Antisemitisches Mobbing

Lauter Einzelfälle

Gewerkschaften und Initiativen fordern Politiker zum Handeln auf

Aktualisiert am 12.04.2018, 14:36 – von Jérôme LombardJérôme Lombard

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Dieser Fall von Antisemitismus auf einem Berliner Schulhof sorgte bundesweit für Schlagzeilen: An der Paul-Simmel-Grundschule im Bezirk Tempelhof wurde ein Mädchen von muslimischen Mitschülern über Jahre hinweg gemobbt. Ein Schüler soll gar damit gedroht haben, die Zweitklässlerin umzubringen, weil sie nicht an Allah glaube.

Der Fall war Ende März bekannt geworden, nachdem sich der Vater des Mädchens an die Öffentlichkeit gewandt hatte. Gegenüber dem »Tagesspiegel« sagte der 41-Jährige, dass es sich für seine Tochter um eine »direkte Bedrohungslage« gehandelt habe. »Die Mitschüler haben meine Tochter mit Schlägen und dem Tod bedroht und sogar noch angefangen, eine entsprechende Mannschaft zu organisieren.«

Habe es sich lange Zeit um allgemein religionsmotiviertes Mobbing gehandelt, sei später auch Antisemitismus hinzugekommen. Ein Mitschüler habe seine Tochter gefragt, ob sie Jüdin sei, berichtet der Vater. Da ein Elternteil jüdisch ist, habe sie das bejaht.

Daraufhin soll der Schüler das Wort »Jude« mehrfach in bedrohlicher Weise wiederholt haben. In der Jungs-Clique sollen zudem Handy-Videos kursiert sein, auf denen Propaganda des sogenannten Islamischen Staates (IS) gezeigt wurde.

druck Die Berliner Senatsbildungsverwaltung hatte nach Bekanntwerden der Ereignisse bestätigt, dass es an der Schöneberger Grundschule zu derartigen Vorfällen gekommen war. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) reagierte bestürzt und erklärte, dass sie in den Osterferien an der Schule ein Krisengespräch mit allen Beteiligten führen wolle. »Die Schule nimmt das sehr ernst«, betonte Scheeres zudem.

Zunächst sah es allerdings nicht danach aus, als sei sich die Schule der Brisanz der Lage bewusst. Der Leiter der Grundschule, Thomas Albrecht, erklärte, dass er die Aufregung um das Mädchen für übertrieben halte. Es habe sich um einen Einzelfall gehandelt. Erst, nachdem der öffentliche Druck auf ihn zugenommen hatte, räumte Albrecht die Vorkommnisse ein.
Das jüdische Mädchen sei nicht die einzige Schülerin an seiner Schule gewesen, die aus religiösen Motiven heraus von Mitschülern gemobbt wurde, schrieb Al­brecht in einem offenen Brief.

In dem Schreiben entschuldigte er sich für seine Fehleinschätzung. Er habe »die Geschehnisse harmloser dargestellt, als sie sind«. Das Verhalten der Schüler sei »menschenverachtend«. Er wolle pädagogische Projekttage durchführen, die klarmachten, dass Intoleranz und Hass keinen Platz im Klassenzimmer haben.

verharmlosung Mit der anfänglichen Bewertung des antisemitischen Mobbings als Einzelfall stand der Schulleiter freilich nicht alleine dar. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte mit Blick auf die Ereignisse von einem »besorgniserregenden Vorfall« gesprochen, der aber »hoffentlich nur ein Einzelfall ist und bleibt«.

Wenzel Michalski kann angesichts solcher Äußerungen nur mit dem Kopf schütteln. Sein heute 14-jähriger Sohn Oscar wurde ebenfalls Opfer antisemitischer Übergriffe durch muslimische Mitschüler an dessen ehemaliger Schule in Berlin-Friedenau.
Der Fall hatte im Herbst 2017 zu Debatten über Judenhass an deutschen Schulen geführt. »Die Leute kapieren es einfach nicht«, sagt Michalski wütend. »Anstatt sofort mit ihrer pädagogischen Kompetenz einzugreifen, stecken viele Lehrer bei Antisemitismus nur den Kopf in den Sand.« An der Friedenauer Gemeinschaftsschule sei es nach dem Weggang seines Sohnes zu keinerlei personellen oder strukturellen Konsequenzen gekommen.

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, spricht von »systematischer Verharmlosung«. »Antisemitismus ist an den Schulen leider kein Einzelfall.« Erst kürzlich habe ihn Familie Rückert aus Berlin-Spandau kontaktiert. Deren Sohn Liam wurde von arabischstämmigen Mitschülern seiner 10. Klasse an der »Schule an der Jungfernheide« in Spandau wiederholt antisemitisch beschimpft. »Ich bin wirklich fassungslos, dass so etwas im 21. Jahrhundert möglich ist«, sagt Liams Mutter Billy Rückert der Jüdischen Allgemeinen.

schulleitung Wegen des Mobbings schwänze Liam häufig die Schule, an Klassenfahrten wolle er nicht teilnehmen. Inzwischen hätten sich seine Noten derart verschlechtert, dass der Mittlere Schulabschluss gefährdet ist. »Ich hoffe, dass die Schulleitung nach mehreren Gesprächen endlich etwas unternimmt, um Liam vor den Antisemiten zu schützen«, sagt die Mutter. Notfalls wolle sie auch Anwälte einschalten.

