Ritual

Zeichen der Sühne

Warum Aharon seine Hände auf einen Bock stützte und für das Volk ein Sündenbekenntnis ablegte

26.04.2018 – von Rabbiner Joel BergerRabbiner Joel Berger

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Zu Beginn der Parascha lesen wir über die Zeremonien des priesterlichen Jom-Kippur-G’ttesdienstes der antiken Zeit. Diese sollen dem Volk angesichts des Versöhnungsfestes die Sühne für ihre Verfehlungen verdeutlichen und einprägen.

Unter den Handlungen, die der Kohen, der Priester, zur Zeit des Tempels vorzunehmen hatte, lesen wir: »Und Aharon (der erste Hohepriester der Israeliten) stütze seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes und bekenne über ihm alle Verschuldungen der Kinder Israels und alle ihre Untaten in allen ihren Sünden. Und er lege sie auf den Kopf des Bockes und schicke ihn durch einen bereitstehenden Mann fort in die Wüste« (3. Buch Mose 16,21).

Dieser Vers bedeutet, dass Aharon seine Hände auf das Tier legte und ein Sündenbekenntnis ablegte – als ob er die Verfehlungen seines Volkes auf das Haupt des Bockes übertragen würde, bevor er das Tier in die Wüste jagte.

Knechtschaft
Auf diese Weise wurde im alten Israel bildhaft und sinnbildlich die Sühne, die »Entfernung der Sünden«, verdeutlicht. In der biblischen Zeit, am Anfang des Weges der Israeliten, nach der Knechtschaft in Ägypten, hat diese Zeremonie für jedermann im Volk klargemacht, dass die Sünde keine Übermacht über die Volksgemeinschaft hat. In späteren Zeiten genügt bereits die Erinnerung an diese priesterliche Zeremonie, um durch spirituelle Handlungen zur Reue der eigenen Verfehlungen zu gelangen.

Aufgrund dieser Zeremonie entwickelten verschiedene Religionswissenschaftler ganz vielfältige Gedanken und Theorien über den »Sündenbock« des 3. Buches Mose.

Im Laufe der Geschichte wurde die Handlungsweise des ersten Priesters der Israeliten sehr häufig falsch interpretiert oder gedeutet.

Man kann diese »historische Theorie«, wie sie von dem französischen Kulturanthropologen René Girard (1923–2015) genannt wird, bis heute verfolgen. »In Zeiten sozialer Krisen, aber auch aus Anlass von Hungersnöten, Seuchen oder Naturkatastrophen richtet sich kollektiver Hass gegen all jene, deren tatsächliches oder vermeintliches Außenseitertum die gesellschaftliche Ordnung infrage stellt: Juden, Fremden, Behinderten, Homosexuellen, Einzelnen oder ganzen Gruppen werden monströse Verbrechen unterstellt: Sie werden verfolgt und ›geopfert‹, um die gestörte soziale Balance wiederherzustellen.«

Girards These lautet, dass sich die Stereotype der Verfolgung regelmäßig auch in mythischen Erzählungen finden.
Ich kann diese Argumentation so nicht gelten lassen. Es wäre zu einfach, den mordenden Mob freizusprechen und dafür die biblische Erzählung zu beschuldigen! Ich meine, dass zu jener Zeit, als die Bevölkerung des westlichen Kulturkreises noch nicht lesen und schreiben konnte, ihr die biblischen Geschehnisse bewusst verzerrt verkündet und ausgelegt wurden. Man wollte die Massen gegen die Minderheiten aufwiegeln, um von den Unzulänglichkeiten der Herrschenden abzulenken.

Heiligkeit Der zweite Teil des Wochenabschnitts behandelt eine ganz andere Thematik: »Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin Ich, der Ewige, euer G’tt« (3. Buch Mose 19,2).
Man fragt sich, ob wir Menschen durch diesen G’t­tes­spruch nicht maßlos überfordert sind. Doch die Tora fordert, um zur Heiligkeit zu gelangen, keine außergewöhnliche Haltung oder herausragenden Leistungen von uns.

