Etgar Keret

»Streit ist das Wichtigste«

Der Autor über die Linke in Israel und warum viele ihn für einen schlechten Juden halten

19.04.2018 – von Kirsten RulfKirsten Rulf

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Etgar Keret wirkt ein bisschen wie eine der Figuren aus seinen Kurzgeschichten: hineingeworfen in eine leicht surreale Szene und mit großem Erstaunen über das, was um ihn herum und mit ihm passiert. Der israelische Schriftsteller sitzt in einem Bostoner Café im blauen Freizeithemd und ausgewaschenen Jeans völlig regungslos auf einem Hocker, trinkt gemächlich seinen Tee und schaut ins Leere, während um ihn herum Studenten hektisch auf die Tastaturen ihrer Laptops einhauen oder sich gegenseitig über drei Tische hinweg die Lösungen für Matheaufgaben zurufen.

Erst als er angesprochen wird, wird Keret auf einen Schlag lebendig. »Wenn ich auf Lesereise bin, fühle ich mich immer wie ein verschlossenes Paket. Ohne dass mich jemand hin- und herschiebt, bewege ich mich dann überhaupt nicht von selbst«, erklärt der in Ramat Gan geborene Autor. Wenn Etgar Keret dagegen nicht auf Lesereise ist, ist er fast immer in Aktion: Der 50-Jährige konfrontiert in seinen Büchern die unterschiedlichen Gruppen und Schichten der israelischen Gesellschaft miteinander, meistens in surrealen und dadurch oft besonders provokativen Situationen. Im Mai, pünktlich zum 70. Geburtstag von Etgar Kerets Heimatland, erscheint in Israel seine neue Kurzgeschichtensammlung.


Herr Keret, Sie haben vor Kurzem mit über 30 anderen Künstlern einen offenen Brief an die israelische Regierung geschrieben, der den Umgang mit afrikanischen Flüchtlingen kritisiert. Welche Macht hat die Kunst, und welche Rolle spielen Künstler in den gesellschaftlichen Diskussionen in Israel derzeit?
Ich glaube, die Literatur ist wie ein Flüstern. Wenn man es hören möchte, kann man es hören. Aber wenn man es ignorieren möchte, dann kann man das sehr leicht tun. Unser Statement hatte jedenfalls zu wenig Resonanz in Israel. Für mich ging es bei der Aktion aber um viel mehr als um einen einzelnen Protestbrief oder den Umgang mit Flüchtlingen. Für mich ist Israel gerade an einem Punkt, an dem die Regierung dabei ist, das Wesen des Judentums quasi für alle Juden neu zu definieren.

Wie meinen Sie das?
Es gibt Parteien in Israel, die im Namen des Judentums bestimmte Diskussionen und Kritik verbieten wollen. Aber es ist schon seit der Bibel das Merkmal von jüdischen Autoren und Heldenfiguren, dass sie mit allen und jedem diskutieren, selbst mit Gott. Streit ist das Wichtigste. Dieser Wert steht für mich derzeit in Israel infrage, deshalb ist die politische Diskussion im Augenblick für mich auch eine fundamentale Diskussion darüber, was grundlegende jüdische Werte sind und was nicht.

Wie beeinflusst das Ihr tägliches Schreiben und Ihre Arbeit als Schriftsteller?

Die wichtigste Rolle von Literatur für mich ist, Mitgefühl zu schaffen. Wenn man ein Buch liest, dann versetzt man sich in den Kopf und in die Gefühlswelt eines anderen hinein, egal, ob das der Autor oder der Held ist. Aber derzeit will die Mehrheit der Menschen sich einfach nicht mehr in den Kopf eines anderen hineinversetzen. Dadurch werden manche Stimmen und Sichtweisen deutlich stärker gehört, und andere verschwinden fast ganz. Die Antworten, die Erklärungen werden simpler. In meinen Geschichten ist es mir deshalb besonders wichtig, komplexe und vielfältige Gefühle darzustellen und auch genauso ambivalent zu belassen, wie sie sind. In den Augen von manchen Israelis macht mich das derzeit fast zu einem schlechten Juden.

