Jerusalem

Von Gott erwählt

Trotz Kriegen und Zerstörungen sollen wir die Heilige Stadt nie vergessen

10.05.2018 – von Rabbiner Salomon Almekias-SieglRabbiner Salomon Almekias-Siegl

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Der besondere Status, die Heiligkeit Jerusalems liegt in ihrer Erwählung durch Gott begründet – wie wir im 5. Buch Mose lesen: »Die Stätte, die der Herr, euer Gott, erwählen wird aus allen euren Stämmen, dass Er seinen Namen daselbst wohnen lässt, sollt ihr aufsuchen und dahin kommen« (12,5).

In Jerusalem ließ Gott sein Haus, den Tempel, erbauen, in dem sein Geist wohnt. Diese Verbindung zwischen Gott und der Stadt bezieht sich nicht nur auf das himmlische, spirituell verstandene Jerusalem, sondern schließt auch das irdische Jerusalem ein, so wie wir heute die Stadt kennen und mit unseren Augen sehen.

Allerheiligstes
Der »Touch« zwischen Himmel und Erde vollzieht sich im innersten Bezirk des Tempels, im Allerheiligsten. Der Talmud (Baba Batra 99a) erzählt uns, dass sich das Allerheiligste von allem unterschied, was dem Menschen bis dahin bekannt und vorstellbar war. Der Schrein und die Cherubim (Engel von hohem Rang) hatten zwar dort ihren Platz, aber in ihrer wahren Realität und Identität waren sie dem menschlichen Auge entzogen und nicht wahrnehmbar. Die Cherubim und der Schrein waren als Gabe des Ewigen nicht von dieser Welt, ihnen war eine andere Form von Realität zu eigen als die der sonst gegenständlichen Welt.

Und genau hier, im Allerheiligsten, kommen die Welten zueinander, spirituelle und materielle, berühren sich himmlische und irdische Welt. Um diesen Mittelpunkt, den Nabel der Welt, legen sich wie konzentrische Kreise der Tempelberg, die Stadt Jerusalem und das ganze Land Israel. Das Allerheiligste steht auch für das schöpferische Zentrum der Welt. Dort befindet sich die Quelle, aus dem die ganze Schöpfung ihr Wasser, ihr Leben bezieht (Talmud, Joma 54b). Und die Midraschim erzählen, dass Gott auch von diesem Ort den Urstoff, den Staub nahm, aus dem er den ersten Menschen schuf (Midrasch Tehillim 92).

Auch betonen Stellen aus dem Traktat Awot (5,5) die Besonderheit des Ortes, wenn sie von zehn Wundern erzählen, die sich im Tempel ereigneten. Dort heißt es unter anderem: Eine schwangere Frau verlor ihr Kind nicht, obwohl sie den Geruch eines dargebrachten Opfers einatmete. Ein Opfer wurde dargebracht, aber es entstand kein Geruch. Man erblickte erstaunlicherweise keine einzige Fliege im Schlachthof. In Jerusalem sah man niemals Schlangen und Skorpione.

augapfel Im Traktat Sukka (32,2) steht geschrieben, dass sich der Eingang der Gehinom, der Hölle, in der Nähe des Ortes befindet, der Himmel und Erde verbindet. Ihn vergleichen unsere Weisen auch mit einem Augapfel. Das Auge ist das einzige Organ, dessen Nerv direkt mit dem Gehirn verbunden ist. Die Pupille ist das Empfangsorgan, das die Eindrücke aus der Außenwelt aufnimmt und in das Innere des Menschen weiterleitet.

Genau diese Funktion kommt Jerusalem als Auge der Welt zu. Die Stadt Gottes bildet die Passage, den Transformator, um die Kommunikation zwischen oberer und unterer, zwischen himmlischer und irdischer Welt herzustellen. Jerusalem als die Pupille im Auge der Welt zeichnet höchste Schmerzempfindlichkeit aus. Sie ist das Tor des Himmels, durch das Spirituelles und Physisches zueinander kommen. Deshalb beten wir in Richtung der Tore Jerusalems, in Richtung des Tempels, von dem aus unsere Gebete in den Himmel aufsteigen. Das Geschehen, das sich in Jerusalem ereignet, kann sich als sehr bedeutsam für die ganze Welt erweisen.

