Literatur

»Nehmen bei euch alle Prozac?«

Der Schriftsteller Eshkol Nevo über Neueinwanderer, soziale Proteste und besseres Wetter in Israel

19.04.2018 – von Ayala GoldmannAyala Goldmann

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Herr Nevo, wie feiern Sie den Unabhängigkeitstag?
Ich habe dafür eine ganz besondere Zeremonie, und deshalb ist es mir sehr wichtig, am Unabhängigkeitstag in Israel zu sein. Ich habe eine Gruppe von Freunden, wir kennen uns seit unserem 17. Lebensjahr. Und dieses Jahr ist es das 30. Mal, dass wir gemeinsam den Unabhängigkeitstag feiern. Wir waren zusammen in der Armee und auf Reisen, und manche Leute sind untereinander gar nicht mehr befreundet, aber diese Zeremonie ändert sich nicht. Einmal habe ich das verpasst, weil ich auf Lesereise in Kanada war, und ich habe es sehr bereut. Danach habe ich mir gesagt: Das mache ich nicht wieder. Es ist mir wichtig, mich selbst jedes Jahr daran zu erinnern, warum ich in Israel lebe.

Für Menschen, die nicht in Israel geboren sind, kann der Übergang vom Jom Hasikaron, dem Gedenktag an die Gefallenen der Kriege in Israel, zu den Feiern des Unabhängigkeitstags sehr abrupt wirken.
Ja, das ist auch total verrückt und schräg, aber so ist das in einem Land, in dem alle posttraumatisch sind. Und deshalb passt es. Fast jeder hat jemanden verloren, fast jeder hat ein Kind in der Armee. Das ist Israel – ein Land, das sich schon 70 Jahre in einem gewalttägigen Konflikt mit seinen Nachbarn befindet. Das sind wir. Es ist nicht angenehm, das anzuerkennen, aber der Jom Hasikaron erinnert uns daran. Es gibt einen Preis dafür, Israeli zu sein, und die Menschen bezahlen diesen Preis. Wir sind Soldaten, unsere Kinder sind Soldaten. Das ist die traurige, die schwere und die herausfordernde Seite daran, Israeli zu sein – der anhaltende Konflikt mit einer nichtjüdischen Bevölkerung.

Reden wir über Ihr neues Buch »Über uns«. Es geht um Menschen auf drei Etagen in einem Haus. Sie erzählen von einem verheirateten Mann in der ersten Etage, Arnon, der sich mit einer 15-Jährigen einlässt – weil sie ihm vorspiegelt, Informationen über den vermuteten Missbrauch von Arnons kleiner Tochter zu haben. Wie kamen Sie auf diese Figur?
Ich weiß es nicht. Ich denke, dass es in jedem Mann einen Arnon gibt. Und das ist eine der Fragen, die dieses Buch stellt: Auf welchen Knopf muss man bei Ihnen drücken, damit Sie den Verstand verlieren? Bei Arnon ist das seine Tochter. Weil auch ich Vater bin und drei Töchter habe, kann ich das verstehen – den sexuellen Trieb und den Trieb der Gewalt, den es bei Männern gibt, und seine Tendenz, außer Kontrolle zu geraten. In der israelischen Gesellschaft gibt es diesen Initiationsritus, die Armee. Und auch, wenn jemand kein gewalttätiger Typ ist, findet er sich in Situationen wieder, in denen die biologischen Instinkte aktiviert werden. Ich lebe in einer intensiven Gesellschaft, die sehr viel gewalttätiger und sehr viel stärker sexualisiert ist als die deutsche Gesellschaft. Alles ist »draußen«: die Gefühle, die Gewalt, der Sex. Arnon ist sehr anders als ich, aber ich kann verstehen, was es bedeutet, er zu sein. Ich kann ihn gleichzeitig nicht ausstehen und mich trotzdem mit ihm identifizieren. Ja, #MeToo ist eine Revolution, und Revolutionen kann man nicht aufhalten. Es gibt aber noch keinen Versuch, die Psyche des Mannes zu verstehen, und was in ihr vorgeht. Wir müssen also über mehr reden als darüber, wer schuld ist.

