Medien

»Israelbashing ist Mainstream«

Jan Fleischhauer über das Israelbild in der deutschen Presse, U-Boot-Lieferungen und das Erbe der 68er

Aktualisiert am 20.04.2018, 15:07 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Herr Fleischhauer, Klappe halten und U-Boote liefern: Auf diese Formel haben Sie einmal die von Ihnen favorisierte Israelpolitik der Bundesregierung gebracht. Wie sehen Sie das heute?
Noch ganz genauso. Es gibt in Deutschland die seltsame Obsession, unbedingt Frieden in Israel stiften zu wollen. Bei keinem Konflikt um uns herum fühlen wir uns so berufen, Ratschläge, Belehrungen und Ermahnungen zu erteilen wie bei dem im Nahen Osten. Auch wenn wir Deutsche uns gerne als moralische Führungsmacht sehen, sollten wir uns mit der Erziehung Israels ein bisschen zurückhalten.

Viele Politiker sehen das anders und sagen: Gerade wir als Deutsche haben die Verpflichtung, Israel zu kritisieren.

Ja, das ist Mainstream in der Politik. Aber wenn man es ernst nimmt mit der deutschen Geschichte, dann sind alle anderen Nationen um uns herum besser geeignet, sich einzumischen, als wir. Zumal wir ja selten den Palästinensern sagen: »Freunde, lasst das mal mit den Terroranschlägen!« Ich persönlich habe das noch nicht gehört. Die Rolle des Aggressors ist in der deutschen Öffentlichkeit fast immer mit dem Staat Israel besetzt. Manchmal haben die oberlehrerhaften Belehrungen aber auch etwas unfreiwillig Komisches.

Wie meinen Sie das?

Na ja, viele Deutsche drehen schon durch, wenn der Nachbar versehentlich den Rasen betritt. Aber die Israelis sollen »verhältnismäßig« reagieren und »deeskalieren«, wenn 30.000 Palästinenser aus dem Gazastreifen in Richtung israelischer Grenze marschieren und sie niederreißen wollen.

In Israel ist folgender Ausspruch ein geflügeltes Wort: »Wenn man wissen will, was im Nahen Osten zu tun ist, muss man nur die Europäer um Rat fragen – und dann das genaue Gegenteil ihrer Antwort tun« ...
... würden die Israelis auf die Europäer und die Deutschen hören, gäbe es das Land bald nicht mehr. Seit 1945 versuchen wir in Deutschland, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Das ist zunächst einmal nachvollziehbar und ja auch nicht unsympathisch. Aber aus dem Satz »Nie wieder!« folgt meiner Meinung nach ein militärisch starkes Israel, nicht eines, das bei der ersten Attacke der Nachbarn in die Knie geht. Waffen- und U-Boot-Lieferungen sind so gesehen existenziell wichtig. Israel ist umgeben von arabischen Staaten, die den Tag herbeisehnen, an denen sie alle Juden ins Meer treiben. Das blendet man bei uns gerne aus. Stattdessen heißt es, die Israelis würden die Palästinenser unterdrücken.

Wie erklären Sie sich diese Einseitigkeit?

Es ist eine Art Umschuldungsmechanismus. Deutschland versucht, aus dem Schatten der Geschichte herauszutreten, indem man die Opfer von damals zu Tätern erklärt. Davon abgesehen, gibt es das Mitleid mit dem schwächeren Volk, den Palästinensern. Das ist ja zunächst durchaus löblich. Was dabei allerdings übersehen wird, ist, dass es kein anderes Volk weltweit gibt, das über die vergangenen Jahrzehnte so viel Fördergelder erhalten hat wie die Palästinenser. Leider sind diese Gelder nicht in Bildung oder den Bau einer vernünftigen Infrastruktur gegangen, sondern in den Bau der Villen der Fatah-Funktionäre.

