Supergirl

»Ich liebe es, stark zu sein«

Naomi Kutin aus New Jersey stemmt Gewichte, bricht Rekorde – und hält Schabbat

08.03.2018 – von Sebastian MollSebastian Moll

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Die Grunzlaute, die aus Naomi Kutins Kehle kommen, sind tief und erdig, so wie das Knurren eines Wolfes, bevor er zum Sprung auf seine Beute ansetzt. Sie passen so gar nicht zu dem Körper, dem sie entstammen, dem eines schlanken 1,65 Meter großen pubertierenden Teenagers.

Man sieht der 16-jährigen Amerikanerin nicht an, dass sie »das stärkste Mädchen der Welt« ist, wie sie genannt wird, seit sie im Alter von neun Jahren anfing, die Rekorde im Powerlifting abzupflücken wie überreife Früchte. Naomi ist nicht bullig oder übertrieben breitschultrig, eher grazil. Doch als sie entschlossen unter die Gewichtsstange im Kraftkeller ihres Elternhauses in einem kleinbürgerlichen Vorort von New York tritt, springt ihr die Kraft nur so aus den Augen.

Naomi schaut zum Putz der niedrigen Kellerdecke, stößt noch einen Schrei aus, bei dem die Adern ihres Halses hervorspringen, und stemmt die Stange mit den riesigen Scheiben, die mehr als das Doppelte ihres Körpers wiegen, in die Luft. »Komm jetzt, komm«, schreit ihr Vater Ed Kutin sie an, ihr kleiner Bruder Ari klatscht aufgeregt in die Hände. Naomi geht langsam in die Knie und kommt dann, mit der ganzen Körperspannung, die sie aufbieten kann, zitternd wieder zum Stand. Zur Belohnung gibt es ein »High five« vom Papa und eine Umarmung vom Bruder.

familie Später am Abend, im Wohnzimmer der Familie, das vollgestopft ist mit jüdischen Devotionalien wie Keramikfiguren von Moses und Abraham, ist es Naomi ein wenig peinlich, dass wir sie so erlebt haben. »Ich bin im richtigen Leben nicht so – so zornig und laut«, sagt sie »Nur, wenn ich Supergirl bin.«

»Supergirl«, das ist der Spitzname, den Naomi Kutin sich in der Heber-Szene erworben hat. Selbst unter den harten Männern und Frauen des Kraftdreikampfs »Powerlifting«, einer Disziplin, die kulturell irgendwo zwischen olympischem Gewichtheben und Bodybuilding angesiedelt ist, sorgte Naomi Kutin von Anfang an für Staunen und Bewunderung. Mit noch nicht einmal zwölf Jahren brach sie die Rekorde von Frauen, die dreimal so alt waren wie sie, und hob fast das Dreifache ihres Körpergewichts.

Der Spitzname blieb haften. Naomis Social-Media-Konten mit dem Namen Supergirl haben Zehntausende von Followern. Und im vergangenen Jahr lief in amerikanischen Programmkinos ein einstündiger Dokumentarfilm über Naomi mit dem gleichnamigen Titel.

powerlifting »Supergirl« hat Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weit über die Subkultur des Powerliftings hinaus – einer Randsportart, die in muffigen Turnhallen und Hotelsälen von amerikanischen Kleinstädten stattfindet und gewöhnlich eher ein Arbeiterpublikum im amerikanischen Hinterland anzieht als eine gut situierte jüdische Familie aus einem New Yorker Vorort.

Naomi überschreitet Grenzen – mit ihrem außergewöhnlichen Talent, aber auch kulturell. Ein orthodox-jüdisches Mädchen, das Gewichte stemmt, das ist so ungewöhnlich, wie ein kräftiger Zwei-Meter-Riese, der Synchronschwimmen betreibt.
Doch für die Kutins ist es Normalität, es ist ihr Leben. Nichts daran wirkt gezwungen, die Familie ist organisch in das Abenteuer hineingewachsen.

Ed Kutin hat das Powerlifting während seines Studiums am renommierten Massachusetts Institute of Technology kennengelernt. Als Ausgleich zu dem anstrengenden Studium trainierte er in einem schmuddeligen Gym in Boston und wurde so in die Szene hineingezogen, die für ihn eine Gegenwelt zu der Eliteschmiede darstellte, der er tagsüber angehörte.

wall street Kutin gab die Leidenschaft niemals ganz auf, auch nicht, während er an der Wall Street Karriere machte und gemeinsam mit Neshama, einer zum Judentum konvertierten evangelikalen Christin aus Colorado, eine Familie gründete. Doch es war niemals Ed Kutins Ziel, seine Kinder in seine Welt hineinzuziehen, auch wenn Kritiker ihm heute vorwerfen, über Naomi seine eigenen Ambitionen als Gewichtheber auszuleben.