Der Antisemitismusbeauftragte der Berliner Gemeinde will Familie Rückert unterstützen. Der Fall sei symptomatisch, sagt Königsberg. »Die Mehrheit der Vorfälle von Antisemitismus an Schulen sind unterschwellige Beschimpfungen. Die wer-
den aber nie publik. Die Eltern sagen nichts, oder die Lehrer versuchen, die Dinge unter den Teppich zu kehren«, so Königsberg.

Es seien nur einige wenige Vorfälle, die es in die Berichterstattung in den Medien schaffen würden. Die meisten antisemitischen Vorkommnisse jedoch liefen unterhalb der Wahrnehmungsgrenze ab. »Es läuft einiges gehörig falsch, wenn nicht die Angreifer die Schule verlassen müssen, sondern die Opfer antisemitischer Übergriffe, weil ansonsten die Eltern die Sicherheit ihrer Kinder nicht mehr gewährleistet sehen«, sagt Sigmount Königsberg.

Auch Michael Groys findet, dass an vielen Schulen in der Bundesrepublik etwas falsch läuft. Der 25-jährige Publizist engagiert sich in der SPD und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. »Nach jedem Vorfall tut die Politik so, als sei Antisemitismus im Klassenzimmer etwas Neues. Für uns Juden in Deutschland ist das Thema aber überhaupt nicht neu«, sagt er.

berichte Ihn erreichten privat immer wieder Berichte über Mobbing und Attacken auf jüdische Schüler. Meistens seien die Täter muslimische Jugendliche. Oftmals ginge es um den Nahostkonflikt. Groys verweist auf eine Umfrage des American Jewish Committee (AJC) unter Berliner Lehrern.

Die Pädagogen berichten demnach von einer gestiegenen Bedeutung von Religion im Schulalltag, insbesondere unter muslimischen Jugendlichen, sowie einem Anstieg von judenfeindlichen Äußerungen.
»Mich ärgert die scheinbare Machtlosigkeit der Politik«, sagt Groys. Anstatt leerer Solidaritätsbekundungen fordert er umgehendes Handeln.

»Wir müssen den Opferschutz verbessern und den Lehrern das nötige Knowhow an die Hand geben, damit diese bei antisemitischen Vorfällen sofort einschreiten können.«
Zudem sieht Groys den Berliner Senat in der Pflicht, einen landeseigenen Antisemitismusbeauftragten als übergeordneten Ansprechpartner einzusetzen. »Das wäre ein starkes Signal der Politik«, meint Groys.

nahostkonflikt Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht Handlungsbedarf. »In der Ausbildung für Lehrer und Erzieher muss das Thema Antisemitismus und Antidiskriminierung zum festen Bestandteil werden«, sagt Markus Hanisch, Pressereferent des Berliner GEW-Landesverbands.

Viele Lehrer trauten sich an die »heißen« Themen Nahostkonflikt und Hass auf Israel nicht heran, erläutert Hanisch. In der Ausbildung spiele beides selten eine Rolle. »Bei der Prävention von Antisemitismus und dem richtigen Umgang mit Mobbing fühlen sich die Pädagogen alleingelassen. Sie brauchen Unterstützung«, sagt Hanisch.

Bislang sind es vor allem freie Träger, die Lehrern und Schülern Beratung anbieten. Das Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) beispielsweise organisiert Weiterbildungen für Lehrer.

Die 2017 von der ZWST gegründete Beratungsstelle »OFEK« berät Schüler und Eltern, die Antisemitismuserfahrungen gemacht haben. Die »Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus« (KIgA) bietet Workshops vor allem für Schüler mit muslimischem Hintergrund an.

»Wenn Lehrer mit antisemitischen oder diskriminierenden Aussagen überfordert sind, macht es Sinn, externe Hilfe aus den Teams von Bildungsträgern zu holen«, sagt KIgA-Mitbegründer Dervis Hizarci.

online-chat Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) hat einen Online-Chat gestartet, bei dem Schüler anonym Rat finden können. »Die aktuellen Vorfälle unterstreichen die Notwendigkeit, ein Angebot für Jugendliche zu schaffen, das ihnen frühzeitig die Möglichkeit einräumt, antisemitische Diskriminierungen zu thematisieren«, sagt der Sprecher des Forums, Levi Salomon. Wichtig sei zudem die Dokumentation antisemitischer Vorfälle.

Der Forderung nach einer bundesweiten Statistik über religiös motivierte Gewalt an Schulen haben sich der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Polizeigewerkschaft GdP und zahlreiche prominente Politiker wie der Vorsitzende der CDU-CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, angeschlossen.

Publizist Michael Groys findet, dass die bundesweite Erfassung antisemitischer Übergriffe eine längst überfällige Notwendigkeit ist. »Wenn es eine Statistik gibt, hört endlich das dumme Gerede vom Einzelfall auf«, meint er.

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