»New-Authority«

Vertrauen statt Macht

Mit einem Konzept wollen israelische Psychologen Eltern, Lehrer und Kinder stärken

22.03.2018 – von Maria UgoljewMaria Ugoljew

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Drei Frauen schauen sich schweigend an. Zwei von ihnen sitzen auf einem Stuhl, eine hockt auf dem Boden. Die Minuten vergehen. »Was wollt ihr von mir?«, fragt Linda verärgert. »Wir wollen von dir eine Lösung hören«, antwortet Conny mit ruhiger Stimme. »Dass es mir leidtut, habe ich euch doch schon gesagt«, erwidert Linda. »Das ist keine Lösung«, meint Sandra. »Okay – ich werde die ganze nächste Woche kein Internet benutzen«, kontert Linda. »Könnt ihr jetzt mein Zimmer verlassen?« Stille. Conny und Sandra bleiben sitzen wie zuvor, dann erheben sie sich langsam und verlassen schweigend den Raum.

Ein langer Applaus setzt ein. »Das war Klasse«, ruft Efrat. Sie hat die Szene aufmerksam mitverfolgt, sich viele Notizen gemacht. Nun möchte die Psychologin mit ihrer Workshop-Gruppe die nachgestellte Familiensituation – mit Linda als Tochter, Conny als Mutter und Sandra als Vater – auswerten.

Die Übung im Veranstaltungsraum des Berliner Pfefferwerks entstammt dem israelischen Konzept der »New Authority«, der »Neuen Autorität«, das Eltern und Lehrer starkmachen möchte gegen Ohnmacht und Gewalt in der Beziehung zu ihren Kindern und Schülern. Es wird in der Regel bei sehr problematischen Eltern-Kind-Beziehungen eingesetzt. Mütter und Väter, die bei Efrat und ihrem Team des Schneider Children’s Medical Center in der Nähe von Tel Aviv professionelle Hilfe suchen, haben meist schon viel durchgemacht.

gandhi Auf Einladung des Balagan-Privatzentrums für Therapie und der Pfefferwerk Stadtkultur sind die Experten aus Israel nun für einige Tage nach Berlin gekommen. Ihr Ziel: Fachkräfte aus Kitas, Schulen, Jugendhilfe- und Beratungseinrichtungen auf dem Gebiet fortzubilden. Auch Idan Amiel ist unter den Gästen. Er gilt als Schlüsselperson bei der Entwicklung des Konzepts der »Neuen Autorität«. Aus seiner langjährigen Therapeutentätigkeit am Schneider Children’s Medical Center hat er für den Workshop einige Beispiele aus der Praxis mitgebracht. Zuvor erklärt er im Schnelldurchlauf die Idee des Konzepts.

Entwickelt wurde es von Haim Omer, Psychologieprofessor an der Universität Tel Aviv. Sein Ansatz stützt sich auf die Vorstellungen des indischen Widerstandskämpfers und Morallehrers Mahatma Gandhi von gewaltfreiem Widerstand, überträgt also ein politisches Prinzip auf die Familienarbeit. Erziehung sei ebenso eine politische Handlung, wie Politik erzieherische Aspekte habe, lautet Omers Begründung. In beiden Bereichen haben seiner Überzeugung nach Führung und Autorität eine zentrale Rolle zu spielen.

Doch was heißt Autorität im 21. Jahrhundert? Der Begriff habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, sagt Idan Amiel. Die traditionelle Autorität, bei der blinder Gehorsam nach dem Motto »Was der Vater oder Lehrer sagt, hat das Kind zu befolgen« eingefordert wird, sei Geschichte. Genauso sei der Ansatz der antiautoritären Erziehung, in der Kindern keine Schranken gesetzt werden, gescheitert.

