Pro & Contra

Sollen »Vaterjuden« mit auf Machane?

Ist es sinnvoll, Kinder zu jüdischen Ferienlagern einzuladen – auch wenn sie laut Halacha nicht als Juden gelten?

Aktualisiert am 26.04.2018, 10:13 – von Yossi DobrovychYossi Dobrovych und Ruth ZeifertRuth Zeifert

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Pro – Ruth Zeifert: Auch die Kinder jüdischer Väter gehören zu unserer Gemeinschaft

Beim Kabbalat Schabbat meiner liberalen Gemeinde sprach mich neulich eine Besucherin an: Sie habe mich noch nie gesehen. »Sind Sie Mitglied? Sind Sie Jude?« Ich sagte: »Nein, mein Vater ist Jude.«

Trotzdem habe ich mich entschlossen, die Gemeinde zu besuchen. Das Judentum ist ein Teil meiner Tradition. Und seit meine Kinder (sechs und acht) in eine bayerische Grundschule gehen, wo die katholische Kirche einen nicht unbeträchtlichen Einfluss ausübt, ist das praktizierte Judentum für mich erst recht wichtig geworden.

Noch sind wir recht fremd in dieser gewachsenen Gemeinschaft. Man wird Teil von ihr, wenn man Zeit miteinander verbringt und sich austauscht – und das ist den Menschen meiner Gemeinde bewusst. Eine Maßnahme sind gemeindeinterne »Mini-Machanot«, bei denen bereits die Kleinsten teilnehmen und Eltern mitfahren. Wir wurden jüngst dazu eingeladen.

Dissertation Bisher war ich noch nie auf einem Machane. Ich wusste als Kind nicht einmal, dass es so etwas gibt. Mein Vater stammt aus Israel. Er kam Ende der 50er-Jahre nach Frankfurt, wurde aber nicht Gemeindemitglied. Von den Machanot erfuhr ich erst, als ich im Rahmen meiner Dissertation Vaterjuden interviewte. Ein Geschwisterpärchen erwähnte sie: als wichtige Erfahrung, ausgeschlossen worden zu sein, aber auch, dass der Vater über die Machanot viele Kontakte knüpfen konnte.

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass sich die meisten jüdischen Familien in Deutschland aufgrund dieser jüdischen Freizeiten kennen. Richtig kennen. Wie gut das klingt. Unter Machanot verstehe ich Jugendfreizeiten, auf denen jüdischer Ritus und soziale Kontakte im Mittelpunkt stehen.

Gewissermaßen sind sie auch die »Schmiede« für das kommende Judentum. Man praktiziert und lernt die Tradition, man diskutiert. Manchmal entsteht aus den Zusammenkünften etwas Neues oder Abweichungen von Althergebrachtem. Es beginnt eine gemeinsame Geschichte – mit Liedern, Freundschaften und Ritualen. Ein Grundstein für das eigene jüdische Netzwerk wird gelegt.

Heiratsmarkt Machanot gelten als Heiratsmarkt. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder unter Juden heiraten. Einfach, weil es die Tora so will. Aber auch, wie ich in einer Diskussion über interreligiöse Ehen vernahm, weil man als Jude in Deutschland Ausgrenzung erfährt und eine innerjüdische Heirat eine geschütztere familiäre Umgebung mit sich brächte.

Dennoch sind interreligiöse Ehen weit verbreitet. Heiratet in Deutschland ein Jude, ist der Partner laut Statistischem Bundesamt bei drei Viertel der Eheschließungen ein Nichtjude oder eine Nichtjüdin. Sicherlich liegt das zum Teil daran, dass manche Juden ihr Judentum nicht leben, aber auch einfach daran, dass sich Juden in Nichtjuden verlieben.

In einer pluralen Gesellschaft mit nur wenigen Juden wäre es für junge Menschen geradezu weltfremd, die Religionszugehörigkeit als K.-o.-Kriterium bei der Partnerwahl zu setzen. Verliebt man sich im Studium oder in einer Diskothek in eine seelenverwandte, spannende Schönheit, fragt man nicht unbedingt: »Bist du ’ne Schickse?« Aber dann hat man (frau ja nicht) eine/n Goj zum Kind.

Anbieter Machanot gibt es von verschiedenen Anbietern. Am bekanntesten sind die der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Richten sich die Machanot von UpJ Netzer (Union progressiver Juden) an reformbewegte junge Juden (wobei auch Vaterjuden mitfahren dürfen, aber nicht als Madrichim), ist die Teilnahme an ZWST-Machanot für alle Mitglieder der Zentralratsgemeinden gedacht.

Diese wiederum handhaben die Aufnahme von Vaterjuden unterschiedlich. Einige liberale Gemeinden nehmen Vaterjuden auf – in der Regel nicht als Vollmitglieder, aber zum Beispiel als Fördermitglieder. Neben den Regeln hörte ich immer wieder von Einzelfällen – und durchaus auch von Aufnahmen in orthodoxe Gemeinden.

Die Teilnahme an Machanot sollte für Vaterjuden generell möglich sein. Denn es wäre eine Investition in die Zukunft des deutschen udentums und langfristig auch eine Maßnahme gegen sinkende Mitgliederzahlen. Dieser integrierende Ansatz entspricht der liberalen Tendenz, innerjüdische Diversität nicht nur zuzulassen, sondern diese auch zu wollen – im Rahmen der Halacha.

Pluralismus Wird sich die Tendenz zu einem pluraleren Verständnis der Zugehörigkeit nicht in den Möglichkeiten zur Teilnahme an Machanot widerspiegeln, ist von der engagierten neuen Generation zu erwarten, dass sie zunehmend andere Orte findet, jüdische Identität und jüdische Gemeinschaft zu stärken, zu erschaffen und zu leben.

Vaterjuden gehören immer stärker und selbstverständlich dazu. Sie sind »nicht Nichtjuden«, wie Rabbiner Tom Kucera einmal sagte, und es gibt immer mehr von ihnen in der Mischpoche. Mit einem Augenzwinkern könnte man erwähnen, dass schon im Talmud steht: »Die Familie des Vaters wird als die Familie des Kindes angesehen (...)« – und die Familie fährt natürlich mit in die Ferien. Wir jedenfalls freuen uns sehr über die Einladung und fahren gerne mit.

Ruth Zeifert (45) ist Soziologin und Tochter eines jüdischen Vaters. Sie besucht Gottesdienste der liberalen Gemeinde »Beit Schalom« in München, hat zu Patrilinearität promoviert und das Buch »Nicht ganz koscher – Vaterjuden in Deutschland« veröffentlicht.


Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 24.05.2018

Ausgabe Nr. 21
vom 24.05.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Frühling
Berlin
14°C
heiter
Frankfurt
19°C
wolkig
Tel Aviv
22°C
heiter
New York
21°C
regenschauer
Zitat der Woche
»Wo liegt denn das Problem?«
Dieter Hanitzsch, nach Antisemitismusvorwürfen von der »Süddeutschen
Zeitung« geschasster Karikaturist, zur Kritik an seiner Zeichnung