In Ihrem satirischen Buch »Die einsamen Liebenden« (2016) haben Sie sich mit russischen Neueinwanderern beschäftigt. Spiegelt sich darin das Sprichwort »Israel liebt die Alija, aber nicht die Olim«?
Das Buch ist eine Tragikomödie: Der Bürgermeister einer kleinen Stadt hat eine Fantasie von russischen Einwanderern. Er träumt von einer Blondine mit Namen Marina, die als Single nach Israel kommt, die ihn von seiner Einsamkeit erlöst – und umgekehrt. Aber dann steigen nur Babuschkas aus dem Bus, der die Neueinwanderer in seine Stadt bringt, und er ist sehr enttäuscht. Das ist natürlich komisch, aber andererseits auch nicht. Denn dieser Bürgermeister kam in den 50er-Jahren selbst als Neueinwanderer nach Israel, und er wurde nicht so aufgenommen, wie es sich gehört hätte. Die russischen Neueinwanderer behandelt er genauso schlecht – herablassend und misstrauisch. Diese Geschichte wiederholt sich also ständig.

Können Sie als Israeli nachvollziehen, warum Juden nach Israel einwandern?
Klar. Das Wetter bei uns ist super. Ich verstehe sowieso nicht, wie man hier (in Deutschland) leben kann. Ein halbes Jahr sieht man keine Sonne. Das muss doch depressiv machen. Nehmen bei euch alle Prozac? Aber im Ernst: In der israelischen Gesellschaft gibt es etwas sehr Besonderes. In vielen Ländern auf der Welt – nicht in Deutschland und schon gar nicht in Berlin, aber in Frankreich zum Beispiel oder auch den USA oder Argentinien fühlen sich Juden nicht sicher, sie fühlen sich als Minderheit, die ganze Zeit scheint der Boden unter ihren Füßen zu schwanken. Das kann ich gut verstehen. Ich habe auch Angst – vor einer Rakete. Aber der amerikanische Jude, der zu Zeiten von Donald Trump in Pennsylvania einen Aufmarsch von Neonazis beobachtet, fürchtet sich vor einem Pogrom. Wir haben »Iron Dome«, wir können die Raketen in Schach halten. Aber ein Pogrom kann man nicht beherrschen. Außerdem gibt es in Israel einen Zauber: Ich treffe mich häufig mit Teilnehmern von »Birthright«-Gruppen. Sie kommen für zehn Tage, und sie verlieben sich in das Land. In Familien in den USA gibt es oft riesige geografische Abstände, auch zwischen Freunden. Bei uns kleben immer alle aufeinander. Wenn man das mag, und wenn man selbst so ist, dann ist das der richtige Ort. Israel ist eine ganz andere Gesellschaft, sie ist eigentlich sehr italienisch. Es ist sicherlich kein Zufall, dass meine Bücher in Italien sehr erfolgreich sind. Denn die Mentalität ist sehr ähnlich.

Was macht Sie als Autor erfolgreich?

Ich weiß es wirklich nicht. Wenn ich schreibe, denke ich nicht an den Leser. Ich liebe es einfach, eine Geschichte zu erzählen. Und vielleicht teilen das meine Leser und ich: die Liebe zu einer guten Geschichte. Darüber hinaus erkläre ich es mir selbst so, dass ich sehr hart arbeite. Ich gebe alles, was ich habe – mein ganzes Herz, Erinnerungen, Ängste, Gelüste, politische Meinungen. Wenn ich ein Buch beendet habe, bin ich wirklich fertig. Ich fühle mich völlig leer.