In den deutschen Medien wird das nur ganz selten thematisiert. Wie bewerten Sie die Israel-Berichterstattung?
Die meisten Journalisten sind links eingestellt, das heißt, ihr Herz schlägt für Rot oder Grün. Je weiter sie nach links tendieren, desto mehr gehört Israelbashing zum guten Ton.

Gibt es ein konkretes Beispiel, an dem Sie das festmachen können?
Der neue Außenminister Heiko Maas hat vor ein paar Wochen bei seinem Besuch in Israel erkennbar andere Akzente als sein Vorgänger Sigmar Gabriel gesetzt. Das kam nicht so gut an. Der überwiegende Tenor in den Kommentarspalten war: Maas biedere sich an und geriere sich als Israelfreund. Gabriel hingegen hatte auf seiner Israelreise im vergangenen Jahr demonstrativ den Streit mit Israel gesucht – wofür er viel Lob einfuhr. Ich fand Gabriels Auftritt bizarr, gerade auch, wenn man seine Familiengeschichte in Rechnung stellt.

Sein Vater war Nazi und Schoa-Leugner.

Es ist eine sehr deutsche Biografie. Sigmar Gabriel hat stark unter seinem gewalttätigen Vater gelitten, der zeitlebens Nazi blieb, auch noch lange nach Kriegsende. Warum ausgerechnet Gabriel den Eindruck hatte, er müsse der israelischen Regierung mal so richtig die Meinung geigen, kann man vermutlich nur individualpsychologisch erklären.

Nun ist der »Spiegel« auch nicht gerade für seinen fairen Umgang mit Israel bekannt. Wenn über Israel berichtet wird, dann mit großer Wahrscheinlichkeit einseitig und nicht selten auch feindselig.
Ich weiß nicht, ob wir uns beim Thema Israel so sehr von anderen Redaktionen unterscheiden. Es gibt Leute wie mich, die zum Beispiel finden, dass es ein Problem ist, wenn man über eine Million Menschen nach Deutschland holt, die von klein auf gelernt haben, dass der Jude die Wurzel allen Übels sei. Und dann gibt es Kollegen, die das sehr viel weniger problematisch sehen. Beides wird gedruckt.

Bei Spiegel Online aber gibt es regelmäßig Überschriften mit Täter-Opfer-Umkehr und Terror-Verharmlosungen wie: »Zwei Palästinenser im Westjordanland getötet.« Dabei handelte es sich um einen terroristischen Angriff auf israelische Soldaten, bei dem sie selbst getötet wurden.
Wir können uns sofort darauf einigen, dass eine andere Headline besser gewesen wäre. Aber nicht in jeder misslungenen Überschrift drückt sich gleich unterschwelliger Antisemitismus aus. Manchmal wird die Headline von der dpa übernommen, manchmal ist die Ungenauigkeit der Eile des Geschäfts geschuldet.

Womöglich drückt sich hier auch die Fixierung auf das Leid der Palästinenser aus?
Die Lesart, dass der arme Palästinenser von der Gesellschaft quasi zu Attentaten getrieben wird, finden Sie in der gesamten westlichen Welt. Für Menschen, die sich politisch eher links der Mitte verorten, ist jeder Täter irgendwie ein Opfer der Verhältnisse. Das Böse ist stets ein Produkt der Gesellschaft. Deshalb braucht es ja auch nur eine Änderung der gesellschaftlichen Umstände, damit alle in Frieden leben können.

Welche Reaktionen erhalten Sie von Lesern, wenn Sie über Israel schreiben?

Die typische Reaktion ist der beleidigte Oberstudienrat, der sagt, es sei unsere moralische Pflicht, sich beim Thema Israel einzumischen. Besonders die Zeile mit den U-Booten und der Aufrüstung Israels hat für Kritik gesorgt. Aber wenn Solidaritätsbekundungen mit Israel nicht nur Sonntagsreden sein sollen, muss man eben auch U-Boote liefern, das ist nun einmal meine feste Auffassung.

