opfer

Der erste Kiddusch

Warum der biblische Ritus des Sewach Sch’lamim ein Symbol für die jüdische Gemeinschaft ist

22.03.2018 – von Rabbinerin Elisa KlapheckRabbinerin Elisa Klapheck

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Wenn ich Mitglieder meiner Gemeinde frage, was ihnen das Gebet bedeutet, antworten viele mit dem Wort »Dankbarkeit«. Aber geht es in den Gebeten tatsächlich vor allem um Dankbarkeit?

Die Tora zählt in den ersten Kapiteln des 3. Buches Mose verschiedene Arten von Opfern auf: Ganzopfer, Schuldopfer, Sündopfer, Mahlopfer … Nur auf den ersten Blick erscheinen sie alle irgendwie gleich. Schon wenn man über den Unterschied zwischen »Schuld« und »Sünde« nachdenkt, beginnt man zu ahnen, dass ein »Schuldopfer« (Ascham) nicht dasselbe sein konnte wie ein »Sündopfer« (Chatat). Auch ein »Ganzopfer«, das vollständig in Rauch aufgehen sollte, musste etwas grundsätzlich anderes gewesen sein als ein »Mahlopfer«, gerade dann, wenn es auch von den Opfernden gegessen wurde.

Historisch sind die Gebete an die Stelle der Opfer getreten. Aber damit wurden die Intentionen der Opfer nicht verdrängt. Vielmehr hat sich die jeweilige Funktion eines Opfers in unserem Ritus erhalten. So erleben wir beispielsweise die Entschuldigungs- und Sühnegebete an Jom Kippur ganz anders als das reguläre Gebet an den Wochentagen.

aufzählung Der Wochenabschnitt »Zaw«, die zweite Parascha im 3. Buch Mose, setzt die Aufzählung der Opfersorten aus der ersten Parascha fort. Unter ihnen ist nun eines, das mich besonders anspricht: das Sewach Sch’lamim. Es ist ein Opfer, das auch die Kommentatoren und Bibelwissenschaftler seit jeher faszinierte, zumal es in vielerlei Hinsicht ganz anders angelegt ist als die anderen Tempelopfer.

In der Bezeichnung »Sch’lamim« ist das Wort »Schalom« enthalten. Deshalb werden die Sch’lamim häufig mit »Friedensopfer« übersetzt. Aber ist das die treffende Übersetzung? Und wie sieht es mit der Dankbarkeit aus?

Tatsächlich versteht sich das Sewach Sch’lamim zumindest an dieser Stelle in der Tora als Ausdruck des Dankes (3. Buch Mose 7,12). Deshalb ist es hier gleichbedeutend mit einem »Toda« – einem Dankopfer. Raschi (1040–1105) nennt jedoch als Voraussetzung für den Dank ein Wunder, zum Beispiel wenn Seefahrer, Wüstenwanderer, Gefangene oder Kranke durch ein Wunder vor dem Tod gerettet wurden. Das allerdings bedeutet keine generelle Dankbarkeit, sondern nur eine für besondere Erlebnisse.

Im Tanach bildeten das Dankopfer (Toda) und das Sewach Sch’lamim jedoch nicht immer dasselbe Opfer. Vielmehr scheint sich das Toda vom Sch’lamim gelöst zu haben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Bezeichnungen in unserer Parascha changieren. Mal ist von Sewach Hasch’lamim die Rede, dann vom »Dank- und Friedensopfer« (Sewach Todat Schelamaw) und dann nur vom Toda. Man spürt, dass hier verschiedene Auffassungen zusammengebracht werden.

Die Tora nennt noch einen zweiten Grund für ein Sewach Sch’lamim: die Erfüllung eines Gelübdes beziehungsweise eine freiwillige Gabe (7,16). Tatsächlich bildet sich aus dem Wortstamm sch-l-m auch das Verb leschalem, auf Deutsch: »bezahlen«. Deshalb übersetzen biblische Wörterbücher das Sch’lamim auch als »Be­­zahlungsopfer«.

Psalm 50 bringt die verschiedenen in der Tora genannten Gründe schön zusammen. In Vers 5 heißt es: »Versammelt mir meine Frommen, die meinen Bund schießen über dem Schlachtopfer (Sewach).« Vers 14 konkretisiert: »Opfere Gott Dank (Toda), und bezahle dem Höchsten deine Gelübde (Nedar’cha).«

bund Mir gefällt an den Formulierungen des Psalms 50 besonders, dass es die Frommen selbst sind, die mit ihrem Schlachtopfer den Bund mit Gott schließen. Das liegt auch an der inneren Qualität des Wortes »Sewach«, das dem Sch’lamim vorangeht. Sewach kommt von »schlachten« und meint hier ein Schlachtopfer. Offenbar musste dieses jedoch nicht unbedingt auf dem Altar im Tempel geschlachtet werden. Vielmehr bekräftigte es zu ganz verschiedenen Anlässen den Bund der Menschen mit Gott – allerdings auf Initiative der Menschen und im Rahmen eines Festmahls.