In den 90er-Jahren haben Sie Psychologie studiert, wollten aber nicht Therapeut werden. Weil Therapien in Israel nicht von der Krankenkasse bezahlt werden?

Das war nicht der Grund. Absolut nicht. Ist es etwa leichter, Schriftsteller zu sein? Wirtschaftlich gesehen ist das Selbstmord! Ich wusste von vornherein, dass ich ein Hungerleider werde. Nein, es ging um etwas anderes: Ich wollte Menschen nicht als Therapeut begegnen. Auch als Lehrer muss man Grenzen setzen, man kann sich nicht mit seinen Schülern anfreunden, und schon gar nicht mit Schülerinnen. Aber bei der Arbeit als Psychologe muss man sich noch stärker zurückhalten, und in gewisser Hinsicht darf man auch nicht persönlich sein. Darauf habe ich keine Lust.

Sie sind Enkel von Levi Eshkol, dem dritten Ministerpräsidenten Israels und Politiker der linken »Mapai«-Partei. Stehen Sie politisch in seiner Tradition?
Ich habe meinen Großvater nicht kennengelernt, aber was ich von ihm weiß, ist, dass er als Ministerpräsident die ganze Zeit nach Versöhnung, nach Brückenbau, nach Verhandlungen strebte. Er hat versucht, Menschen verschiedenster Richtungen in seine Koalition einzubinden. So bin auch ich aufgewachsen. Alle wurden akzeptiert, und es gab kein Gefühl von »Stämmen«. Ich fühle mich nicht als Teil irgendeines Lagers, meine Meinung orientiert sich an konkreten Fragen. Die Agenda in Israel ändert sich auch jedes Mal. Lange Jahre ging es um die Besatzung von 1967. Danach standen soziale Spannungen im Vordergrund, die gesellschaftlichen Proteste von 2011.

2011 haben Sie auf der Riesenkundgebung in Tel Aviv gesprochen, dem Höhepunkt der »Hüttenkäse-Revolte«. Sieben Jahre nach der »Revolution auf dem Rothschild-Boulevard« – was ist davon geblieben?
Das kommt darauf an, wen man fragt. In der Praxis sind viele Prozesse in Israels Wirtschaft davon beeinflusst worden. Es gibt Bemühungen, die Preise für Wohnungen zu senken und den Zentralismus einzudämmen. Aber es geht auch um ein psychologisches Phänomen: Wenn so etwas Großes einmal passiert ist, etwas so Mitreißendes, und Menschen im Alter von 25 Jahren es angeführt haben, dann bedeutet das, dass es noch einmal passieren kann. Auch für mich war es ein Wendepunkt in meinem Leben, denn dort hat mein Projekt angefangen, eine Schule für kreatives Schreiben zu gründen. Wir wollen die Gesellschaft beeinflussen. Man kann Zellen der Toleranz, der Gewaltfreiheit, des Zuhörens und der Kommunikation schaffen, und das zieht Kreise. Anfangs hatten wir drei Gruppen pro Jahr, mittlerweile sind es 50.

Wer finanziert Ihre Schule?

Das ist ein soziales Projekt, wir finanzieren uns selbst. Es funktioniert auch ein bisschen wie Robin Hood: In Tel Aviv nehmen wir viel Geld, außerhalb schießen wir zu. Wir haben einen Verlag, der uns sponsert, und auch einen Philanthropen.

Sie waren als Autor Schüler von Amos Oz und haben selbst die Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen unterrichtet. Was haben Sie von Amos Oz gelernt?
Das Wichtigste, was er mir beigebracht hat, ist: wie man streicht.

