Schulen

Mit voller Härte des Gesetzes

Jüdische Anwälte wollen bei antisemitischem Mobbing ehrenamtlich helfen

26.04.2018 – von Jérôme LombardJérôme Lombard

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So kann es einfach nicht weiter gehen«, sagt Vladislava Zdesenko mit energischer Stimme. Sie deutet auf einen Zeitungsartikel, der vor ihr auf dem Schreibtisch liegt. Darin geht es um den jüngsten Vorfall von Antisemitismus an einer Berliner Schule: Der 15-jährige Liam Rückert wurde von arabischstämmigen Mitschülern seiner 10. Klasse an der »Schule an der Jungfernheide« im Bezirk Spandau immer wieder beschimpft, gemobbt und gedemütigt – weil er Jude ist.

»Was derzeit in vielen Klassenzimmern in Berlin passiert, macht mich einfach nur fassungslos und wütend«, sagt Zdesenko, die als Anwältin in einer Kanzlei am Kürfürstendamm in Berlin-Charlottenburg arbeitet. Der in der Gesellschaft unterschwellig stets vorhandene Antisemitismus habe nicht nur deutlich zugenommen, sondern äußere sich inzwischen auch gewalttätiger, findet sie. »Die Vorfälle von antisemitischem Mobbing an den Schulen, die an die Öffentlichkeit kommen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer ist meiner Einschätzung nach viel höher«, sagt die Rechtsanwältin.

Zdesenko stammt aus einer jüdisch-ukrainischen Familie. Sie ist in Kiew geboren und in Berlin aufgewachsen. Das Thema Schule bewegt die Mutter eines Sohnes im Teenageralter.

perspektive Nach antisemitischen Vorfällen passiere stets das Gleiche, stellt Zdesenko fest: Anstatt die Täter mit Disziplinarmaßnahmen oder einem Schulverweis zu bestrafen, müssten die jüdischen Schüler aus Furcht vor weiteren Übergriffen die Schule wechseln. »So sieht der traurige Regelfall aus, der nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat«, sagt die Anwältin und fügt hinzu: »Der Lerneffekt, der dadurch entsteht, ist: Man kann jüdische Kinder ohne Konsequenz von einer Schule mobben. Dagegen müssen wir uns wehren!«

Um der Gerechtigkeit künftig wieder Geltung zu verschaffen, haben sich neun jüdische Anwälte aus Berlin zusammengetan, darunter Vladislava Zdesenko. Die Anwälte, die vorerst anonym bleiben möchten, wollen sich als Team auf den Bereich antisemitisches Mobbing im schulischen Kontext spezialisieren und betroffenen Schülern und ihren Eltern ehrenamtlich rechtliche Beratung und Unterstützung anbieten.

»In der gegenwärtigen Situation ist es unerlässlich, die Öffentlichkeit zu suchen und Hilfsangebote von Beratungsstellen wie der Antidiskriminierungsstelle des Senats oder des Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin um die juristische Perspektive zu ergänzen«, sagt Zdesenko. Das erklärte Ziel des Anwaltteams ist es, Ansprechpartner zu sein, Hilfestellung zu geben, Präzedenzfälle zu schaffen. »Wir müssen gegen diejenigen Jugendlichen, die ihre Mitschüler psychisch und physisch malträtieren, mit der vollen Härte des Gesetzes vorgehen«, meint die Anwältin. Mobbing und Diskriminierung in der Schule seien schließlich keine Kavaliersdelikte, die man mit erhobenem Zeigefinger und einer Ermahnung abtun könnte, sondern strafbar.

strafbestand »Im schlimmsten Fall traumatisiert Mobbing einen jungen Menschen für sein ganzes Leben«, sagt Zdesenko. Auch bei den Lehrern müsse für das nötige Unrechtsbewusstsein gesorgt werden, damit diese konsequent gegen Antisemitismus im Unterricht einschreiten.