Die im Allerheiligsten stattfindende Verbindung zwischen der oberen und unteren Welt stellt eine Art spiritueller Bewässerung dar, die die Stadtteile Jerusalems erreicht, samt ihren Häusern und Bewohnern. Sogar ihren Steinen und vertrockneten Dornen kommt sie zugute.

Strahlkraft In der Tat – die Steine Jerusalems leuchten anders, und die Dornen sind aus Gold. Sie ist die schönste Stadt der Welt. Ihre Schönheit kommt nicht von außen. Diese Stadt verdankt ihre Schönheit einem inneren Leuchten, einer Strahlkraft, die sie aus ihrer Heiligkeit, ihrer einzigartigen Verbindung mit dem Ewigen bezieht. Hierbei handelt es sich um die gleiche Art von Licht, wie wir es von Mosche kennen.

Der Midrasch zu Schemot, dem 2. Buch Mose, erzählt uns: Als Gott die Tora zu Ende geschrieben hatte, reinigte er seine Schreibfeder in Mosches Haar. Daraufhin erstrahlte sein Angesicht derart von Licht, dass alle, die ihn anblickten, geblendet wurden. So wie die Midraschim und der Talmud mit ihren Erzählungen die Stadt Jerusalem in ihrer unvergleichlichen Schönheit erstrahlen lassen, meint man auch heutzutage, nichts Schöneres anschauen zu können als Jerusalem in einem stillen, uralten Zwiegespräch mit der es umgebenden Landschaft. Alles, was bisher über Jerusalem gesagt wurde, wiegt mehr als das, was vom ganzen Land Israel zu sagen wäre.

Jerusalemtag Jom Jeruschalajim, der »Jerusalemtag«, der in diesem Jahr auf den 13. Mai fällt, feiert diese herausgehobene Bedeutung der Stadt, von der wir schon im Hohelied eine Ahnung bekommen. Dort heißt es: »Ich bin das Narzisslein des Scharon« (2,1).

Dieser Feiertag hat nicht die Zerstörung oder den Wiederaufbau Jerusalems zum Anlass. Vielmehr bringen wir zu Jom Jeruschalajim unsere Freude und Dankbarkeit über die Existenz dieser Stadt zum Ausdruck. Wir freuen uns, dass es diese besondere Stadt überhaupt gibt, dass wir mit ihr in dieser Welt einen Ort haben, an dem sich Irdisches mit Himmlischem verbindet. Jom Jeruschalajim ist ein relativ junger Feiertag im jüdischen Kalender: 1968 legte die Regierung Israels ihn auf den 28. Ijar. Doch erst 1998 beschloss die Knesset, den Jerusalemtag als nationalen Feiertag einzuführen.

Trotz aller Zerstörungen, Kriege und Kränkungen, die diese Stadt erlitten hat, können wir Jerusalem nicht vergessen. Sie ist immer noch ein Ort des Segens und die Stadt eines Königreichs. In unseren Quellen wird sie mit einer Dattel verglichen. Der Prophet Jesaja schreibt: »Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid« (66,10).

Die Zerstörung des Tempels gibt uns Grund, um die Stadt zu trauern, aber noch viel mehr sollen wir sie lieben – nicht nur wegen ihrer geschichtsträchtigen und heiligen Orte, sondern als Ganzes, aus Steinen und Zäunen gebaut, mit all ihren Bewohnern in ihrer Vielfalt und Eigenheit. Wir sollen Jerusalem lieben, weil es ein einzigartiger, von Gott erwählter Ort ist. Aus diesem Grund freuen wir uns über diese Stadt und feiern sie – Jerusalem auf Erden und im Himmel!

Der Autor ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) und war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

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