Bereits seit den 80er-Jahren hätten Forschungen darauf hingewiesen, dass Kinder und Jugendliche, die keine Einschränkungen erfahren, ein höheres Maß an Problemen zeigten. Sie seien gewaltbereiter, schwänzten öfter die Schule oder griffen zu Drogen. Außerdem sei ihr Selbstwertgefühl nicht stark ausgeprägt. Denn sie lernten es nicht, Schwierigkeiten erfolgreich zu bestehen.

dorf Wie kann eine zeitgemäße Kindererziehung heute also aussehen, wenn bisherige Modelle keine Gültigkeit mehr zu haben scheinen? Idan Amiel und Haim Omer schlagen das »New Authority«-Konzept vor. Ihre Zauberformel dabei lautet: Erwachsene sollten Präsenz zeigen bei den Kids. Und: Sie müssten nicht alle Aufgaben selbst bewältigen, sondern sollten dem afrikanischen Sprichwort folgen: »Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.«

Wie sich die Formel in der Praxis umsetzen lässt, hat Melanie Hubermann festgestellt. »Wir reden viel in der Familie«, sagt die Balagan-Geschäftsführerin, Therapeutin und Mutter von drei Töchtern im Alter von sieben, 14 und 18 Jahren. »Ich teile mit meinen Töchtern mein Leben und meine Erfahrungen. Dabei denke ich nicht, dass ich ein perfektes Bild von mir abgeben müsste. Die Hauptsache ist, dass ich bei den Mädchen präsent bin.« Die Mutter schaut sich gemeinsam mit den Töchtern zum Beispiel Fernsehserien an, die sie von allein nicht interessieren würden. Im Anschluss wird bei Familie Hubermann darüber diskutiert.

Außerdem habe sie sich früher jemanden gesucht, der mit den Kleinen auf den Spielplatz geht. »Ich hatte immer unheimliche Angst, dass denen beim Klettern etwas passiert. Ich konnte nicht zuschauen.« Als ihr das bewusst wurde, habe sie eine Spielplatz-Nanny engagiert. Das Problem war gelöst.

taktik Es sei wichtig, die eigenen Ängste nicht auf seine Kinder zu projizieren, meint die Therapeutin. »Es gibt Studien, die aufzeigen, dass Ängste, fehlendes Vertrauen, aber auch Traumata von Generation zu Generation weitergegeben werden, wenn keiner etwas verändert.« Oft seien es Frauen, denen das Vertrauen fehlt. Bei jüdischen Müttern habe sie das bereits häufig beobachtet, ob aufgrund eigener Erfahrungen oder im Rahmen ihres Therapieangebots.

Sie hat für Eltern einige Tipps parat. Einer davon lautet: »Sobald Sie merken, dass Ihnen eine Entscheidung schwerfällt, holen Sie sich Hilfe dazu.« Oder: »Ein Kind muss man loslassen können, wenn es sich das wünscht. Eltern sollten darauf vertrauen, dass alles klappt.« Und: »Wenn Eltern denken: ›Ach, das schafft mein Kind nicht‹, ›Das kann mein Kind nicht‹, dann schafft es das Kind auch nicht, denn ihm fehlt das Vertrauen.«

Letzteres erlebt auch Idan Amiel in seiner Familie. Sein jüngster Sohn gehe zurzeit nicht gern in die Schule, sagt er. Warum das so ist, hat er bereits durchschaut. »Meine Frau hasste die Schule. Ihre Ängste sind nun auch jene von Michael.«

Dafür sei er bei der Handy-Frage seines älteren Sohnes einen Schritt weitergekommen. Dabei ist der Therapeut einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Anstatt selbst darüber zu entscheiden, ob der zehnjährige Jotam ein Handy bekommt oder nicht, gab er die Frage an dessen Klasse weiter. Die Eltern der Mitschüler sollten daraufhin gemeinsam entscheiden, welches Handy sie ihren Kindern zur Verfügung stellen wollen. Eines mit oder ohne Internetzugang? Gleich ein Smartphone oder lieber eine einfachere Variante? »Meinem Sohn habe ich währenddessen gesagt: ›Hör zu, ich muss mir das überlegen‹«, berichtet Idan Amiel. Die Antwort hinauszuzögern, sei eine akzeptable Taktik.

extremsituationen Am Ende entschied das Elternkollektiv: Alle Kinder sollten ein Handy bekommen, allerdings ohne Internetzugang. Sobald sie 14 Jahre alt sind, werde die Frage neu verhandelt. Kollektive Entscheidungen statt individueller Überforderung, Präsenz statt Rückzug – das sind die Merkmale der Neuen Autorität.

