Warschau

Geteiltes Gedenken

Die Stadt erinnert an den Ghetto-Aufstand vor 75 Jahren – mit separaten Zeremonien, wie früher im Sozialismus

26.04.2018 – von Gabriele LesserGabriele Lesser

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Punkt 12 Uhr heulen in Warschau die Sirenen. Viele Menschen bleiben in den Straßen stehen und gedenken eine Minute lang des Aufstandes im Ghetto vor 75 Jahren.

Damals, am 19. April 1943, überfallen todesmutige junge Juden das SS-Kommando, das das Warschauer Ghetto auflösen soll. Schüsse fallen, Granaten fliegen. Am Ende liegen etliche Deutsche in den Straßen, verwundet und tot. In einem verzweifelten Kraftakt erheben sich die letzten 60.000 von einst mehr als 450.000 Juden im Warschauer Ghetto, kämpfen für ihre Freiheit und Menschenwürde. Obwohl die Waffen gerade einmal für rund 750 Kämpfer reichen, leisten sie vier Wochen lang Widerstand.

Am 16. Mai 1943 um 20.15 Uhr sprengt dann SS-Brigadeführer Jürgen Stroop eigenhändig Warschaus Große Synagoge in die Luft. Zwei Tage später schickt er seinen Bildbericht an Heinrich Himmler: »Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.«

Tradition Dass vergangenen Donnerstag mit Sirenen an den Ghetto-Aufstand erinnert wurde, ist eine neue Tradition. Auch, dass Jugendliche Narzissen aus Papier an die Passanten verteilen, ist neu. Ans Revers gesteckt und aufgeklappt, erinnern sie an den gelben Judenstern.

Diese Tradition geht auf Marek Edelman zurück, einen der Anführer des Ghetto-Aufstands, der an jedem Jahrestag am Denkmal der Ghettohelden Narzissen niederlegte und rund zwei Kilometer bis zum Umschlagplatz ging, von wo die Züge ins Vernichtungslager Treblinka abfuhren.

Das jüdische Geschichtsmuseum Polin, das seit seiner Eröffnung im Jahr 2013 eine wichtige Rolle in Polens Erinnerungskultur spielt, lässt seit nunmehr fünf Jahren die gelben Papier-Narzissen verteilen. Doch damit endet auch schon das gemeinsame Gedenken. Wie zu realsozialistischen Zeiten organisieren die meisten Warschauer Juden und ihre Freunde einen eigenen Gedenkmarsch auf den Spuren Marek Edelmans, während Regierung und Parteiführung der nationalpopulistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) eine offizielle Gedenkfeier abhalten – hinter Metallgittern, streng bewacht von Sicherheitskräften und live übertragen vom Staatsfernsehen.

Während beim Ghettokämpfermarsch Schüler und Studenten jüdische Partisanenlieder anstimmen, verteidigt Staatspräsident Duda vor dem Ghettodenkmal für die Helden des Aufstands das hoch umstrittene »Holocaust-Gesetz«.

Trotz scharfer Kritik aus Israel und den USA hatte Duda das Zensurgesetz unterzeichnet. Es droht allen Gefängnis und hohe Geldbußen an, die Polen eine Mitschuld an Nazi-Verbrechen zuschreiben. Nicht ausgenommen von der Strafverfolgung sind auch Schoa-Überlebende und ihre Nachkommen, die nun fürchten müssen, nicht mehr frei über polnische Nazi-Kollaborateure oder Pogrome erzählen zu dürfen.

Duda billigt den Aufständischen lediglich zu, dass »sie ihre Würde bis zum Tod behalten und mit der Waffe in der Hand sterben wollten«. Angeblich wollte keiner der Aufständischen überleben. Vielmehr, so Duda, »wollten sie den Deutschen zeigen, dass die Juden sich nicht vollkommen besiegen und niedermachen ließen, ohne dass es auch das Leben von Deutschen kosten würde«.

Vor dem Monument von Nathan Rappaport, das deutlich von Eugène Delacroix’ berühmtem Bild »Die Freiheit führt das Volk« inspiriert ist, behauptete Duda weiter, der Warschauer Ghetto-Aufstand habe »keinerlei militärische Ziele verfolgt«. Tat­sächlich war eine Massenflucht aus dem Ghetto unmöglich, denn – so hatte schon Marek Edelman rhetorisch gefragt: »Wohin hätten wir fliehen sollen?« Die meisten katholischen Polen hatten Angst, Juden zu helfen oder gar zu verstecken, da dies als Widerstand galt und mit der Todesstrafe geahndet wurde. Zudem gab es sogenannte Schmalzowniks, die Juden und ihre Beschützer erpressten – und dann häufig für ein Kilo Zucker oder eine Flasche Wodka an die Gestapo verrieten.

Installation Am Abend des Gedenktages 2018 treffen sich Hunderte Juden, die zum Teil von weit her zum 75. Jahrestag des Aufstands angereist sind, vor dem »blauen Wolkenkratzer« an der Tlomackie-Straße. Hier stand einst die prächtige Große Synagoge. Gabi von Seltmann, eine Jüdin aus Krakau, lässt die Synagoge als Lichtinstallation wiederauferstehen.

Als das Licht ausgeht, ist wieder nur das Hier und Heute zu sehen: die Straßenbahnhaltestelle und der Wolkenkratzer. Doch dann beginnt die achtminütige Installation von vorn, und die Große Synagoge steht wieder an ihrem angestammten Platz.

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