Feiertage

Pessach, Panik und Putzwahn

Für viele Familien bedeuten die Festvorbereitungen großen Stress. Wie bleiben wir gelassen?

22.03.2018 – von Rabbinerin Gesa EderbergRabbinerin Gesa Ederberg

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Warum nur habe ich zugesagt, diesen Artikel über Pessachputz zu schreiben? Ich habe gerade wirklich keine Zeit dazu, denn ich müsste dringend ... ja, richtig: mich um den Pessachputz und die Pessach-Vorbereitungen bei uns zu Hause kümmern!

Außerdem sind die Listen von letztem Jahr zwar ausgedruckt, aber wir müssen sie noch einmal genau besprechen, an die Zahl der Gäste anpassen, klären, wie viele Vegetarier (oder gar Veganer!) dieses Jahr dabei sind – und wer wann beim Kochen helfen kann.

Und dieses Jahr fallen unsere großen Kinder beim Aufräumen, Putzen, Kochen und Tischeschleppen mehr oder weniger aus: Direkt nach Pessach beginnen die schriftlichen Abiturprüfungen!

Staubsaugen Eine nichtjüdische Freundin meinte einmal, dass es eigentlich unsinnig sei, vor dem Seder so groß zu putzen, wo es doch nach dem Seder mit den vielen Gästen viel nötiger sei. Eigentlich hat sie völlig recht – vor allem, wenn ich mich an das Jahr erinnere, als die Kinder irgendwann ganz leise im Nachbarzimmer spielten, sich nur immer wieder Mazzot holten – und wir erst viel zu spät mitbekommen hatten, dass sie mit der Mazza Schneegestöber gespielt haben! Auch nach dreimal Staubsaugen waren die Krümel noch nicht wieder aus dem Teppich entfernt.

Eine Diskussion, die wir jedes Jahr führen: Wie früh kann man eigentlich mit der Putzerei anfangen – und wie verhindert man, dass wieder Chametz in die schon geputzten Teile der Wohnung getragen wird? Und: Wäre es nicht viel einfacher, schon eine ganze Woche vor Pessach mit dem Chametz-Essen aufzuhören, damit man in Ruhe putzen könnte?

An dieser Stelle protestiere ich immer, denn für mich würde es etwas von der Besonderheit von Pessach wegnehmen, wenn ich schon vorher auf Chametz verzichten würde. Die letzte Pizza vor Pessach und die erste Pizza nach Pessach sind fast schon genauso Teil unserer Pessach-Tradition wie die Mazzeklöße und der Gefilte Fisch.

Wenn ich ans Pessachputzen denke, bin ich immer völlig hin- und hergerissen. Einerseits ist das doch eine wunderbare Lösung: einmal im Jahr gründlich die Wohnung auf den Kopf zu stellen, Ordnung zu machen, in die verstecktesten Ecken zu schauen, endlich mal den Kleiderschrank ausmisten und Dinge wegräumen, die sich schon seit Monaten stapeln.

Spiritualität Und das Ganze dann nicht einfach so, weil es eben sein muss, sondern auch noch mit einer religiösen Begründung – also sozusagen einer Extraportion spiritueller Sinngebung: Ich schrubbe nicht nur einfach Dreck weg, sondern dabei erfülle ich auch noch eine religiöse Pflicht.

Andererseits: Wenn es keine religiöse Pflicht wäre, würde es mir vielleicht viel leichter fallen, mal nicht so genau hinzuschauen und nicht in die übliche Vor-Pessach-Panik zu verfallen, was eigentlich alles noch erledigt werden sollte.

Und der nahtlose Übergang vom Großputz zur großen Kocherei hat es wirklich in sich. Seit Jahren rede ich übrigens davon, dass wir unsere Küche renovieren sollten, und dass der beste Moment dafür doch eigentlich genau vor Pessach sei, denn dann müsste man sie nicht kaschern. Aber, hält mein Mann dagegen, wenn das Renovieren nicht rechtzeitig fertig würde, wäre es eine echte Katastrophe, denn wie soll dann für den Seder gekocht werden?
Das Chametz-Verbot beschränkt sich ja nicht nur aufs Essen, sondern auch der Besitz ist verboten und davon »Nutzen zu haben«. Beim Besitzen ist allerdings nicht die Rede vom letzten Krümelchen in der Ritze unter dem Kühlschrank, sondern der Maßstab ist »Kasajit« – alles, was mindestens so groß wie eine Olive ist.

Und jedes Jahr wiederhole ich, für mich selbst und auch in der Synagoge: Schmutz ist kein Chametz, selbst wenn (zumindest auf Deutsch) fünf der sieben Buchstaben gleich sind.

Gründlichkeit Während normale Kaschrut einen Toleranzspielraum von bis zu einem Sechzigstel hat, also knapp 1,7 Prozent, gilt für Chametz an Pessach: Selbst ein Tausendstel wird nicht annulliert. Auch wenn dies eigentlich nur für das Essen gilt, scheinen wir es auch auf die Gründlichkeit des Putzens anzuwenden.

Es geht bei Pessach jedoch nicht um das Saubermachen und Aufräumen der Wohnung, es geht letztlich nicht einmal um das viele und leckere Essen am Sedertisch (ja, ich höre die Protestrufe: Leckeres und besonderes Essen an Pessach ist wichtig, denn es macht den Tag zu etwas ganz Besonderem!), sondern es geht darum, dass wir uns an die Befreiung der Kinder Israels aus der Sklaverei in Ägypten erinnern.

Sklaverei Wie passt das damit zusammen, dass wir stunden-, ach was, tagelang gründlich putzen, uns sozusagen selbst versklaven, uns dem Putzwahn unterwerfen und dann eben nicht gelassen, sondern gestresst am Sedertisch ankommen?
Es ist fast schon ironisch, dass der Pessach-Kaschrut-Guide der Masorti-Rabbinerkonferenz sagt: »Ein letzter, aber wichtiger Kommentar: Weil die Kaschrut-Regeln zu Pessach so viel strenger sind als im Rest des Jahres, bemühen sich viele fast zwanghaft, den besonderen Regeln zu folgen.«

Wir müssen darauf achten, dass wir diese Regeln nicht benutzen, um geradezu in einen Frömmigkeitswettbewerb einzutreten, und dass wir darüber nicht andere Werte vernachlässigen, wie zum Beispiel, alle Mitmenschen mit Respekt zu behandeln. In diesem Sinne wünsche ich uns allen Chag kascher we-sameach, ein koscheres und frohes Pessachfest!

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

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