Im Tanach werden mehrere Gelegenheiten eines solchen Sewach beschrieben. Als der Priester Samuel Saul zum König über Israel auserkor, brachte er ein Sewach dar. Mit anderen Worten: Er veranstaltete ein großes Essen (1. Samuel 9). Später spendierte Salomon zu seiner Inthronisierung ein riesiges Sewach Sch’lamim (1. Könige 8, 61–63). Das klassische Sewach ist das Pessachlamm, das in der Nacht des Auszugs aus Ägypten gegessen wurde (2. Buch Mose 12–13) und an das wir auch heute mit dem Knochen auf dem Sederteller erinnern. Ein Opfer also, das zu Hause geschlachtet und gegessen wird.

Es ist in jedem Fall vorgeschrieben, das Sewach Sch’lamim zu essen. Deshalb ist oft in den Übersetzungen von einem »Mahlopfer« die Rede. Handelt es sich um ein Toda, also ein Dankopfer, gehört Brot oder Mazza dazu, und das Fleisch muss innerhalb eines Tages und einer Nacht verspeist sein. Sonst reichen zwei Tage.

Teilnahme Der Midrasch Hagadol betont den partizipativen Charakter des Sewach Sch’lamim. Tatsächlich schreibt die Tora vor, dass Gott vom Sewach einen besonderen Anteil erhält (die Nieren und das Fett), ebenso erhalten die Priester einen Teil (das Bruststück und eine Keule). Der Rest des Fleisches ist für diejenigen, die das jeweilige Opfertier gespendet haben.

Sch’lamim sei darum als schalem (auf Deutsch: vollständig) zu verstehen. Drei Sorten Gäste werden damit vereinigt: die Priester, die Mahlgemeinschaft und Gott als deren Ehrengast. Der Midrasch Hagadol sieht das als eine »vollständige« Gemeinschaft.

Diese Vorstellung vom Sewach Sch’lamim als einem Festmahl zur Bildung der jüdischen Gemeinschaft, bei der auch Gott dabei ist, gefällt mir sehr. Noch mehr gefällt mir daran, dass wir Menschen von uns aus mit solchen Momenten den Bund mit Gott nicht nur bekräftigen, sondern auch verwirklichen. Jedes Mal, wenn wir in meiner Gemeinde nach dem Gottesdienst Kiddusch machen und zusammen essen, empfinde ich diesen Moment des Bundes.

Hiermit verbinden sich noch zwei weitere Übersetzungen, die uns vielleicht gerade heute bestärken, die rituelle Seite des Judentums zu leben. Manche Kommentatoren sprechen beim Sewach Sch’lamim vom »Opfer des Wohlbefindens«, was ei­ne Festgemeinschaft durchaus zum Ausdruck bringt – ein Zeichen der erreichten Wohlfahrt, die wir gemeinsam feiern.

Wiederum andere Kommentatoren sprechen von einem »Grußopfer«. Tatsächlich ist »Schalom« auch der hebräische Gruß. Wer ein Sewach Sch’lamim spenden wollte, sendete so etwas wie Grüße nach ganz oben. Das ist mehr als Dankbarkeit. Es bedeutet, sich auch bei Gott wieder in Erinnerung zu bringen – ihn einzuladen und an den Festen der Menschen teilhaben zu lassen.

Bald ist Pessach, viele von uns sind be­reits in Sedervorbereitungen. Da ermuntert uns der Wochenabschnitt Zaw mit seinen Ausführungen zum Sewach Sch’lamim, einen solchen Gruß nach oben zu schicken – und zugleich diejenigen an den Tisch einzuladen, die unsere Festgemeinschaft vollständig machen.

Die Autorin ist Rabbinerin des Egalitären Minjans in Frankfurt am Main und Professorin für Jüdische Studien an der Universität Paderborn.


inhalt
Der letzte Schabbat vor dem Pessachfest wird »Schabbat Hagadol«, der erhabene Schabbat, genannt. An diesem Schabbat bereitet man sich auf das bevorstehende Fest der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens vor. In der Toralesung am vergangenen Schabbat sind die fünf Arten von Opfern eingeführt worden. Im Wochenabschnitt Zaw werden sie nun näher erläutert: das Brand-, das Friedens-, das Sünd- und das Schuldopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Dem folgen die Schilderungen, wie das Stiftszelt eröffnet und Aharon mit seinen Söhnen ins Priesteramt eingeführt wird.
3. Buch Mose 6,1 – 8,36

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