Die nachfolgenden Verse aus demselben Kapitel geben eine für jeden verständliche Auskunft darüber, was der Ewige eigentlich von seinen »Heiligen« erwartet: »Ein jeder von euch soll Mutter und Vater ehrfürchtig begegnen, und die Schab­batruhe sollt ihr wahren. Ihr sollt nicht stehlen, ihr sollt einander nichts ableugnen und einander nicht belügen. (...) Du sollst deinem Nächsten nichts vorenthalten und ihn nicht berauben, (...) den Lohn des Tagelöhners nicht einmal über Nacht bei dir behalten. Ihr sollt in einem Verfahren kein Unrecht begehen; weder den Armen, den Schwächeren, noch den Mächtigen sollst du begünstigen. Nur nach Gerechtigkeit richte deinen Nächsten. Sei kein Verleumder, du sollst nicht hassen, und sei nicht rachsüchtig oder nachtragend. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«

Braucht es wirklich nicht mehr als das, um den Menschen auf die Stufe der Heiligkeit zu erheben? Nur diese Anweisungen, die doch nicht einmal übermenschliches Verhalten und Benehmen erfordernden Anweisungen der Tora, müsste man beherzigen, um als Heiliger unter den Nächsten leben zu können?

Manchen werden diese Vorschriften gar zu niedrig angesetzt erscheinen, da sie das »Heilige« in eine für alle Menschen erreichbare Nähe rücken. Üblicherweise schreibt man heiligen Gestalten übernatürliches, übermenschliches Verhalten zu, sodass es den wenigsten gelingen dürfte, wirklich »heilig« zu sein. Nur über den Umweg des alleinigen Heiligkeitsanspruchs dieser Figuren kann dann auch der Normalsterbliche seinen Anteil am g’ttlichen Heil suchen.

Die Tora aber will einen jeden von uns fordern, indem sie uns vorlegt, wie einfach es ist, heilig zu sein.

Bilderverbot Die jüdische Schrifterklärung betrachtet diese beiden Kapitel als den Kern der Tora, weil ihre wesentlichen Inhalte sich hier befinden. In einer zutreffenden Form hat ein Gelehrter die jüdische Auffassung der Heiligkeit erläutert: »Du sollst dir kein G’ttesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben oder auf der Erde unten«, lesen wir in dem bekannten Bilderverbot des Dekalogs.

Dies lehrt uns auch, sagt jener Rabbi, dass der Mensch nie danach trachten soll, den Engeln G’ttes ähnlich zu sein. Das heißt, er soll nie danach streben, durch Askese und Enthaltsamkeit auf seine menschlichen Bedürfnisse zu verzichten. Er soll bewusst die Freude des Lebens entdecken und seinen Schöpfer dafür huldigen. Jedoch solle er sich nicht wie die Tiere der Erde nur durch seinen animalischen Trieb leiten lassen. Beide Wege führen zur ex­tremen Entfaltung des Menschen – daher sind sie für uns als abwegig zu betrachten. Der Mensch solle in seinem Leben nach dem maßvollen Mittelweg suchen.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.


Inhalt
Der Wochenabschnitt Acharej Mot beginnt mit Anordnungen zu Jom Kippur und beschreibt, dass es für den Hohepriester gefährlich war, das Allerheiligste zu betreten. Denn eine zu große Nähe zum G’ttlichen barg Gefahren in sich. Im 3. Buch Mose 17 beginnt das Heiligkeitsgesetz. Darin werden weitere Opfergesetze und Speisevorschriften übergeben, wie etwa das Verbot des Blutgenusses und das Verbot des Verzehrs von Aas. Den Abschluss bilden das Thema verbotene Ehen wegen zu naher Verwandtschaft und Regelungen zu verbotenen sexuellen Beziehungen.
3. Buch Mose 16,1 – 18,30


Der Wochenabschnitt Kedoschim ist der zentrale Teil des Buches Wajikra. Er enthält Anweisungen für das gesamte Volk Israel, heilig zu sein in Gedanken, Worten und Taten. Der Höhepunkt dieses Abschnitts ist der Satz: »Liebe deinen Nächsten so, wie du dich selbst liebst.« Unter anderem werden gefordert: Respekt vor den Eltern, die Einhaltung des Schabbats sowie Ecken der Felder für Arme übrig zu lassen, nicht zu stehlen, Gerechtigkeit walten zu lassen, keine verbotenen sexuellen Beziehungen einzugehen und mit Maßen und Gewichten ehrlich umzugehen.
3. Buch Mose 19,1 – 20,27

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