Zögern Sie deshalb manchmal mit dem, was Sie eigentlich schreiben wollen?
(Denkt lange nach) Unbewusst tue ich das. Wenn ich einen Kommentar über etwas schreiben möchte, von dem ich weiß, dass es sehr kontrovers ist, und meiner Mutter geht es gerade nicht so gut, dann sage ich mir selbst: »Mit den Querelen will ich mich gerade nicht rumschlagen!« Wenn ich jetzt einen Kommentar für eine Zeitung schreibe, dann mache ich mich innerlich hart und bereite mich vor.

Das klingt drastisch.
Meine Eltern sind beide Schoa-Überlebende, sie waren politisch eher rechts orientiert. Mein Bruder ist ein antizionistischer, linker Aktivist, der die Bewegung zur Marihuana-Legalisierung in Israel angeführt hat, ich bin linksliberal, und meine Schwester ist eine ultraorthodoxe Jüdin, die viele Jahre in einer Siedlung gelebt hat. Mein Vater hat immer dazu gesagt: »Das Wichtigste für mich ist, dass ihr alle gute Menschen seid, und wir alle wollen, dass die Welt ein bisschen besser wird. Wir streiten nur über den richtigen Weg, um das zu erreichen.« Diese Art, miteinander völlig uneins zu sein und sich doch zu respektieren, die gibt es immer weniger. Verschiedener Meinung zu sein, aber nicht auf eine hasserfüllte Art und Weise.

Im Mai erscheint Ihre neue Kurzgeschichtensammlung. Der »New Yorker« hat vorab eine Geschichte daraus veröffentlicht, die zum Teil aus der Sicht eines Kindes erzählt. Das ist in vielen Ihrer zuletzt erschienenen Kurzgeschichten der Fall. Warum?
Als Kind hat man einfach einen anderen Blick. Diese Fähigkeit, das Rätsel des Lebens selbst für sich auszuknobeln und nicht einfach Antworten von anderen zu akzeptieren und danach zu leben – das ist eine ganz besondere Perspektive, von der wir alle viel lernen können und sollten.

Zum Beispiel?
Als mein Sohn noch klein war, waren wir einmal im Restaurant. Er hat Nudeln ohne Gemüse bestellt, aber die Nudeln kamen mit Gemüse. Der Kellner hat behauptet, mein Sohn habe das so bestellt. Als Vater habe ich mich darüber aufgeregt und mich lauthals beschwert, habe sogar den Restaurantmanager rufen lassen. Der hat sich tausendfach entschuldigt und meinem Sohn neue Nudeln ohne Gemüse bringen lassen. Als wir gehen wollten, hat er uns als Entschuldigung sogar noch umsonst ein Stück Kuchen für meinen Sohn gebracht. Ich habe mich in dem Moment gefühlt wie Michael Kohlhaas, wie ein stolzer Kämpfer für Restaurantkunden, für die Rechte meines kleinen Sohnes, für Gerechtigkeit. Auf dem Nachhauseweg blieb mein Sohn plötzlich stehen und sagte zu mir: »Papa, tust du mir einen Gefallen? Kannst du bitte ab jetzt immer den Kellner anbrüllen? Dann bekommen wir immer umsonst Nachtisch!«

Wie haben Sie darauf reagiert?
Das hat mich umgehauen. Meine Sichtweise auf die Situation, mein Stolz auf meinen Kampf für Gerechtigkeit und die richtigen Nudeln, das war wie weggeblasen von der Sichtweise meines vierjährigen Sohnes, der nur verstanden hat, dass man Leute nur herunterputzen muss, damit man Kuchen bekommt. Er hat mich nur als den Pöbler gesehen, überhaupt nicht als Gerechtigkeitskämpfer. Das war ein Schock. Seitdem habe ich nie mehr jemanden, der mir gegenüber in einer schwächeren Position ist, vor meinem Sohn angeschrien. Aber diese beiden gegensätzlichen Perspektiven, also die des Kindes und die des Vaters, die finden sich seitdem in fast allen meinen Geschichten.

Mit dem israelischen Schriftsteller sprach Kirsten Rulf.

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