Die Idee zur Bildung des Teams gegen Antisemitismus entstand, nachdem Billy Rückert, die Mutter von Liam aus Spandau, Zdesenko kontaktiert und im Fall ihres Sohnes um Rat gebeten hatte. Die beiden Frauen kennen sich aus der Jüdischen Gemeinde. Seit Langem schon sind sie befreundet. Auch wenn Schulrecht nicht ihr Fachgebiet ist, hatte Zdesenko der Familie ohne zu zögern ihre Hilfe angeboten. »Mobbing kann mehrere Straftatbestände auf einmal erfüllen«, sagt die Anwältin. »Wir reden hier je nach Fall von Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Verleumdung und Sachbeschädigung.« Wenn Antisemitismus mit im Spiel sei, könne es zusätzlich um Volksverhetzung gehen, erklärt Zdesenko.

Schon allein das Wissen, dass man nicht allein ist und es Unterstützung gibt, habe ihr neuen Mut gegeben, sagt Billy Rückert der Jüdischen Allgemeinen. »Ich hätte mir nur gewünscht, dass ich schon früher auf die Idee gekommen wäre, einen Anwalt einzuschalten«, sagt sie.

klassenwechsel Mit juristischem Beistand hätte sie den Klassenwechsel für Liam erreichen können, den die Schule ihrerseits abgelehnt hat, ist die Mutter überzeugt. Auch bei dem Gespräch mit der Spandauer Schulaufsichtsbehörde hätte sich Rückert einen Anwalt an ihrer Seite gewünscht. »Die Schulaufsicht hatte keinerlei Verständnis für die Situation meines Sohnes«, sagt Rückert.

Die zuständige Referatsleiterin der Schulaufsicht für Sekundarschulen und Gymnasien, Ute Lehmann, habe infrage gestellt, dass es sich für Liam um eine Angstsituation gehandelt hat. Ihr sei es vor allem um den Ruf der Schule gegangen. »Liam sagt nur die Wahrheit über die traurigen Zustände in seiner Klasse«, meint seine Mutter.

Ute Lehmann weist diese Anschuldigungen zurück. »Zentrales Anliegen war und ist immer noch, eine Unterstützung für Liam in der Schule weiterzuentwickeln und abwertende Äußerungen jedweder Art zurückzuweisen und zu sanktionieren«, sagt die Schulaufsichts-Referatsleiterin auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen.

Liam jedenfalls will unter diesen Voraussetzungen nicht an seine alte Schule zurückkehren. Derzeit schauen sich die Rückerts nach einer anderen Schule um, an der der 15-Jährige den Mittleren Schulabschluss machen kann. Ein Schulwechsel mitten im laufenden Schuljahr ist allerdings nicht ganz einfach. Anwältin Zdesenko wird Liam und seine Mutter dabei unterstützen.

fachkompetenz »Wir dürfen die Freiheit und Toleranz, die wir in Deutschland haben, nicht einer falsch verstandenen politischen Korrektheit opfern«, sagt Zdesenko. Es ärgere sie, dass viele Politiker einfach nicht erkennen wollen, dass antisemitisches Mobbing in der Mehrheit der Fälle von muslimisch-nahöstlich sozialisierten Schülern ausgeht.

»Wie muss den Kindern in den Familien der Kopf gewaschen worden sein, wenn schon Zwölfjährige antisemitische Vorurteile in sich tragen und Morddrohungen aussprechen?«, fragt die Anwältin mit Blick auf einen erst kürzlich bekannt gewordenen Vorfall von religiös motiviertem Mobbing an einer Berliner Grundschule. Es sei Aufgabe der Politik, dieses Problem zu erkennen und Handlungsstrategien dagegen zu entwickeln. »Wir Juristen können zwar nur im Einzelfall tätig werden, das dann aber mit unserer ganzen Fachkompetenz«, sagt die Anwältin.

Zdesenko und ihre Kollegen werden in den nächsten Wochen Briefe an freie Träger, die sich gegen Diskriminierung und Mobbing an Schulen einsetzen, sowie an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verschicken. »Wir wollen konkrete Hilfe und Kooperation anbieten«, sagt die Anwältin. Um wirksam gegen Antisemitismus vorzugehen, brauche es Austausch und Vernetzung aller beteiligten Akteure.

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