Sicher, Ed Kutin nahm Naomi und Ari einmal mit in seinen Kraftkeller, den er sich in ihrem Reihenhaus eingerichtet hatte. Er ließ sie spielerisch herumprobieren, doch er drängte sie nie dazu, ernsthaft mit dem Sport anzufangen. »Es war viel eher so, dass es für Naomi eine Gelegenheit war, Zeit mit ihrem Vater zu verbringen«, sagt Neshama.

Naomi bestätigt das: »Ich mache das alles nicht, weil es jemand von mir verlangt. Ich habe mir das selbst ausgesucht.« Natürlich konnte niemand vorhersagen, dass Naomi ein so ungewöhnliches Hebertalent ist, dass sie sich im Handumdrehen in »Supergirl« verwandeln kann – eine Fähigkeit, die sich niemand so richtig erklären kann. »Sie ist eigentlich zu groß und zu schlank«, sagt Ed Kutin.

batmizwa Die beste Erklärung für Naomis Supergirl-Fähigkeiten hatte vielleicht der Rabbi der Kutins, der Naomi bei ihrer Batmizwa mit Jakob verglich, dem biblischen Gewichtheber, dessen Charakterstärke – und nicht seine Muskelkraft – ihm dabei half, einen Mühlstein von einem Brunnen zu heben. »Naomi kann ein ungeheures Selbstbewusstsein entwickeln, wenn sie an die Stange tritt«, sagt Neshama.

Aus dem Vater-Tochter-Spiel von einst ist heute ein Familienunternehmen geworden. Nicht alles, aber sehr vieles im Hause Kutin dreht sich um die Laufbahn von »Supergirl«.
Dreimal in der Woche trainiert Naomi mit ihrem Vater im Hauskeller, an dessen Wand komplizierte Tabellen mit Gewichten, Wiederholungen und Trainingszielen hängen. Die Sonntage gehören komplett dem Training, dann gehen Ed und Naomi zusammen ins Fitnessstudio und zum Joggen. Und während der Wettkampfsaison reist die Familie beinahe an jedem Wochenende irgendwo in den USA umher. Nur am Schabbat ruht die Familie, da werden keine Gewichte gestemmt, auch nicht, wenn irgendwo ein Wettbewerb ist.

Mit dabei ist immer Ari, der seine Superschwester über alles anhimmelt. Auch er hebt, wenn auch bei Weitem nicht so erfolgreich wie Naomi, und es ist rührend, wie sie ihn ebenso enthusiastisch unterstützt und anfeuert wie umgekehrt. Es herrscht eine tiefe Verbindung zwischen den beiden Geschwistern, man hat das Gefühl, sie würden alles füreinander geben. »Wenn ich höre, dass irgendjemand Ari hänselt oder ärgert, bekommt er es mit mir zu tun«, sagt Naomi.

Dieser Geist der Fürsorglichkeit ist überall im Hause Kutin intensiv zu spüren. Vielleicht ist er es auch, der es Naomi erlaubt, über sich hinauszuwachsen und Supergirl zu sein – und der ihr jenes Wissen verleiht, dass alle hinter ihr stehen, sie alles kann und nichts muss. »Es ist mir wichtig, dass sie das Gefühl hat, sich verwirklichen zu können, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen«, sagt Neshama. Ein Gefühl, dass Neshama selbst als Mädchen in einem repressiven christlichen Haushalt im amerikanischen Westen niemals hatte.

muskeljüdin Dafür riskiert Neshama Kutin auch, in der orthodoxen Gemeinde anzuecken. »Sicher gibt es einige, die es nicht für richtig halten, dass meine Tochter einen solchen Sport macht. Aber für mich ist es wichtig, dass Naomi etwas tun kann, was sie liebt und was sie richtig gut kann.«

Und daran, dass Naomi das Gewichtheben liebt, kann kein Zweifel bestehen. Als sie wegen einer Migräne im vergangenen Jahr zwei Wochen pausieren musste, saß sie zwei Tage lang weinend in ihrem Zimmer. »Es ist mein Leben, es ist meine Identität«, sagt sie. Und: »Ich liebe es, stark zu sein.« Wenn ihre Freundinnen aus der Jeschiwa sie etwa witzelnd als ihren Bodyguard bezeichnen, dann fühlt sie sich geschmeichelt.

Die Muskeljüdin zu sein, das ist für sie nicht einmal ein Tabubruch oder der Bruch eines Klischees. Solche Einengungen hat ihre Familie stets von ihr ferngehalten. Eine starke junge Frau zu sein, ist für Naomi Kutin, das Supergirl, einfach nur schön.

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