Würzburg

Eine jüdische Kindheit

Zentralratspräsident Josef Schuster spricht mit Ex-Bürgermeisterin Pia Beckmann über eigene Erfahrungen und das Judentum in Deutschland

03.05.2018 – von Gisela BurgerGisela Burger

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Daran, dass in Würzburg der Lebensweg eines der großen Dichter Israels begann, hat die Stadt in den vergangenen Tagen und Wochen mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert. Denn die Aktion »Würzburg liest ein Buch« drehte sich in diesem Jahr um den Roman Nicht von jetzt, nicht von hier, dessen Autor Jehuda Amichai 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg geboren wurde. Wie der Held Joel in dem 1961 erschienenen Buch besuchte der Schriftsteller 1959 einige Wochen lang seine Geburtsstadt. Ebenso wie Joel am Schluss des Romans entschied sich Amichai für Israel als seine Heimat und besuchte Würzburg zwar mehrmals, aber immer nur eine kurze Zeit lang.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken, nahm den umgekehrten Weg. Er wurde 1954 in Haifa geboren, und seine Eltern und Großeltern kehrten mit dem damals Zweijährigen 1956 dauerhaft in die Region Unterfranken zurück, aus der sie 1938 emigriert waren.
Seit er acht Jahre alt war, begleitete Schuster seinen Vater zu den Gedenkfeiern in Dachau.

Als Kind erlebte Josef Schuster somit das Würzburg zu der Zeit, wie es Jehuda Amichai in seinem Werk schildert. Mit Würzburgs ehemaliger Bürgermeisterin Pia Beckmann, einer promovierten Germanistin, sprach Schuster im Rahmen der Aktionswoche zu Ehren Amichais über seine Kindheit, jüdisches Leben in Deutschland damals und in der heutigen Zeit.

Kamingespräch Mehr als 100 Gäste hörten dem »Kamingespräch« am vergangenen Donnerstag im Gemeinde- und Kulturzentrum Shalom Europa in Würzburg zu. »Wir sitzen hier im David-Schuster-Saal, der nach Ihrem Vater benannt ist«, erinnerte Pia Beckmann zu Beginn der Unterhaltung. David Schuster hatte die Gemeinde, die bei seiner Ankunft 42 Mitglieder zählte, maßgeblich mit aufgebaut und den Bau des heutigen Gemeindezentrums vorangetrieben. Bewusst hatten sich die Eltern und Großeltern von Josef Schuster dafür entschieden, nach der Schoa als Juden in Würzburg und in Deutschland zu leben.

Welche ersten Erinnerungen er an seine Kindheit habe, fragte Beckmann. Eigentlich positive, sagt Schuster, der in der Würzburger Innenstadt eine Arztpraxis hat. Wie bei den meisten Menschen beginnen auch seine Erinnerungen mit der Zeit der Einschulung. Sein Elternhaus lag in der Huttenstraße, und er besuchte die Schillerschule, die es noch heute gibt. Sein Vater hatte sich den Immobilienbesitz der Familie in Bad Brückenau restituieren lassen und war beruflich mit der Verwaltung und dem Erhalt der Gebäude beschäftigt.

Fischessen »Bei Kindergeburtstagen habe ich als Gast beim Wurstschnappen anstatt Würstchen oft Tüten mit Erdnüssen bekommen«, erinnert sich Josef Schuster. Davon abgesehen sei er ein Gast wie andere auch gewesen. Einerseits ließen seine Eltern ihn bewusst als Kind unter vielen aufwachsen, das wie die nichtjüdischen Kinder um ihn herum integriert war.

»Andererseits wurde ich in einem bewusst jüdischen Elternhaus groß«, erzählt Schuster. Regelmäßig besuchten seine Eltern und er die Synagoge. »Nach dem Gottesdienst gingen wir oft in die Stadt und aßen in einem Restaurant Fisch oder etwas Vegetarisches, auch wenn es die Meinung gibt, dass man am Schabbat kein Geld ausgeben darf«, erzählt Schuster. Seine Eltern bekannten sich zum Judentum und zum jüdischen Glauben, ohne sich abzukapseln.

Was der Familie in Deutschland und von Deutschland während der NS-Zeit angetan worden war, hätten sie nicht ausgeblendet, aber auch nicht ausschließlich zum Thema gemacht. So nahm Vater David Schuster jedes Jahr an der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers Dachau teil, in dem er 1937 für einige Monate inhaftiert war. Seinen Sohn nahm er ab dem achten Lebensjahr zu dem Termin mit. »Für meine Mutter, deren Eltern in Auschwitz ermordet worden waren, war auch manches schwierig«, sagt Josef Schuster.

Werte Zum gelebten Miteinander von Juden und Christen in Deutschland befragt, bezeichnet der Präsident des Zentralrats das Verhältnis zwischen dem Judentum und den beiden großen christlichen Kirchen als weitgehend ungestört. Die Werte, die ihre beiden Religionen vertreten, seien die gleichen, sagt Josef Schuster. »Jesus hat auch eine Kippa getragen«, verweist er auf die Herkunft des Christentums.

Er denke, dass der Islam ebenfalls die gemeinsamen Werte von Christentum und Judentum vertritt, und dass es islamische Gemeinden in Deutschland gibt, die in das demokratische Spektrum in Deutschland passen. »Es gibt aber auch Gemeinden, in denen das nicht geschieht.« Der Zentralrat der Muslime vertrete insgesamt nur zwei Prozent der islamischen Gemeinschaften in Deutschland. Dadurch sei das Miteinander von Juden und Muslimen deutlich schwieriger.

»1996 haben Sie hier in dieser Gemeinde die Nachfolge Ihres Vaters in der Gemeindeleitung angetreten. Hat Sie nichts zweifeln lassen, dass Sie das tun wollen?«, fragt die ehemalige Bürgermeisterin Josef Schuster nach seinem damaligen Entschluss zum ehrenamtlichen Engagement. Dieser Schritt führte letztlich zu seinem heutigen Amt als Zentralratspräsident.

Präsidentenamt Anders als sein Vater habe er lange gezögert, sagt Schuster. Von Kindheit an bekam er den damit verbundenen Aufwand aus nächster Nähe mit. »Lange dachte ich, mit einer Praxis ist das nicht zu schaffen.« Andererseits sei er mit dem »Virus jüdischer Gemeindearbeit« aufgewachsen.

Seine Erfahrungen, als jüdischer Amtsträger in der Öffentlichkeit zu stehen, sind reichhaltig. Zu seiner Warnung, in Metropolen als Einzelperson keine Kippa zu tragen, sagt Schuster, dass dies keine Bankrotterklärung sei. Der Anteil der Menschen in Deutschland mit antisemitischen Ressentiments sei mit 20 Prozent hoch, aber seit Jahrzehnten konstant. »80 Prozent haben keine antisemitischen Ressentiments«, betont er.
Antijüdische Äußerungen werden verkannt und nicht beantwortet, sagt Josef Schuster.

Das eigentliche Problem sieht Schuster in der wachsenden Toleranz gegenüber antijüdischen Äußerungen und dem Verkennen, dass diese eine Gefahr für die Werte der Demokratie insgesamt sind. »Die rote Linie in unserer Gesellschaft ist hier eindeutig verschoben worden«, sagt Josef Schuster. Er wünscht sich, dass mehr Menschen bei antisemitischen Äußerungen aufbegehren und damit ein Zeichen setzen würden, dass sie diese nicht unterstützen, indem sie sie schweigend hinnehmen. »Besonders im kleinen Umfeld ist dies wichtig und möglich«, lautet Schusters Appell.

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