Conny, Sandra und Linda sind geschafft von ihrem »Sit-in«, wie die Therapeuten die Aufgabe nennen. »Es war befreiend, als wir den Raum verlassen haben«, sagt Conny. Die Stimmung sei angespannt gewesen, die Luft habe förmlich gebrannt. »Wie sollten wir die Übung eigentlich beenden?«, fragt Sandra. Das sei eine gute Frage, meint Efrat. Den Eltern in der Therapie sage sie immer, dass ein Sit-in 30 bis 60 Minuten dauern könne. »Sobald es einen konstruktiven Vorschlag gibt, den sie bereit sind, zu akzeptieren, kann es beendet werden.«

Eltern, die am Schneider Children’s Medical Center diese Sit-in-Übung mit nach Hause bekommen, haben bereits Extremsituation erlebt. Die Kinder nehmen teils Drogen, gehen nicht zur Schule, schlagen ihre Mutter oder ihren Vater. Ein Dialog zwischen beiden Parteien gelingt schon lange nicht mehr. »Viele, die zu uns kommen, sind wirklich hilflos, obwohl sie bereits mehrere Therapien versucht haben«, sagt Idan Amiel.

whatsapp Eine Therapiesitzung läuft in seiner Einrichtung folgendermaßen ab: »Es läuft alles über die Eltern, wir lernen die Kinder nicht kennen«, sagt der Experte. Während es in der ersten Sitzung ausschließlich um die Mütter und Väter geht, ist eine zweite Sitzung dem »Dorf« gewidmet. »Wir sagen ihnen: ›Bringt beim nächsten Mal Leute mit, denen ihr vertraut.‹ Das können Verwandte, aber auch Freunde oder Nachbarn sein.« Je mehr Menschen aktiviert werden können, umso besser.

Auch Neue Medien kommen in der Therapie zum Einsatz. Denn das »Dorf« gründet eine WhatsApp-Gruppe. Darin können mit der Situation überforderte Eltern auf kürzestem Weg Unterstützung einfordern. »Das Ganze wird von uns zu Beginn eng betreut«, sagt Idan Amiel. Die Therapeuten geben Kommunikationstipps und vieles mehr. In der Regel bekämen seine Klienten die Situation zu Hause in den Griff. »Das Wichtigste ist, mit dem Kind in Kontakt zu bleiben, eine Beziehung zu ihm aufzubauen, egal was passiert«, ist Idan Amiel überzeugt.

Auch bei Melanie Hubermann gibt es eine Familien-WhatsApp-Gruppe. Während des Workshops schaut sie immer mal wieder aufs Display. Später erzählt sie, dass eine ihrer Töchter Probleme in der Schule hatte und das in der Gruppe besprechen wollte. Sie hätte dafür keine Zeit gehabt, sagt die Balagan-Geschäftsführerin. Wer weiß, ob sie am Abend ein Ohr dafür gehabt hätte. Dank der WhatsApp-Gruppe habe ihre Tochter allerdings gleich eine Rückmeldung bekommen, zwar nicht von ihr, dafür aber von den Großeltern.

Auf einen Schlag seien verschiedene Fragen geklärt worden: Das Mädchen habe sich an eine Vertrauensgruppe gewandt, konnte ihren Problemen Luft machen und bekam in wenigen Minuten eine Rückmeldung. Als Mutter sei sie entlastet worden, gleichzeitig wisse sie Bescheid, was los ist. Wenn sie am Abend mit ihrer Tochter über die Situation noch einmal sprechen sollte, habe sich womöglich vieles bereits geklärt.

»Bei uns zu Hause ist es ruhig«, sagt Melanie Hubermann. Sie schwört darauf, Autorität auf Präsenz aufzubauen. »Dabei ist es wichtig, sich selbst ernst zu nehmen und seine eigenen Ängste und Zwänge zu kennen.« Diese ließen sich nur zähmen, wenn sie beim Namen genannt würden. »›Name it to Tame it‹ – was man benennt, zähmt man, sagen wir Psychologen dazu.«

www.newauthority.net

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