Tel Aviv

Das Café mit der Hausnummer 70

Jahrzehntelang war das »Mersand« eine Kaffeehaus-Institution der Jeckes. Nun steht es vor dem Aus

27.04.2018 – von Lissy KaufmannLissy Kaufmann

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Von den echten Jeckes ist im Café Mersand nur noch die Erinnerung geblieben. Dabei war das hier einst eine Institution deutscher Kultur, mitten in Tel Aviv, auf der Ben-Jehuda-Straße, nur wenige Meter vom Strand entfernt. Hier trafen sich die Jeckes, die deutschen Einwanderer in Israel, erinnert sich Boaz Tregerman.

Lässig gekleidet, in grauem Shirt, Jeans und Sneakern, sitzt der heutige Cafébetreiber an diesem sonnigen Wintertag bei fast 20 Grad im Außenbereich des Cafés. Es ist gleich hab elf, genau die Zeit, zu der die deutschen Damen früher immer kamen. »Es war eine feste Gruppe von zwölf Frauen, einige davon waren echte Jeckes. Und jeden Tag Punkt 10 Uhr 30 waren sie hier«, erzählt der 48-Jährige. »Sie haben alle in der Nähe gewohnt, das war eine deutsch geprägte Gegend hier. Manche Frauen kamen mit dem Rollator, manche brachten ihre philippinischen Pflegerinnen mit. Sie haben Kaffee getrunken, oder Orangensaft, haben Deutsch miteinander gesprochen. Dann gingen sie wieder.«

Sogar einen Besuch des deutschen Talkmasters Günter Jauch vor einigen Jahren bescherten die Damen dem Café, nachdem eine deutsche Journalistin über sie berichtet und in ihrem Artikel geschrieben hatte, dass die Seniorinnen große Jauch-Fans sind und keine Folge von Wer wird Millio­när? verpassen. »Eines Tages rief Jauch dann hier bei mir an, war sehr gerührt und wollte die Damen überraschen«, erinnert sich Tregerman. »Ich habe gesagt: ›Bloß nicht! Die sind zu alt für solche Überraschungen. Ich kündige Sie an.‹ Die Frauen waren aus dem Häuschen, und einige Zeit später tauchte Jauch mit seiner Frau dann tatsächlich hier auf. Die Damen haben sich extra schick gemacht, ihre schönsten Blusen und ihren Goldschmuck getragen.«

touristenattraktion Medien berichteten darüber, das Café Mersand samt den deutschen Damen wurde kurzzeitig zur Touristenattraktion. Sogar Reisebusse hätten hier kurz gehalten, um ihre Insassen einen Blick ins Café werfen zu lassen, sagt Tregerman. Doch seit gut vier Jahren kämen die Frauen nicht mehr.

Mittlerweile ist die Gegend rund um die Rechov Frishman französischer geworden. Viele Einwanderer aus Frankreich haben in dem Viertel Wohnungen gekauft oder gemietet, im Sommer sind wegen der Strandnähe etliche Touristen unterwegs. Am Tisch neben Boaz Tregerman sprechen an diesem Vormittag zwei Männer Mitte 60 Französisch miteinander. Auf Englisch bestellen sie starken schwarzen Kaffee. Richtige Jeckes kämen so gut wie nicht mehr her, sagt Tregerman. »Wir lieben die französischen Gäste. Aber natürlich ist es nicht mehr so wie früher. So ist das eben, die Stadt verändert sich.«

Nur das Café Mersand selbst, am Eck zur Frishman-Straße gelegen, ist bislang gleich geblieben: die dunkle Holzvertäfelung im Innern, das beigefarbene Telefon mit Wählscheibe, die Kuchenvitrine neben der Tür, die alten, niedrigen Hocker und Holztische, sogar die Preistafel an der Wand hat sich nicht verändert. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre, damals, als Sarah und Walter Mersand im Jahr 1955 das nach ihnen benannte Café eröffneten.

wien »Walter stammte aus Wien, er kam noch vor dem Holocaust nach Israel, arbeitete erst in einem anderen Café und eröffnete dann mit dem Ersparten dieses hier. Er war immer tipptopp gekleidet, bediente in Weste und Krawatte«, erzählt Tregerman, der Bilder von damals gesehen hat. Einige Bilder von früher hängen heute im Café.

Dieser vornehme Kleidungsstil könnte ein Grund dafür sein, warum Einwanderer aus dem deutschen Sprachraum Jeckes genannt wurden, erklärt Ruthi Ofek, die Direktorin des Jecke-Museums Tefen im Norden Israels. Ofek ist selbst in Österreich geboren, kam mit ihren Eltern in den 50er-Jahren nach Israel und spricht fließend Deutsch – mit leichtem österreichischen Akzent.

»Jecke wurden sie schon Anfang des 20. Jahrhunderts genannt, als sie nach Polen und in andere slawische Länder ausgewandert sind. Dort fand man ihre kurze Jacken merkwürdig. Polnische Juden trugen lange, schwarze Mäntel«, erklärt Ofek. Das Wort könnte aber auch vom rheinischen »Jeck« kommen: Narr. Andere sehen Jecke als Akronym des hebräischen »Jehudi kashe havana« – ein Jude, der schwer von Begriff ist.

