Erkenntnis hat sich mittlerweile auch bei den gemäßigten Rechten durchgesetzt. In Jerusalem leben zwei unterschiedliche Ethnien, die unterschiedliche Sprachen sprechen und unterschiedliche Feste feiern. Entweder muss es eine völlige Gleichstellung beider Gruppen geben, und damit eine offizielle Anerkennung der Binationalität, oder eine Zweistaatenlösung.

Sie zitieren in Ihrem Buch Amos Oz, der Jerusalem als die »depressive Hauptstadt eines fröhlichen Landes« bezeichnet hat. Was sagen Sie dazu – als geborener Jerusalemer?
Vor 1967 hat diese Beschreibung sicherlich zugetroffen. Damals war Jerusalem eine traurige Stadt. Amos Oz hat das in »Mein Michael« und speziell auch die 50er-Jahre auf großartige Weise in seinem Buch »Judas« beschrieben. Jerusalem hat im Krieg von 1948 schrecklich gelitten. Nach 1967 herrschte eine riesige Euphorie, und die Stadt wurde zu einem Ort, wo Hippies mit der Gitarre in der Altstadt auf den Mauern saßen und es unglaubliche Kifferpartys gab, mit Gras aus dem Westjordanland und aus dem Ausland. Es war eine einzige riesige Party. Aber schon der Jom-Kippur-Krieg 1973 war ein Einschnitt, und gegen Ende der 70er-Jahre und spätestens mit der ersten Intifada 1987 war die Party vorbei. Heute ist Jerusalem eine tägliche Kampfarena. Manche Tage sind normaler, und die Spannung ist nur latent. Aber der Konflikt kommt sehr leicht wieder zum Ausbruch. Ich habe bis heute viele Freunde in Tel Aviv, die mich in Jerusalem nicht besuchen wollen. Jerusalem ist hart, nicht »easy going«, und sogar die Körpersprache der Menschen dort ist spannungsgeladener als anderswo.

Sie werden nach Ihrem Sabbatical nach Jerusalem zurückkehren. Was vermissen Sie, wenn Sie im Ausland sind?

Ich muss sagen, dass es sehr hilfreich ist, ab und zu nicht in Jerusalem zu sein. Man bekommt eine andere Perspektive. In London sind die Menschen viel ruhiger. Und sogar die Hunde sind nicht aggressiv. Jerusalem ist mein Forschungsgebiet und mein Arbeitsfeld, ich beschäftige mich mit der Politik, ich bin dort geboren. Ich vermisse meine Familie und meine Freunde, aber die Stadt an sich vermisse ich nicht. Ich kenne viele Jerusalemer, die weggezogen sind, auch Politiker. Wie Ehud Olmert, der früher Bürgermeister von Jerusalem war. Der wohnt jetzt in Motza.

Möchten Sie mit einem positiven Satz über Jerusalem schließen?

Jerusalem hat ein unglaubliches Potenzial. Wenn ein Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern zustande käme, würde diese Stadt aufblühen. Die Beziehungen zwischen Juden und Arabern könnten sich normalisieren, und auf zwischenmenschlicher Ebene wäre das definitiv möglich. Denn die Ost-Jerusalemer kennen die Israelis besser als alle anderen Palästinenser. Sie sehen weniger Soldaten und Polizisten als im Westjordanland. Jerusalem könnte die Stadt werden, wo die Beziehungen zwischen Juden und Arabern besser funktionieren als anderswo. Hier ist der Ort, an dem wir gemeinsam eine andere und bessere Stadt aufbauen können.

Mit dem Professor für Politische Wissenschaften an der Bar-Ilan-Universität sprach Ayala Goldmann.

Menachem Kleins Buch »Jerusalem – geteilt, vereint: Araber und Juden in einer Stadt« erscheint im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp, 317 S., 26 €.

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