Was noch?
Mich hat in einem Seminar mit Amos Oz sehr beeindruckt, auch in seiner persönlichen Beziehung zu mir, dass er aus ganzem Herzen Lehrer war. Das war vollständige Hingabe. Für ihn war Unterrichten kein »Sidekick«, sondern Lehrer zu sein, bedeutete für ihn eine Mission – es war auch sein Beruf, bevor er Schriftsteller wurde. Und als Ayelet Gundar-Goshen meine Schülerin wurde, war das ähnlich: Meine Mission war total. Ihr Talent war offensichtlich, vom ersten Tag an. Sie war die beste Schülerin in der Klasse. Wir haben zusammen an der Sam-Spiegel-Schule gelernt, sie hat Kino studiert, und ich habe dort einen Workshop abgehalten. Und nach dem Ende habe ich ihr gesagt: Du bist sehr begabt – komm doch in unsere Schule nach Tel Aviv. Und dann kam sie, und ich habe sie nicht einfach nur unterrichtet: Ich habe sie begleitet, bis sie ihr erstes Buch veröffentlicht hat. Danach ist sie flügge geworden, und sie ist sehr erfolgreich.

Zurück zu »Über uns«: Ihr neues Buch scheint weniger politisch als »Vier Häuser und eine Sehnsucht«, das vor über zehn Jahren in Deutschland erschienen ist.
Ich mag es nicht, meine Bücher zu kategorisieren. Jeder liest das, was ihn interessiert. Als Schriftsteller kann ich nur sagen, dass ich alle möglichen Ambitionen habe. In »Vier Häuser und eine Sehnsucht« wollte ich die Geschichte von Sadeq erzählen, eine palästinensische Geschichte. In »Über uns« habe ich dieses Ziel nicht, aber dafür den Ehrgeiz, von den gesellschaftlichen Protesten in Israel zu erzählen. Ich kann aber nicht finden, dass das eine politischer wäre als das andere.

Glauben Sie, dass Donald Trump tatsächlich einen Friedensplan für Israelis und Palästinenser durchsetzen kann?

Ich hoffe es. Wenn man sich wirklich in Not befindet, nimmt man Hilfe von jedem an. Auch von problematischen Menschen wie Trump. Jeder, der helfen kann, sollte es tun. Übrigens werde ich oft auf BDS angesprochen. Und ich antworte immer: Das ist eine Boykottbewegung, das funktioniert nicht bei Israelis. Wer die israelische Psyche kennt, weiß, dass das völlig kontraproduktiv ist. Die Israelis sagen dann: »Was, die Gojim wollen uns vorschreiben, was wir tun sollen?« Wer uns helfen will, der sollte uns nicht boykottieren, sondern versuchen, den Frieden voranzubringen – egal, ob es Trump ist oder Angela Merkel. Wir schaffen das nicht alleine.

Wenn Sie eine kurze Bilanz von 70 Jahren Israel ziehen müssten, wie würde die ausfallen?

Es gibt vieles in der israelischen Gesellschaft, auf das ich sehr stolz bin. Aber es ist mir peinlich, Israeli zu sein, während man gegen unseren Regierungschef wegen Korruptionsvergehen ermittelt und die Koalition ihn weiterhin unterstützt. Damit fühle ich mich nicht gut. Das wirft sehr grundlegende Fragen bei mir darüber auf, was es bedeutet, Israeli zu sein: Ich denke an Demokratie und Rechtsstaat, und auch an die Vision von Theodor Herzl, dass wir »ein Licht für die Völker« sein sollen …

Ist das nicht ein übertriebener Anspruch des Zionismus?
Nein. Wir sollten zumindest danach streben, so zu sein.

Schauen wir in die Zukunft. Was wäre Ihr größter Wunsch zu Israels 80. Geburtstag?

Eine Führungspersönlichkeit, die – anders als es heute ist – eine gemeinsame Basis für alle Gruppen innerhalb der israelischen Gesellschaft erkennt: Religiöse und Säkulare, Juden und Araber, Siedler und Nicht-Siedler. Diese ganz verschiedenen Menschen, die allesamt Hebräisch sprechen, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, das wäre mein größter Wunsch für die nächsten zehn Jahre.

Mit dem Schriftsteller sprach Ayala Goldmann.

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