»Das ist eher humorvoll, sarkastisch zu verstehen«, meint Ofek. Denn ein Jecke gilt als kompliziert, als einer, der alles sehr genau nimmt und der nicht besonders dreist ist. »Einst war das ein Nachteil, heute ist es eher ein Vorteil«, sagt die 68-Jährige. »Vor 30 Jahren noch war Jecke ein Schimpfwort. In den letzten Jahren aber hat man hier erkannt, dass der Weg, die Art der Jeckes vielleicht ja doch nicht so falsch waren.«

museum Das Museum, das einst in der Jecke-Stadt Naharija gegründet wurde und seit 1991 seinen Standort nach Tefen in Galiäa verlegte, zeigt die Geschichte der deutschsprachigen Juden und wie sie Israel mitgeprägt haben. »Sie führten das Versicherungssystem ein, brachten den Bauhausstil mit und Psychiater, die es vorher hier nicht gab«, erzählt Ruthi Ofek. »Sie gründeten Schulen, die sehr pluralistisch waren. Auch Araber durften dort lernen, selbst an den frommen Schulen.«

Viele deutschsprachige Juden seien nicht aus zionistischen Gründen gekommen. Sie hätten vor allem in den größeren Städten weiterhin Deutsch gesprochen. So ist die Rechov Ben Jehuda, wo das Café Mersand liegt, noch heute bei den Jeckes als »Ben-Jehuda-Straße« bekannt. Und das Lexikon der Jeckes, ein Buch, das die deutschen Einflüsse auf die hebräische Sprache schildert, trägt im Hebräischen den Titel Lexikon Ben-Jehuda-Straße.

»Mein Vater hat bis zu seinem Tod kein Hebräisch gelernt«, sagt Ruthi Ofek. Deutsch wurde zu Hause gesprochen, nicht in der Öffentlichkeit, das war nicht gern gesehen. »Noch heute spreche ich leise, wenn mich auf dem Handy unterwegs jemand aus Deutschland anruft.«

hebräisch Mit ihren eigenen drei Kindern hat Ruthi Ofek deshalb nur Hebräisch gesprochen. »Ich hatte genug davon, das Deutsche immer zu verstecken. Wenn mein Sohn aber zu seinem siebenjährigen Sohn heute sagt: ›Itay, al taase Schweinerei‹, also ›Mach keine Schweinerei‹, dann weiß ich, dass doch etwas hängen geblieben ist.«

Als Tregerman das Café 2005 übernahm, wollte er den biederen mitteleuropäischen Kaffeehaus-Stil genau so lassen und nichts daran ändern. »Damals führte Miki, der Sohn von Walter und Sara, das Café, wurde aber schwer krank. Seine Frau suchte einen Nachfolger. Ihre einzige Bedingung war, dass ein Schild bleiben sollte mit dem Aufdruck ›1955 bis 2005, Café Mersand‹. Ich habe gesagt, das brauchen wir nicht. Ich lasse alles, wie es ist.«

Auch der Name blieb. Denn Tregerman kannte das Café seit seiner Jugend. »Ich bin in der Nähe zur Schule gegangen. Wenn wir geschwänzt haben und zur Matinee-Vorstellung ins Kino gingen, kamen wir hinterher hier vorbei und haben etwas gegessen«, erzählt er. »Die Leute haben es sehr geschätzt, dass ich nach der Übernahme alles so gelassen habe.« Heute allerdings wüssten nur noch wenige Gäste, was es mit der Geschichte des Cafés auf sich hat.

wifi An diesem Vormittag wirken die Cafébesucher wie in fast jedem anderen Tel Aviver Café. Nur drinnen sitzen zwei Senioren an getrennten Tischen: Ein kleiner, weißhaariger Mann liest Zeitung, den Kopf dicht zum Tisch gebeugt, eine ältere Frau telefoniert und trinkt nebenher Kaffee, ihren Gehstock hat sie an die holzvertäfelte Wand gelehnt.

Draußen aber bietet sich das typische Bild: eine Studentin, die lernt, einige Touristen, junge Gäste, die plaudern und auf ihre Handys starren, ein Dreiergrüppchen, das zusammen am Laptop arbeitet und diskutiert. Das sind Cafés in Tel Aviv heutzutage vor allem geworden: Orte, an denen Freischaffende arbeiten, um aus ihren eigenen vier Wänden herauszukommen. So hat auch das Café Mersand heute ein Schild mit dem Wifi-Code aufgehängt.

Tregerman mag das gar nicht gerne. »Die Idee ist doch, ins Café zu gehen und andere Leute zu treffen, sich auszutauschen. Stattdessen arbeiten sie und fragen noch, ob man die Musik leiser drehen kann, damit sie sich konzentrieren können«, ärgert er sich. Noch so eine Veränderung.

Überhaupt blickt Tregerman der Zukunft skeptisch entgegen. Ob er das Café im Herbst noch führen wird, ist unsicher. Die Enkelkinder der Gründer Walter und Sara Mersand haben das Gebäude verkauft. »Sie haben keinen Bezug mehr zu diesem Café, was daraus wird, ist ihnen egal«, sagt Tregerman. Und die künftigen Eigentümer verlangen das Doppelte an Miete. »So wie es aussieht, werde ich mir das ab Oktober nicht mehr leisten können.« Sollte das Mersand im Herbst schließen, wäre es wohl das endgültige Aus der Jecke-Kultur auf der Ben-Jehuda-Straße.

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