Wuligers Woche

Juden verzweifelt gesucht

Eine (fast) fiktive Szene aus dem deutschen Medienalltag

Aktualisiert am 26.04.2018, 06:16 – von Michael WuligerMichael Wuliger

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Redaktionskonferenz einer mittelgroßen Regionalzeitung vergangene Woche.

Chefredakteur: »Wir sollten was über Antisemitismus machen, nach dem Vorfall in Berlin. Am besten eine Reportage mit human touch. ›Antisemitismus auch in unserer Stadt? Wir fragen jüdische Mitbürger‹. Kennt jemand hier einen Juden?«

Redakteurin: »Oder eine Jüdin!«

Chefredakteur: »Ja natürlich. Tschuldigung. Also: Wo finden wir so jemanden?«

Schweigen in der Runde.

Der Volontär meldet sich: »An der Uni kannte ich einen, der hieß Grünbaum.«

Chefredakteur: »Und der war echter Jude? Also richtig mit Kippa und so?«

Volontär: »Gesehen habe ich das bei ihm nie. Aber so eng waren wir auch nicht.«

Chefredakteur: »Zur Not ginge der. Aber was Authentisches wäre mir lieber. Schon wegen der Bebilderung. Es gibt doch eine jüdische Gemeinde in der Stadt. Da müsste sich doch einer finden, der auch aussieht wie ein Jude.«

Redakteurin (will gerade etwas sagen).

Chefredakteur rasch: »Oder wie eine Jüdin, natürlich. Tragen jüdische Frauen eigentlich auch Kippas?«

Bildredakteur: »Wir könnten ja den Rabbi nehmen. So mit schwarzem Hut und Bart. Da wissen die Leser gleich, worum es geht.«

Chefredakteur: »Gute Idee! Wir hatten doch vor ein paar Jahren mal den Bericht über die Eröffnung der neuen Synagoge. Wer hat den damals gemacht?«

Lokalchef: »Das war ein Freier.«

Chefredakteur: »Rufen Sie den mal rasch an, ob er aus der Zeit noch einen Draht zu den Leuten hat.«

Lokalchef verlässt den Raum, kommt nach drei Minuten zurück und schüttelt den Kopf: »Den Rabbi können wir vergessen, sagt der Freie. Der ist glattrasiert und sieht völlig normal aus. Außerdem lebt der nicht hier, sondern kommt nur alle 14 Tage aus der Landeshauptstadt.«

Chefredakteur: »Dann nehmen wir eben ein Gemeindemitglied.« Schaut kurz zur Redakteurin: »Ob männlich oder weiblich.«

Lokalchef: »Das wird schwierig. Der Freie sagt, das sind lauter Russen, die kein Deutsch sprechen.«
Schweigen in der Runde.

Chefredakteur zum Volontär: »Ihr Grünbaum. Können Sie den schnell erreichen? Das ist Ihre Chance, auf die Seite Drei zu kommen.«

Volontär: »Äh, da gibt’s ein Problem. Ich hab’ gehört, dass er nach Israel gegangen ist.« Schaut hoffnungsvoll auf: »Aber vielleicht könnte ich ihn ja in Israel interviewen.«

Chefredakteur: »In Israel? Was meinen Sie, wo Sie hier sind? Beim ›Spiegel‹?«

Lachen in der Runde.

Chefredakteur: »Okay, das mit der Reportage wird wohl nichts. Warum diese Juden sich aber auch so abkapseln müssen. Da will man denen mal was Gutes tun … Schreibe ich eben einen Leitartikel: ›Antisemitismus – Eine Herausforderung für uns alle.‹ Und weiter: Was gibt’s aus dem Sport?«

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 17.05.2018

Ausgabe Nr. 20
vom 17.05.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Frühling
Berlin
12°C
heiter
Frankfurt
17°C
wolkig
Tel Aviv
23°C
wolkig
New York
26°C
wolkig
Zitat der Woche
»Grass hatte recht«
Jakob Augstein begründet auf Spiegel Online, warum »es möglicherweise
eine gute Idee ist«, wenn der Iran über die Atombombe verfügte.