Perspektive

Mit Weitblick

Die Tora lehrt, dass man G’tt auch in Zeiten von Not und Unheil erkennen kann

19.04.2018 – von Rabbiner Jaron EngelmayerRabbiner Jaron Engelmayer

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Angesichts widriger Umstände und Unglücksfälle fällt es dem Gläubigen schwer, an seiner Glaubenskraft festzuhalten. Solche Umstände scheinen den Ungläubigen Angriffsfläche zu bieten und die Existenz einer höheren, sich einmischenden Macht zu widerlegen, insbesondere, wenn es gerechten und frommen Menschen schlecht geht. Davon konnte schon Hiob nicht nur ein (trauriges) Lied singen, sondern ein ganzes Buch schreiben.

Auch in unserem Wochenabschnitt wird diese große Frage der Theodizee thematisiert, jedoch unter einem sehr spezifischen Gesichtspunkt – es geht um Aussatz: »Wenn ihr in das Land Kena’an kommen werdet (...) und Ich am Haus im Land eures Erbbesitzes einen Aussatz geben werde, dann soll derjenige, dem das Haus gehört, kommen und dem Priester berichten: ›Etwas wie ein Aussatz ist mir am Haus erschienen‹« (3. Buch Mose 14, 34–35).

Rabbi Jaakov ben Ascher (1283–1340) bringt in seinem Kommentar Baal Haturim zu der Stelle eine merkwürdige Anmerkung: »Es gibt zwei Stellen in den gesamten Heiligen Schriften, an denen der Ausdruck ›es ist mir erschienen‹ in dieser Wortwahl vorkommt – dieser, und der andere: ›Von Weitem ist mir der Ewige erschienen‹ (Jirmejahu 31,3). Und das ist es, was unsere Weisen sagen: Selbst ein Gelehrter und einer, der sich auf dem Gebiet des Aussatzes auskennt, soll nicht ›Aussatz‹, sondern ›wie ein Aussatz‹ sagen. Und das ist: ›von Weitem ist mir erschienen‹, dass er die Angelegenheit von Weitem angehen und nicht festlegen soll, dass es ein Aussatz ist.«

Kontext Jaakov ben Aschers Kommentar bedarf einer Erläuterung, denn was haben die beiden Satzstellen außer der rein wörtlichen Übereinstimmung des Ausdrucks »ist mir erschienen« gemeinsam? Und wie ist Jirmejahus Formulierung mit der Aussage der Weisen in Verbindung zu bringen?

Tatsächlich können wir unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes feststellen, dass es sich bei beiden Satzstellen um zwei sehr ähnliche Situationen handelt: Auf der einen Seite treffen wir den Propheten Jirmejahu in einer äußerst stürmischen Zeit an. Es ist die Zeit der Zerstörung des Ersten Tempels. Das jüdische Volk muss das Land Israel nach mehr als 800 Jahren zum ersten Mal verlassen und ins Exil gehen. Es wird von Unruhen und Leiden stark heimgesucht und geht einer ungewissen, beängstigenden Zukunft entgegen (Jirmejahu 30, 4–7). Das jüdische Volk sieht schwarz.

In diesen Stunden ist es die große und schwere Aufgabe des Propheten, das Volk zu trösten. Eine seiner tröstenden Botschaften lautet: »Von Weitem ist mir der Ewige erschienen!«
Auch in Zeiten der Dunkelheit kann man G’tt entdecken und erkennen. Wie? Von Weitem! Wenn man den Blick fürs Weite hat, wenn man versteht, von den Dingen und den gegenwärtigen Ereignissen Abstand zu nehmen, dann wird G’tt einem selbst da erscheinen.

Auch das Unheil und die Not ist Teil des g’ttlichen Planes, aber das Blickfeld des Menschen ist oft zu begrenzt und reicht nicht aus, um dies zu erkennen, wenigstens nicht sofort. Der vom Unglück Betroffene kann durchaus zu der schmerzhaften Annahme gelangen, dass die Dinge keinen Sinn ergeben. Dies kann ihn – zusätzlich zu seinem persönlichen Schmerz – an den Rand der Verzweiflung bringen.