Wenn man in die Archive des »Spiegel« blickt und sich die Israel-Berichterstattung der vergangenen Jahrzehnte anschaut, stellt man überrascht fest, dass die Artikel bis 1968 ausgesprochen pro-israelisch waren. Dann kippte die Stimmung.
Das Epochenjahr 1968 ist in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt, auch, was das Verhältnis zu Israel angeht.

Was genau kam da ins Rutschen?
Das erste Attentat, das sich nach 1945 in Deutschland wieder gegen Juden richtete, ist nicht von Ex-Nazis oder der NPD ausgeführt worden, sondern von Dieter Kunzelmann, dem Kopf der Berliner Tupamaros, einer linksradikalen Splittergruppe. Sein Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin war der Versuch, erstmals nach dem Krieg Juden umzubringen, weil sie Juden sind. Die Erklärung von Kunzelmann war: »Wir müssen den Judenknax überwinden!« Zum Glück scheiterte der Anschlag, weil der Zünder nicht funktionierte. Nun war Kunzelmann ein linker Spinner. Aber dass er in besonders radikaler Form etwas artikulierte, was so oder so ähnlich auch andere dachten, die aus der Studentenbewegung hervorgegangen waren, ist evident.

Woran machen Sie das fest?

Der Antikapitalismus, den sich die 68er auf die Fahne geschrieben hatten, bediente sich einer Reihe antisemitischer Stereotype. Da ist die übersteigerte Kritik an der Wall Street, die dem ehrlichen Arbeiter angeblich keine Luft mehr zum Atmen lässt, die Unterscheidung zwischen dem »schaffenden« und dem »raffenden« Kapital, wie man sie aus NS-Propagandafilmen kennt, die Figur des hässlichen Bankers mit Glubschauge und Hakennase. Das zieht sich bis heute durch. Wenn auf dem israelfeindlichen Al-Quds-Tag in Berlin auch Linken-Politiker teilnehmen, obwohl dort »Tod Israel!« gerufen wird, schließt sich der Kreis.

Dabei waren die 68er angetreten, die Taten der Eltern aufzuarbeiten und ein demokratisches Deutschland zu schaffen.
Es ist angeblich das große Verdienst der 68er, dass sie mit dem Dritten Reich aufgeräumt hätten. Ich halte das für einen riesigen Mythos. Wenn man in die Archive steigt und schaut, was der Beitrag der 68er zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der NS-Zeit und dem Holocaust ist, kommt man mit leeren Händen zurück. Ich habe mir mal den Spaß gemacht und die Ausgaben des »Kursbuches« durchforstet, des Ideengebers der Studentenbewegung. Zum Dritten Reich finden Sie in den ersten zehn Jahresbänden einen einzigen Artikel, anlässlich des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt. Die Nazis kamen bei den 68ern ständig vor, aber nur als Symbol für alles, was man ablehnte. Was genau den Nationalsozialismus ausmachte, konnte kaum einer der Bewegungsteilnehmer sagen. Das zu erkunden, blieb den Nachfolgern vorbehalten.

Setzt sich dieser Geist bis heute fort?
Die Gleichung ist ganz einfach: Israel ist böse. Und die arabischen Staaten sind erstens Opfer des Westens und zweitens Leidtragende des jüdischen Stellvertreterstaates im Nahen Osten. Also doppelt unschuldig. Nein, Israel genießt nicht wahnsinnig viele Sympathien in deutschen Medien. Ein bisschen was trägt Benjamin Netanjahu mit seiner »In your Face!«-Politik dazu bei. Der Rest sind Ressentiments, eine Unkenntnis der Lage vor Ort sowie falsche Schlussfolgerungen aus der Geschichte.

Das Gespräch mit dem »Spiegel«-Redakteur und Autor des Buches »Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde« führte Philipp Peyman Engel.

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