Wenn er aber die Sichtweite Jirmejahus oder etwa Rabbi Akiwas (Midrasch Ejcha Rabba 5,18; Talmud Makkot 24) besitzt, die in den Zeiten der Zerstörung Zeichen der Erlösung sehen und auch im Unheil selbst G’tt erkennen können, dann findet er Trost und erkennt den Sinn der Dinge.

Verzweiflung Eine ähnliche Situation finden wir in unserem Wochenabschnitt vor: Ein Aussatz an einem Haus kann zu dessen Zerstörung führen (3. Buch Mose 14,45): »Und er zerschmettere das Haus, seine Steine und seine Hölzer.« Dies sollte tatsächlich ein Grund der Verzweiflung sein. Ein ganzes Leben lang wird mit aller Kraft und sämtlichen finanziellen Mitteln in den Aufbau eines eigenen Hauses investiert, und ein kleiner Aussatz genügt, um das alles zunichtezumachen. Eine Tragödie!

Doch auch hier gelten die Worte Jirmejahus, und dies ist der Hinweis des Baal Haturim: Man »soll nicht ›Aussatz‹, sondern ›wie ein Aussatz‹ sagen (...), die Angelegenheit von Weitem anfassen und nicht festsetzen, dass es ein Aussatz ist!«

Abstand zu nehmen, macht den Weg zum Trost frei. Wie bei der nationalen Tragödie Jirmejahus kann auch bei der persönlichen Tragödie G’tt durch den Weitblick erkannt und das Gute im Unheil entdeckt werden. Und dann wird dem Betrachter der Aussatz nicht als »Nega« (hebräisch für Aussatz), sondern »wie ein Aussatz« erscheinen, der sich in Wirklichkeit als »Oneg« – als »Vergnügen« – entpuppt, je nachdem, wo man den hebräischen Buchstaben »Ajin« (deutsch: »das Auge«) hinsetzt und welchen Blickwinkel man einnimmt.

Botschaft Mit der Kraft dieser Botschaft meisterte auch unser Vorvater Awraham seine schwerste Prüfung, die (Beinahe-)Opferung seines Sohnes Jizchak: »Und Awraham erhob seine Augen, und er sah den Ort von Weitem« (1. Buch Mose 22,4).

Auch Awraham hatte den nötigen Abstand und den Blick fürs Weite, was ihm die Kraft gab, dieser schweren Prüfung mit G’ttvertrauen entgegenzugehen (»den Ort«: Bezeichnung für G’tt, wie in der Haggada zum Sederabend deutlich wird: »Baruch Hamakom« – »gesegnet sei der Ort, also G’tt«).

Der mittelalterliche Kommentator Raschi (1040–1105) erklärt zum Aussatz am Haus: »Die Emoriter versteckten ihre Goldschätze in den Hauswänden, während die Israeliten 40 Jahre in der Wüste waren; durch den Aussatz wurde das Haus eingerissen und der Schatz gefunden.«

Manchmal wird das Gute im Unheil direkt und offen sichtbar, wie in der Beschreibung des Kommentators Raschi. Manchmal dauert es aber eine Weile – ein paar Tage, Monate oder auch Jahre –, um den nötigen Abstand zu gewinnen. Spätestens zu Zeiten der Erlösung wird es geschehen, dessen können wir sicher sein: »Wenn G’tt die Weggeführten Zions zurückführen wird, werden wir wie Träumende gewesen sein. Dann wird sich unser Mund mit Lachen füllen. (...) Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten« (Tehillim 126,1). Mögen alle Tränen möglichst bald durch Lachen und Jubel ersetzt werden!

Der Autor ist Rabbiner in Karmiel/Israel.


inhalt
Der Wochenabschnitt Tasria lehrt die Gesetze für die Wöchnerin und die Dauer der Unreinheit. Bei einem männlichen Kind wird zudem festgelegt, dass es am achten Tag nach der Geburt beschnitten werden soll. Außerdem übermittelt Tasria Regeln für Aussatz an Körper und Kleidung.
3. Buch Mose 12,1 – 13,59

Im Wochenabschnitt Mezora wird die Reinigung von Menschen beschrieben, die von Aussatz befallen sind. Außerdem wird geschildert, wie mit Unreinheiten durch Aussonderungen der Geschlechtsorgane umzugehen ist.
3. Buch Mose 14,1 – 15,33

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